„Building the Garden“: Städtische Galerie Paderborn zeigt Seet van Hout

Frei hängend wurde Seet van Houts Bild „Red Greenhouse“ in die Städtische Galerie in der Reithalle installiert. Foto: stiftel

Paderborn – Es wuchert und rankt in Seet van Houts Gemälde „Grote Warbloem“ von 2010. Da sind zum einen wolkige Gebilde aus Rot und Grün. Die hat die niederländische Künstlerin mit Acrylfarbe direkt auf die Leinwand geschüttet. Zum anderen gibt es in dem 2,40 Meter hohen Werk feine Linien, die tatsächlich auf Pflanzen verweisen. Die sind nicht gemalt, sondern mit rotem Garn gestickt.

Die Freunde der Städtischen Galerie in der Reithalle in Schloss Neuhaus müssen sich umstellen. Die bisherige Leiterin Andrea Wandschneider setzte auf Altmeister, die Kunst des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne. Sie ist nun im Ruhestand. Ihre Nachfolgerin setzt mehr auf Gegenwartskunst und steigt gleich mit der Einzelschau der Malerin aus Nijmegen ein.

Der Raum wurde verändert, Stellwände entfernt, die Fenster geöffnet. Die Schau „Building the Garden“ verwandelt die Reithalle, hat installative Momente. So hängen zwei Arbeiten auf monumentalen Papierbahnen frei im Raum. So kann man bei „Red Greenhouse“ (2010), besonders wenn man die „Rückseite“ aus dem Raum zur Tür hin anschaut, sehen, dass in das Papier filigrane Linien gestochen wurden.

Allerdings erleichtert die Ausstellung dem Besucher die Umstellung: Seet van Hout knüpft an die Tradition der niederländischen Blumenstillleben an. So ist auch ein prächtiges Beispiel ausgestellt, ein Werk von Bartholomé van Winghe von 1667. Und Seet van Hout erfindet ihre floralen gestickten (manchmal gezeichneten) Linien nicht einfach. Sie zitiert mit ihnen die berühmten Aquarelle und Stiche der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian und andere alte Kräuter- und Apothekenbücher.

Rund 50 Arbeiten von Seet van Hout sind in Paderborn zu sehen. Das Motiv des Gartens ist nicht unbedingt naturalistisch zu verstehen, auch wenn die 1957 geborene Künstlerin in ihren Bildern ausgiebig Naturformen verarbeitet. Aber der Garten steht auch für innere Prozesse, für das, was sich im Kopf abspielt. So ist vielleicht auch der Titel des eingangs beschriebenen Bildes zu verstehen: In „Grote Warbloem“ steckt zwar auch die Bloem, die Blume, aber es lässt sich auch als „große Verwirrung“ übersetzen. Das hat auch biografische Bezüge: Lange arbeitete van Hout mit Terpentin als Verdünner. Sie schüttete die Farbe auf die großen Leinwände in ihrem Atelier, wo sie auch wohnte. Bis ihr auffiel, dass sie Gedächtnisstörungen bekam. Wohl Folge des Umgangs mit dem Lösungsmittel, wie sie nun erfuhr. Seitdem fasziniert sie das Gehirn, die inneren Vorgänge, das Funktionieren von Erinnerung. Nicht zufällig erinnern manche Gebilde in ihren Bildern an Gehirne.

Reizvoll an Seet van Houts Arbeit ist die Mischtechnik. Malerei wird erweitert, entweder durch kunsthandwerkliche Techniken wie Sticken und Nähen von Linien, die sie wirklich selbst ausführt, wie ein kleines Video in der Schau zeigt. Oder eben das Lochen der Papierbahnen, das ebenfalls die materielle Präsenz ihrer Arbeiten betont: Die Bilder sind Objekte, sollen nicht illusionistisch wirken. So sieht man immer wieder Fadenenden herabhängen. Und der Kontrast zwischen der verlaufenden Farbe und den schillernd-dichten Schraffuren der Fäden hat visuelle Kraft.

In einigen Arbeiten der Serie „Blumenzucht“ tropft sie verschiedene Farbe feucht ineinander, so dass sich Verläufe bilden. „Die Farbe malt selbst“, beschreibt van Hout ihr Verfahren. Diese runden, vielfarbig schillernden Gebbilde, eigentlich abstrakt und zufällig, fügen sich zu Sträußen, fast wie in dem barocken Blumenstillleben van Winghes.

Einen besonderer Effekt setzt der „Nachtschatten-Raum“ (2010). In einem abgedunkelten Raum hängen schwarze Bilder mit Stickereien, die der Besucher einzeln mit einer Taschenlampe anstrahlt. Geisterhaft scheinen die Blätter, Blüten, Knospen aus dem Dunkel auf. Und man hat nie den ganzen Raum im Blick, sondern folgt dem matten Licht der abgedämpften Lampe. Der Titel ist übrigens ein deutsch-niederländisches Wortspiel: Nachtschattengewächse sind mal Lebensmittel wie Tomate und Kartoffel, mal Droge wie Tabak, mal Gift (und Heilmittel) wie die Tollkirsche. Im Holländischen heißt Schatten aber Schatz, und flugs sind wir von der Botanik in die Erotik gewechselt.

Bis 15.9., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 881 076, www. paderborn.de/galeriereithalle, Katalog 12 Euro

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