Charles Lewinskys Roman „Der Stotterer“ handelt von der Kunst der Lüge

Charles LewinskySchweizer SchriftstellerFoto: Maurice Haas/Diogenes Verlag

Man sollte meinen, dass ein erfolgreicher Trickbetrüger eins nicht haben darf: einen Sprachfehler. Aber den Ich-Erzähler in Charles Lewinskys Roman „Der Stotterer“ hindert das nicht, überaus erfolgreich den sogenannten „Enkeltrick“ anzuwenden, bei dem er alten Damen das Vermögen abschwindelt. Bis ihn die Polizei erwischt und er seine verdiente Strafe im Gefängnis absitzt, wo ihn der „Padre“, der Gefängnispfarrer, zum Schreiben bringt. So erfolgreich, dass er am Ende seiner Haftstrafe einen Bestseller im Buchhandel hat.

Die Lüge, so das Fazit, gehört als Kernkompetenz zur Schriftstellerei wie zum Verbrechen.

Lewinskys Roman allerdings geht nicht so geradlinig voran. Seinen stotternden Helden Johannes Hosea Stärckle lässt der Schweizer Schriftsteller in verschiedenen Dokumenten zu Wort kommen: Zunächst die Briefe an den „Padre“, außerdem ein geheimes Tagebuch und Briefe an andere Empfänger sowie die „Fingerübung“ überschriebenen Erzählungen, in denen Stärckle seine Situation verarbeitet – und eben das Schreibhandwerk trainiert. Und je länger man die vermeintlich offenherzigen Bekenntnisse dieses nicht zungen- aber wortgewandten Berufsbetrügers verfolgt, desto weniger mag man ihm glauben.

Was stimmt denn jetzt an der schweren Kindheit mit dem fanatisch religiösen Vater, der einem christliche Sektenführer folgt? Wie wurde die Rache am Gemeindeältesten Bachofen wirklich geübt, und von wem? Stärckle liefert oft mehrere Versionen einer Geschichte ab. Was er dem Padre als Memoiren anbietet, das baut er von Brief zu Brief auf wie eine Fernsehserie, jedes Mal mit einem Cliffhanger am Ende. Der Leser mag stöhnen über die Arroganz dieses Helden, der seine Bildung mit Zitaten aus Bibel und von Schopenhauer ausstellt, mit Anspielungen auf Goethe, Rilke, Flaubert, Shakespeare. Und Lewinsky trägt ganz dick auf mit Wortspielen, Selbstbewusstsein, Witz. Sein Held fordert den Pfarrer zum Duell mit Bibelzitaten. Über seine erste erfolgreiche Lüge schreibt er: „So muss sich Picasso gefühlt haben, als er zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand hielt.“ Da wimmelt es von Bonmots wie „Bloß weil man Theologie studiert hat, ist man noch kein Kirchenlicht.“ Einen Streich gegen Nils, den Diktator der Schulklasse, der den Stotterer immer wieder triezte und dafür in eine ausgetüftelten Racheaktion peinlich entblößt stand, kommentiert der Erzähler: „Sein Würstchen hatte ihn ein für alle Male zum Würstchen gemacht.“

Man kann das nervig finden, wie oft Johannes Hosea betont, dass „Geschichtenerfinder … gute Lügner“ sein müssen. Aber das ist ja nicht das Ende seiner Geschichte. Er gibt in diesem trickreich gebauten Text so oft zu, ein Detail erfunden zu haben, er schlägt erzählerische Finten als Ablenkung – um dem Leser die nächste Lüge besser unterjubeln zu können. Alles ist Manipulation, nichts darf man glauben. Aber ein Vergnügen ist es doch, diese Gangstergeschichten um den Drogenschmuggel in der Bibliothek und den großen Boss, der sich in einen hübschen Mithäftling verknallt und vom Stotterer Liebesbriefe verfassen lässt.

Lewinsky legt doch auch die Karten, mit denen er uns täuscht, auf den Tisch. Wie Quellenangaben tauchen an den passenden Stellen die Werke und Autoren auf, bei denen er sich bedient hat, von Rostands „Cyrano de Bergerac“ bis zu Manns „Felix Krull“. In seinem Tagebuch notiert Staerckle: „Ich bin nicht, was ich schreibe, und ich schreibe nicht, was ich bin. Ich erfinde.“ Ein selbstreflexiver Unterhaltungsroman, die die Versatzstücke von Klassikern und Genreliteratur lustvoll immer neu zusammensetzt. Eine herrlich abgründige Rollenprosa, deren Held nie greifbar wird, aber in immer neue Schurkenrollen schlüpft.

Lewinsky ist schuldig. Er betrügt literarisch, stiehlt und stapelt hoch. Aber es dient dem Vergnügen des Lesers.

Charles Lewinsky: Der Stotterer. Diogenes Verlag, Zürich. 410 S., 24 Euro

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