Cate Blanchett spielt in Recklinghausen „Groß und klein“ von Botho Strauß

+
Berührender Moment: Cate Blanchett und Chris Ryan in dem Stück „Gross und Klein“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–Mit Hollywoodstar Cate Blanchett setzen die Ruhrfestspiele weiter auf große Filmschauspieler. Das Konzept von Festivalleiter Frank Hoffmann hat den Theaterwochen am Grünen Hügel zusätzliches Format verliehen und geht auch mit der Australierin auf. Cate Blanchett (43), die bereits 2008 in Recklinghausen gastierte („Blackbird“), ist mit ihrer Theatergruppe auf Europatour: London, Paris, Wien. Zusammen mit ihrem Mann Andrew Upton führt sie die Sydney Theatre Company.

Cate Blanchett bringt ein deutsches Stück mit. „Groß und klein“ von Botho Strauß, 1978 uraufgeführt, wird es nur noch ganz selten gespielt. Übersetzt von Martin Crimp erhält die Hauptfigur in Straußens Gesellschaftsdrama eine zweite Chance. Die junge Lotte-Kotte ist bei Botho Strauß ein Medium, um die herzkranke und politisch bankrotte Bundesrepublik der 70er Jahre zu skizzieren. Der Druck nach innen, der auf jeden Bürger wirkte, der die RAF-Terrorjahre und den Ost-West-Konflikt absorbieren musste, der führte Botho Strauß die Feder. Lotte-Kotte ist seine Frauen-Figur, die keinen Anschluss mehr zwischen Remscheid-Lennep, Saarbrücken und Sylt findet. Statt Liebe erfährt sie Ignoranz und Schläge, statt Familie erntet sie Ablehnung, statt Freundschaft spürt sie Missmut und Überheblichkeit, statt Nachbarschaft nur Irritation und Distanz.

Was nun? Regisseur Benedict Andrews setzt in Recklinghausen den hartrandigen Menschenprofilen aus „Groß und klein“ eine Frau mit Absichten entgegen. Cate Blanchett demonstriert gleich im ersten Bild, dass mit ihr zu rechnen ist. Von der Reisegruppe getrennt lauscht sie zwei Männern, den „Superstimmen“, irgendwo in Marokko. Blanchett zieht sich an der Bluse, schnuppert unter ihren Achseln, versprüht das Deo auch im Intimbereich. Sie kennt das Leben, ist pragmatisch, selbstironisch und keine Mimose. Dass sie in Andrews Inszenierung letztlich auch zum Opfer wird, ist am Anfang noch nicht spürbar. Zwar wecken die Männer Hoffnung in ihr, aber als sie fern bleiben, zieht Lotte-Kotte ihr Haarteil ab. Dann eben nicht! So kann das Leben auch sein.

„Groß und klein“ wird zu einer Bilderfolge, in der Cate Blanchett merkwürdige Begegnungen mit ihrer Erscheinung kommentiert. Damit bewegt sich die Inszenierung weg vom Deutschland der 70er Jahre hin zu einem Modernismus, der jede Absurdität parat hält. Selbst wenn ein 17-jähriges Mädchen ein Zelt bewohnt, und damit in einem Apartment hin und her huscht. Als Lotte-Kottes Ex-Mann ihr den Mund verbietet, kontert Blanchett mit einer Slapstick-Einlage diese Machogewalt. Sie versucht immer noch was, reagiert jedesmal. Vor dem Klingelschild eines kafkaesk schmalen Miethauses – minimalistische Bühne von Johannes Schütz – ringt sie um ihre Schulfreundin Meggy, die sie nicht rein lässt. Auf einem Gartenfest tanzt sie so ausgelassen und unkonventionell, dass bereits vor den ersten Dialogen klar ist, hier hocken nur Spießer, Sexisten und Idioten am Grill. Im Büro kontert sie ihren überkorrekten Kollegen mit Sturzhelm, Lederjacke und Schlitten. Wie hält man den sonst aus?

Blanchett ist komödiantisch, und sie zeigt tragikomische Größe. An der Bushaltestelle überwindet Lotte-Kotte die kleinmütige Lebenshilfe eines Mannes und hält sich an einer spirituellen Vision. Dies wirkt bei ihr ganz lebensnah, auch wenn die Geschichte idealistische Wurzeln hat.

Blanchett bietet ein Star-theater von der besseren Seite, weil sie keinen Star spielt, sondern eine Frau, die nicht aufgibt, sie selbst zu sein.

29., 30., 31. Mai, 1., 2. Juni; Tel. 02361 / 92 180. In Englisch mit deutschen Übertiteln.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare