WLT Castrop-Rauxel inszeniert Volker Kutschers „Marlow“

Gereon (Maximilian von Ulardt) und Charly (Franziska Ferrari) tanzen ausgelassen. Szene aus „Marlow“. Foto: beushausen

Castrop-Rauxel – Volker Kutschers Krimis zu Kommissar Gereon Rath im Berlin der 20/30er Jahre sind angesagt. Mit dem Fernseherfolg der X-Filme-Produzenten um Tom Tykwer, die aus dem Buch „Der nasse Fisch“ (2007) die TV-Serie „Berlin Babylon“ entwickelten, ist der Stoff nun auch für die Bühne interessant geworden. Jeannette Mohr hat Kutschers siebtes Buch „Marlow“, nach dem Unterweltboss Johann Marlow, zu einem szenischen Spiel um Machtkämpfe im NS-Staat verdichtet, in die auch Kommissar Rath gerät. Im Jahr 1935, als die sogenannten Rassegesetze in Kraft traten und die Verfolgung der Juden juristisch legitimiert wurde, konkurrierten Hermann Göring, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich um Hitlers Gunst. Ein Thema, das Kenntnisse voraussetzt, wie die NS-Machthaber den Staatsapparat für ihre verbrecherischen Zwecke umbauten. Wen bewegen diese Verwerfungen im Führer-Staat angesichts aktueller Probleme? Während unsere Demokratie wegen Corona-Leugnern und Rechtspopulisten unter Druck gerät, war sie im Deutschland des 30. Januar 1933 längst erledigt.

Regisseur Markus Kopf verlässt sich am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel ganz auf die Sogwirkung kriminalistischer Detailarbeit, bei der Hauptfigur Gereon Rath zwischen die Fronten gerät. „Die bespitzeln sich doch alle“, sagt Rath, den Maximilian von Ulardt als feschen Typen und harten Ermittler zeigt. Als er beim Reichsparteitag in Nürnberg vom Enthusiasmus der Massen ergriffen wird und „heil, heil, heil“ brüllt, verwandelt sich Ulardt in einen Menschen, der sich verliert. Angesichts seiner eigenen Verführbarkeit wird ihm schlecht. Rath verschwindet kotzend zwischen den Kartontürmen, die Manfred Kaderk (Ausstattung) in die Stadthalle Castrop-Rauxel gestellt hat. Die Bühne wirkt wie eine staubige Aservatenkammer mit Bürotischen. Hier werden meist Schlaglichter aus der Handlung gesetzt, so dass für Figurenführung kaum Zeit bleibt. Die Spielmomente, in denen Rath mit seiner Charly turtelt oder beide ausgelassen zur Jazz-Musik tanzen, erinnern mehr an „Babylon-Berlin“-Bilder, als das die Inszenierung wirklich erfrischt wird. Schwung und Gefühle verlieren sich schnell im spröden Ermittlungsalltag. Franziska Ferrari ist im blumigen Kleid die lebenslustige Frau Rath, die am liebsten weg will. Sie hat den Nazi-Staat satt, streitet sich laut und ruppig mit Gereon, dem sie sogar vorwirft, eigenen Interessen bei den Ermittlungen zu folgen. Rath arbeitet mittlerweile im Landeskriminalamt und geht einem Taxi-Unfall mit zwei Toten nach.

In einer Rahmenhandlung der Inszenierung wird der Mordversuch an Marlow (Mike Kühne) gezeigt, der von Görings Schergen gestellt wird, und nur entkommt, weil ihn sein Sohn Liang Kuen Yao (Tobias Schwieger) hilft, der dabei selbst tödlich getroffen wird. Dass Marlow lange privates Vermögen von Juden einkassiert hatte, um den Gewinn mit dem Reichsluftfahrtsminister Göring zu teilen, wird im Stück nach und nach aufgedeckt. Es geht in „Marlow“ um Verrat, Menschenverachtung, Judenverfolgung, Mord und wie sich die skrupellose Rechtlosigkeit der NS-Größen durchsetzte. Das ist nicht neu und wirkt im adaptieren Kutscher-Krimi geschichtsschwer wie überfrachtet.

Weshalb SS-Mann Gerhard Brunner im Taxi sterben musste, beschäftigt Gereon Rath. Bezüge stellen zwei Erzähler (Samira Hempel, Mario Thomanek) zu einer Gasexplosion von 1927 her, als Charlys Vater Christian dabei ums Leben kam. Die Ermittlungen sind hoch komplex. Der Stoff wirkt vorgeführt.

Dagegen rühren die Melodien der Comedian Harmonists („Ich hab’ so Sehnsucht, ich träum’ so oft“). Aber „Ein kleines Stückchen Glück“ war 1935 im NS-Staat schwer zu finden. Die Comedian Harmonists mussten wegen der Rassegesetze ihr Sextett auflösen, drei Juden waren Joseph Goebbels zuviel im Kulturbetrieb. Der Holocaust wurde vorbereitet.

20. 10. Lünen, 3. 11. Witten, 18. 11. Lüdenscheid, 27. 11. und 23. 1. Castrop-Rauxel, 9. 3. Unna (eine Auswahl). www.westfaelisches- landestheater.de

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