Charles Darwents Biografie über den Künstler und Lehrer Josef Albers: Der Mann, der Augen öffnete

Josef Albers vor einem Druck der „Washburn College Bible“.
+
Josef Albers vor einem Druck der „Washburn College Bible“.

Bei Josef Albers (1888-1976) denkt der Kunstfreund sofort an die berühmte Gemäldeserie der „Homages to the Square“. Vielleicht fällt einem auch das Bauhaus ein, wo er erst lernte, dann lehrte. Aber welche internationale Bedeutung der in Bottrop geborene Künstler hatte, ist vielen nicht bewusst.

Ein Indiz dafür mag sein, dass die grundlegende Biografie von einem britischen Kunsthistoriker vorgelegt wurde. Charles Darwent hat drei Jahre lang an dem Buch mit dem schlichten Titel „Josef Albers. Leben und Werk“ gearbeitet. Es ist ein Glück, dass man es nun auch auf deutsch lesen kann.

Vieles meint man ja zu wissen seit der großen Ausstellung 2018 in der Villa Hügel, die dem Besucher vor Augen führte, dass die rund 2000 Fassungen der „Hommagen an das Quadrat“ ein zwar wirkmächtiger Teil des Gesamtwerks sind, aber eben auch eine späte Blüte. Albers war schon 62 Jahre alt, als er 1950 zum ersten Mal die berühmte Bildkonstellation aus sich überlagernden Quadraten schuf. Schon davor war er ein produktiver und origineller Künstler gewesen. Und nach seiner Emigration in die USA wurde er zu einem der wichtigsten Kunstlehrer, der so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Eva Hesse, Robert Rauschenberg, Donald Judd und Richard Serra unterrichtete. Aber Darwent weiß zu all diesen und vielen anderen Aspekten mehr zu berichten.

Schon das der Chronologie vorangestellte Kapitel über die Quadrat-Bilder erhellt. Da grenzt Darwent Albers‘ ausschweifende, nie zu einem Ende findende Auseinandersetzung mit dieser geometrischen Grundform ab gegen das berühmte „Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch, mit dem der russische Maler eben genau das Gegenteil wollte: Einen Schlusspunkt setzen, ein Urbild, über das man nicht mehr hinaus konnte.

Darwent zeigt mit einem Schema das Konstruktionsprinzip, das der Serie zugrunde lag. Er beschreibt so wunderbar poetisch und zugleich hellsichtig die „Homages“ als „Akte der Rettung oder vielleicht Erlösung unglamouröser Farben, billiger Materialien, alltäglicher Techniken“. Er scheut sich nicht, die handfesten Seiten dieser Werke aufzudecken, dass zum Beispiel Albers auf den Rückseiten exakt aufschrieb, wie er sie hergestellt hat, von der Grundierung bis zu den benutzten Farben und dem Firnis. Er gibt das so anschauliche Zitat des Künstlers wieder, dass er auf die auf einem Tisch liegenden Masonit-Platten die Farbe verstrich „wie Butter auf Pumpernickel“.

Darwent zeichnet den Künstler als Menschen voller Widersprüche. Bei Albers trifft sich oft das Praktische mit dem Spirituellen. Es erklärt sich vielleicht aus seiner Herkunft. Anders als zum Beispiel die meisten Bauhaus-Lehrer entstammte Albers einer kleinbürgerlichen Handwerkers-Familie. Sein Vater war Malermeister in Bottrop. Albers legte Wert darauf, schon zu Hause viele handwerkliche Fähigkeiten erworben zu haben. Dass er am Bauhaus die Klasse für Wandmalerei belegen sollte, empfand er als überflüssig, weil er dieses Wissen von seinem Vater bereits erworben hatte. Zugleich prägte ihn der in Westfalen vorherrschende Katholizismus, den er in den USA wieder entdeckte. Da besuchte er täglich die Messe.

Darwent schildert Albers‘ schwierigen Weg zur Kunst. Zunächst absolvierte er eine Lehrerausbildung, musste einige Jahre als Volksschullehrer unterrichten, ehe er Kunst studieren konnte, in Berlin, Essen, schließlich in München. Das Bauhaus lockte ihn. Aber seine Zeit dort war von Konflikten und Rivalitäten bestimmt. Mehrfach hatte er den Eindruck, dass andere ihm vorgezogen wurden. Auf Laszlo Moholy-Nagy entwickelte er einen regelrechten Hass. Erst 1930 bekam er eine Professur. Drei Jahre später floh er in die USA – er war künstlerisch unerwünscht, und seine Frau Anni als Jüdin bedroht.

In den USA entwickelte er sich am Black Mountain College in North Carolina zum charismatischen Kunstlehrer, obwohl er anfangs kein Wort Englisch sprach und später seinen deutschen Akzent wohl sehr kultivierte. Viele Schüler beeindruckte er sehr. Dabei war sein Impuls gerade nicht, Kunst zu unterrichten. Er wollte das Sehen lehren, oder, wie er es einmal formulierte: „to make open the eyes“. Aber er konnte auch schwierig sein. Da teilte er schon mal eine Ohrfeige aus oder trampelte auf einem Werk, das er für misslungen hielt, herum. Einen Studenten, dessen Arbeiten den „Homages“ zu sehr ähnelten, schrie er wütend an: „Das ist meins. Geh und such dir dein eigenes.“

Darwent ergreift in seiner lebendigen und mit Anekdoten gespickten Biografie Partei für Albers. Aber er schont ihn nicht. So erfährt man, wie Albers den Dessauer Bauhaus-Rektor Hannes Meyer als Kommunisten denunzierte, um seinen Fachbereich zu erhalten. Auch später in den USA scheute Albers vor Hochschul-Intrigen nicht zurück. Auch privat gibt sein Leben einiges her: Darwent stellt die Frage, ob Polyamorie zum Ehevertrag mit Anni Albers gehörte. Der Künstler hatte immer wieder Affären, zuweilen länger dauernde Beziehungen. Und er wäre heute vielleicht ein Fall für die „Mee-Too“-Bewegung, denn er begrapschte Studentinnen, küsste eine auf den Mund.

Darwent benennt all das in Klarheit, ohne es zu skandalisieren. Er lässt die Widersprüche stehen beim Frauenhelden, der sich weigerte, Aktzeichnen zu unterrichten, weil er das obszön fand. Politisch lehnte es Albers ab, gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Er fühlte sich den USA verpflichtet, die ihm und seiner Frau Zuflucht vor den Nazis gewährten. Aber er setzte sich dafür ein, die Lehre für Frauen und für Farbige zu öffnen, was zum Beispiel in Yale bis 1969 abgelehnt wurde.

Minuziös folgt Darwent auch der künstlerischen Entwicklung von Albers, stellt die Glasarbeiten der Bauhaus-Zeit vor, die von der Kunst Mexikos beeinflusste Malerei der 1930er Jahre, die verschiedenen Arbeiten im öffentlichen Raum wie das Fenster „White Cross“ für den Abt der St. John‘s Abbey.

Der Leser bekommt hier eine lebendige, facettenreiche Würdigung. Ein Nachwort von Heinz Liesbrock, Direktor des Bottroper Josef Albers Museums, zeichnet noch die „Langsame Heimkehr“ des Künstlers in der Nachkriegszeit nach. Es ist die deutsche Perspektive auf einen Welt-Künstler. Einen Solitär nennt Liesbrock ihn, und er zitiert, wie Albers seine Malerei selbst charakterisiert: „Ich versuche, die Stille einer Ikone zu schaffen. Darum geht es mir: die meditativen Ikonen des 20. Jahrhunderts.“

Charles Darwent: Josef Albers. Leben und Werk. Deutsch von Britta Schröder. Piet Meyer Verlag, Bern/Wien. 496 S., 35 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare