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Das Ruhr Museum kauft das fotografische Lebenswerk von Brigitte Kraemer

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Von: Achim Lettmann

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Brigitte Kraemer zeigt das Foto 2006 in der Serie „Hindufest Hamm-Uentrop“
Extreme Rituale dokumentiert Brigitte Kraemer 2006 in der Serie „Hindufest Hamm-Uentrop“. © Brigitte Kraemer

Seit 40 Jahren fotografiert Brigitte Kraemer, die gebürtig aus Hamm kommt, Menschen im Ruhrgebiet. Nun wird ihre Arbeit mehr als gewertschätzt. Das Ruhr Museum kauft 400 000 Bildträger Kraemers.

Essen – Für die Fotografin Brigitte Kraemer schließt sich ein Kreis. Seit 1982 fotografiert sie vor allem die Menschen im Ruhrgebiet, ihren Alltag, ihre Freizeit am Kanal, am Kiosk, im Schrebergarten, auf Familienfeiern und religiösen Festen. Kraemer, 1954 in Hamm geboren, lebt seit den 80er Jahren in Herne. Von hier aus erkundet sie die Umgebung – oft mit dem Fahrrad. Ihr Gefühl für unverwechselbare Atmosphären, ihr Gespür für Situationen und ihre Empathie für Menschen, denen sie begegnen will, um sie zu verstehen, um mit ihnen ein Stück zu gehen – diese Eigenschaften charakterisieren das fotografische Werk Kraemers. Nun hat die Fotografische Sammlung des Ruhr Museums in Essen das Lebenswerk von Brigitte Kraemer angekauft. Es sind insgesamt 400 000 Bildträger. Die Reportagefotografien bilden rund 40 Jahre Ruhrgebietsgeschichte ab. Kraemer hatte als junge Fotografin ein Fotostipendium von der Krupp-Stiftung erhalten. „So nah, so fern“ – es ging um die Lebensumstände von Migranten. „Ute sagte, ihr habt ein Jahr“, erinnert sich Kraemer an Ute Eskildsen. Die Leiterin der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang vergab die Krupp-Stipendien an junge Fotografinnen und Fotografen. Das war 1982/83, kurz nachdem Brigitte Kraemer die Folkwangschule für Gestaltung in Essen (1976–1982) mit Auszeichnung im Fach visuelle Kommunikation abgeschlossen hatte. Das Stipendium förderte Kraemers Entschluss, frei zu arbeiten. „Das war der Auslöser“, sagte sie in Essen, als der Ankauf ihres Lebenswerks im Schaudepot auf dem Welterbe Zollverein verkündet wurde. Nun hat sich der Kreis geschlossen. Größer kann die Anerkennung für eine Fotografin im Revier nicht sein. Auch für die Fotografische Sammlung des Ruhr Museums ist das neue Konvolut eine großartige Bereicherung. Die vier Millionen Bildeinheiten der Sammlung umfassen die Fotografie des 19. Jahrhunderts bis heute. Schwerpunkte sind die 50er bis 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Nun wird die Sammlung von über vier Millionen Bildträgern nochmal um zehn Prozent erweitert. Neben 360 000 Fotografien, vor allem in Schwarzweiß, zählen 12 000 Dias, 7000 digitale Datensätze sowie 2000 Farb- und Barytvergrößerungen dazu. Für Stefanie Grebe wird mit Kraemers Werk die Migrationsgesellschaft des Ruhrgebiets auch in der Sammlung sichtbar. Grebe leitet seit 2015 die Fotografische Sammlung und das Ruhr-Archiv. Bisher sind Fotografinnen in der Sammlung unterrepräsentiert.

Für den Direktor des Ruhr Museums, Heinrich Theoder Grütter, ist Brigitte Kraemer die wichtigste Fotografin des Ruhrgebiets. Ihr Spektrum sei einzigartig, sagte Grütter in Essen. Im Jahr erreichen 100 000 bis 150 000 Bildträger durch Schenkungen oder Ankäufe die Sammlung. Vor allem die Krupp-Stiftung fördert seit 1982 künstlerische Fotopositionen, Museumskuratoren, eine Restaurierungswerkstatt und die fotografischen Ausstellungen im Museum Folkwang und dem Ruhr Museum. Außerdem ist das Krupp-Archiv mit 2,5 Millionen Fotografien die größte Firmensammlung in Deutschland. Das Archiv ist Teil des Barbarastollens der Bundesrepublik. In Oberried bei Freiburg werden kulturhistorisch bedeutsame Fotografien bewahrt. Heike Catherina Mertens vom Vorstand der Krupp-Stiftung freut sich, dass mit Brigitte Kraemer die erste Fotografin mit ihrem Werk in die Sammlung des Ruhr Museums aufgenommen wird. In den letzten Jahren waren Bilder von Henning Christoph (2012), Joachim Schumacher, Dieter Münzberg (beide 2016) und Ergun Çagatay (2020) zu den Themen Städtebau, Urbanität und Zuwanderung in die Sammlung gekommen.

Brigitte Kraemer widmet sich gern Themen über eine lange Zeit. „Das ist mein Ding“, sagte sie in Essen. Und: „Ich habe keine Bilder im Kopf, die ich machen möchte.“ Als sie für die Zeitschrift „Brigitte“ Rudi Carrell ablichten sollte, forderte sie der Showmaster auf, ihm Anweisungen zu geben. „Ich konnte dem nichts sagen“, erzählte Kraemer. Oft wurden ihre Auftragsthemen („Kinderprostitution“) erst für sie interessant, als die verabredeten Arbeitstage schon vorbei waren. Folglich entwickelte sie eigene Themen („kriegsverletzte Kinder im Friedensdorf Oberhausen“) und legte die Fotos dann den Redaktionen vor. Die Fotoserie „Mann und Auto“ zählt dazu. „Die Bude“ zeigt die Trinkhallen im Ruhrgebiet, die heute immer seltener zu finden sind.

Als Magazine wie der „Stern“ auf Fotoreportagen verzichteten, war Kraemer mit ihren Serien auf Fotobücher angewiesen: „Autobahn“, „Die Camper“, „Pommes Buden“ (1989), „Schauspielhaus Bochum“, „Vorgarten“, „Wallfahrten nach Werl“ oder „Hindufest in Hamm-Uentrop“ (2006).

Kraemer bewegt sich mit ihrer Kamera in einer Szenerie, die sie interessiert. Hier erspürt sie ihre Momente. „Ich brauche die Beziehung zu den Leuten“, sagte Kraemer. Und so fuhr sie mit einer syrischen Familie zum Amt, wo in der Zeit von 7 bis 14 Uhr fünf Passe ausgestellt wurden. „Ich will wissen, wie das da iss.“

Kraemers Vorbild ist der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson (1908–2004), der für die Agentur Magnum unterwegs war.

Eine große Überblicksschau zu ihrem Werk ist für 2025/26 geplant.

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