Die Bücher der niederländischen Schriftstellerin Marga Minco

Marga Minco, niederländische Schriftstellerin, im Jahr 2017. Foto: Thomas Doebele

Es gibt herzzerreißende Szenen in „Das bittere Kraut“. Da kommt der Vater nach Hause mit einem Päckchen. Darin hat er Judensterne. „Ich habe für alle welche mitgebracht“, sagt er. Und dann nähen Mutter, beide Töchter und die Schwiegertochter los. Sie denken über farblich passendes Garn nach. Als die Mutter fragt, da sagt der Vater, er habe so viele Sterne bekommen, wie er wollte. Das sei praktisch, meint die Mutter, so habe man noch genug für die Sommersachen.

Marga Minco erzählt von einer gutbürgerlichen Familie in den Niederlanden, die das Verhängnis ahnungslos trifft. Dass die Markierung der Juden einem Zweck dient, dass es hilft, die Opfer zu erkennen, daran denken diese nicht. Nur der Sohn verfällt nicht der naiven Freude am Neuen. Er sagt, er wolle „heute noch einmal normal sein“.

Marga Minco hat im März ihren 100. Geburtstag gefeiert. Sie hat überlebt. Ihre Eltern, ihr Bruder, ihre Schwester wurden von den Nationalsozialisten in Vernichtungslager verschleppt. Bis auf einen Onkel wurden alle ihre Verwandten Opfer der antisemitischen Mörder. Marga Minco hatte 1938 begonnen, für den Bredase Courant zu schreiben. Nach dem Krieg verarbeitete sie die Flucht vor den deutschen Besatzungstruppen, die Repressionen gegen die Juden, ihr Erleben und ihre seelischen Verwundungen in eindringlichen Büchern. In den Niederlanden ist die Schriftstellerin eine feste Größe. 2019 erhielt sie den P.C.-Hooft-Preis, eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen des Landes.

In Deutschland ist Minco praktisch unbekannt, obwohl zum Beispiel der Rowohlt Verlag schon 1959 eine Übersetzung des Bandes „Das bittere Kraut“ herausgebracht hatte. Nun versucht der Arco Verlag, der Autorin die verdiente Aufmerksamkeit zu schaffen. Gleich mehrere Werke legt er vor, darunter den im Original 1957 erschienenen Band „Das bittere Kraut“. Es ist eine Folge lakonischer Miniaturen, in denen das Verhängnis näher kommt. Erst gibt es noch Spielräume. So entzieht sich der Sohn der Einberufung ins Arbeitslager, indem er Tropfen nimmt, die ihn krank machen. Eine ärztliche Bescheinigung schützt da noch. Als die Eltern ins Judenviertel zwangsumgesiedelt werden, glaubt der Vater immer noch: „So lange bleiben wir nicht weg.“

Das „bittere Kraut“ ist fester Bestandteil des Sederabends am Beginn des jüdischen Pessach-Festes. Bei einer rituellen Mahlzeit wird etwas Bitteres wie Meerrettich gegessen, um an die Bitterkeit der Knechtschaft in Ägypten zu erinnern. Im Buch denkt die namenlose Ich-Erzählerin an einen Sederabend, an dem sie vom bitteren Kraut aßen, „damit wir es noch schmecken würden – bis ans Ende der Tage“.

Mincos Erinnerungsprosa ist so lakonisch wie poetisch verdichtet, geschult an Kafka. Den Prager Autor zitiert sie im Roman „Ein leeres Haus“, der 1966 erschien und jetzt erstmals in Übersetzung vorliegt. Darin schildert sie drei Tage im Leben von Sepha, die die Züge der Autorin trägt. Sie hat es geschafft, der Verfolgung zu entkommen. Sie wird heimgesucht von Vergangenheit, obwohl sie den Aufbruch sucht. Sie ist mit Mark verheiratet. Aber sie hat Affären (wie er auch). Verletzungen kommen unverhofft. Zum Beispiel, wenn Sepha per Anhalter reist und der Fahrer ihr ein Foto mit Frau und zehn Kindern zeigt. „Und alle kerngesund.“ Der einzigen Überlebenden einer Familie versetzt das einen Stich: „Aber das Bild blieb mir: die Mutter mit der sauren Miene, der feierlich blickende Vater und die zehn kerngesunden Kinder. Eine komplette Familie.“ Mit so wenigen Worten so viel anklingen zu lassen, das ist Mincos große Kunst. Einmal erzählen sich Sepha und ihre Freundin Yona von ihrer großen, verlorenen Verwandtschaft. Da sagt Yona, sie fühle sich schuldig. Warum? „Weil wir noch da sind.“

Äußerlich geschieht wenig. Drei Tage werden geschildert. Sepha kehrt am 28. Juni 1945 zurück nach Amsterdam und erlebt das Kriegsende. Sepha verbringt den 25. März 1947 in Südfrankreich, eigentlich in Sicherheit, in ländlicher Idylle, aber eben geplagt vom Trauma der Überlebenden, wo ein Weinfleck sofort an Blut denken lässt und wenig später einen Albtraum auslöst, bei dem sie in Blut watet. Und der 21. April 1950 wieder in Amsterdam, wo Sepha schon den Druck spürt: „Du musst dich anpassen“, sagt Mark zu ihr, „Alles ist schon längst wieder normal.“ So normal, dass der deutsche Bundeskanzler Adenauer antisemitische Vorfälle bedauert. An dieser Normalität scheitern manche in diesem intensiven Buch.

Marga Minco klagt nicht an. Sie ist nicht wehleidig. Man spürt einen Überlebenswillen. Manchmal findet sie zu einem tiefschwarzen Humor. Einer neugierigen Dörflerin, die den ganzen Krieg über ihr eigenes Brot buk, erzählt sie vom Hungerwinter „bis ins kleinste Detail. Über das gefilterte Fett, von dem wir Durchfall bekamen, die fauligen Moorkartoffeln, das Brot, das wie nasser Ton war; über die Schwären und offenen Beine. Mir schien es eine Möglichkeit, ihr etwas zurückzugeben.“

Um Erinnerungen geht es auch noch im Roman „Nachgelassene Tage“, der 1997 erschien. Zwei Frauen begegnen sich unerwartet. Die Ich-Erzählerin und Eva Ruppin, eine rechtzeitig in die USA geflohene deutsche Jüdin, wussten nicht voneinander. Aber ihre Vergangenheit ist verknüpft. Die Erzählerin spürt unter anderem den Dingen nach, die jüdische Familien ihren Nachbarn zur Aufbewahrung übergeben hatten. Nach dem Krieg war es oft schwer für überlebende Angehörige, diese Wertsachen zurückzubekommen. Die Nachbarn betrachteten sie oft als ihr Eigentum. Für das Phänomen entstand in den Niederlanden der Begriff „Bewarier“. Im informativen Nachwort erfährt man, dass Minco selbst auf diese Weise um die Reste des Familienerbes gebracht wurde. Der Täter war ausgerechnet der Großvater des Mannes, der der Jury des Hooft-Preises vorstand.

Marga Minco: Das bittere Kraut, 96 S., 18 Euro. Ein leeres Haus, 172 S., 22 Euro.

Nachgelassene Tage, 124 S., 22 Euro.

alle deutsch von Marlene Müller-Haas, Arco Verlag, Wuppertal

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