Der Briefwechsel von Arno Schmidt und Hans Wollschläger ist erschienen

Hans WollschlägerSchriftstellerFoto: Sahihi/Suhrkamp Verlag

Für die „begierig zuhorchende Nachwelt“ verfasste Arno Schmidt seine Briefe, und er gab sich mit falscher Bescheidenheit nicht ab: „ - das wird ohnehin mal ein schwermütiger Spaß werden, wenn unsere Correspondenz (wie es ja gar nicht ausbleiben kann) gedruckt erscheint, und die bewußten ,Edelmenschen‘ dann, bestürzt die Querhand vor der Stirn, ihr Porträt & das ihres Wirkens ratlos aus (dann wahrscheinlich schon ziemlich schadhaft gewordenen) ,Knopflöchern‘ bestarren.“

Für die „begierig zuhorchende Nachwelt“ verfasste Arno Schmidt seine Briefe, und er gab sich mit falscher Bescheidenheit nicht ab: „ - das wird ohnehin mal ein schwermütiger Spaß werden, wenn unsere Correspondenz (wie es ja gar nicht ausbleiben kann) gedruckt erscheint, und die bewußten ,Edelmenschen‘ dann, bestürzt die Querhand vor der Stirn, ihr Porträt & das ihres Wirkens ratlos aus (dann wahrscheinlich schon ziemlich schadhaft gewordenen) ,Knopflöchern‘ bestarren.“

Das notierte Schmidt 1959. Da war der Autor gerade nach Bargfeld gezogen. Seine Schreibkarriere hatte ihm ein kleines Haus in der Heide eingebracht. Noch immer galt er als „enfant terrible“ der Literaturszene, ein Avantgardist, ein Außenseiter, alles andere als ein Klassiker oder Kultautor, der er später wurde mit dem Mammutwerk „Zettel‘s Traum“ (1970). Und er richtete seine Worte an einen jungen Kollegen, der noch nichts Ernsthaftes veröffentlicht hatte. Hans Wollschläger (1935-2007) war damals freier Mitarbeiter im Bamberger Karl-May-Verlag. Fast 60 Jahre hat es gedauert, bis Schmidts stolze Vorhersage sich erfüllt hat. Aber nun liegt der Briefwechsel vor, mit dokumentarischem Anhang, Kommentaren und Registern füllt er mehr als 1000 Seiten.

Für den Schmidt-Leser ist das allemal eine Fundgrube, lernt er den Autor doch von einer ganz anderen Seite kennen. Das „Gehirntier“, das sich der Außenwelt gegenüber so verschloss, das die Mitgliedschaft in der Gruppe 47 ablehnte so wie zu jeder anderen Gruppe, das Besuch und andere Störungen hasste, der manisch seinem Werk hingegebene Schreiber zeigt sich gegenüber dem jungen Kollegen als väterlicher Freund.

Sie kamen über Karl May in Verbindung. Schmidt hatte eine Vorliebe für den geistigen Vater von Winnetou und Hadschi Halef Omar. Freilich schätzte er nicht die Abenteuerromane, sondern wollte einige wenige Titel in die Hochliteratur aufnehmen. In seiner Studie „Sitara und der Weg dorthin“ (1963) diagnostizierte er eine unterdrückte Homosexualität des Autors und deutete Landschaftsbeschreibungen in den Abenteuerromanen als Sinnbilder für Körperteile. Von Anfang an regte er sich auf über die Textverfälschungen durch den Bamberger Verlag, der mit stilistischen Eingriffen Mays Bücher noch besser verkäuflich machen wollte. Die Verlegerfamilie Schmid wollte sich das damals hochprofitable Geschäft mit May nicht verderben lassen und erwog sogar juristische Schritte gegen Schmidt. Der fand nun in Wollschläger einen Verbündeten. In dem Briefwechsel steckt eine literarische Agenten-Geschichte. Wollschläger besorgte Schmidt unveröffentlichte Texte, fotografierte nachts rare und unverfälschte Textausgaben, die er aus dem Verlag schmuggelte, er berichtete von den Plänen und von Reaktionen, wenn Schmidt einen Artikel herausgebracht hatte. Und einmal versuchte Wollschläger gar, einen Tresorschlüssel zu entwenden, aber die Altverlegerin kam vorzeitig zurück… Das alles steckt aber in einem Wust an Detailinformationen und bibliografischen Feinheiten zum Werk Karl Mays.

Es ist eine Ausnahme in Schmidts Leben: Einmal interessiert er sich für einen Mitmenschen, beweist so etwas wie Empathie. Er entdeckt einen Geistesverwandten, und er schlüpft in die Rolle des Förderers. Er ermutigt Wollschläger zu schreiben, zunächst Artikel für Zeitungen und Rundfunksender, zu denen Schmidt sogar den Kontakt vermittelt, dann Übersetzungen aus dem Englischen. Wollschlägers vielgerühmte Übertragung des Romans „Ulysses“ von James Joyce wäre wohl ohne Schmidts anfänglichen Zuspruch nicht zustande gekommen. Selbst über mögliche Honorarforderungen berät Schmidt den jungen Autor. Er liest auch das Manuskript des Romans „Herzgewächse“ und empfiehlt es jedem Verlag, zu dem er Kontakt hat. Freilich erfolglos. Später teilen sie sich die Übersetzung einer Werkausgabe von Edgar Allan Poe. Wollschläger bekennt, „daß ich so etwas wie Ihr Schüler bin“. Menschlich scheitern die beiden am Ende: Schmidt kapselt sich in der Arbeit an „Zettel‘s Traum“ von der Außenwelt ab, antwortet auch Wollschläger nicht mehr. Der immerhin hält nach erster Verärgerung den Kontakt über Schmidts Frau Alice. Aber bis zum Ende bleiben sie beim distanzierten „Sie“.

Wollschläger zweifelt stets an sich: „...das einzige, was sich mir während der Arbeit regelmäßig ,eingibt‘, ist Coffein und Aspirin...“ Und auch Schmidt klagt immer wieder über gesundheitliche Einschränkungen: „Mein Herz hopst wie ein roter Affe hinterm Rippengitter; Luftdruck & Hitze nehmen immer noch zu; und meine Frau lebt wie eine Salamandrin draußen im Sonnenschein.“

Neben dem Biografischen und Literarischen ist der Briefwechsel auch eine Fundgrube für Formulierungen, grobe, manchmal etwas hämische Spötteleien über den May-Verlag, aber auch tief melancholische Sätze über das Schreiben und das Schriftsteller-Sein. Meinungsstark äußern sich die beiden nicht nur über Verleger, ihre „Ferlegkeleien“ und das „LeckToren=Vieh“, sondern auch über andere Autoren. Schmidt übersetzt William Faulkner: „widerlichwiderlichwiderlich: diese Falschheit des Tons, und dieser Wortschwulst!“ Wollschläger lästert über die Amerikaner: „imgrunde sind ja all diese sweet cats doch ein unnachahmlich doofes Völkchen, was die Literatur betrifft...“ Und natürlich sind sich beide über die „Polly-Tick“ einig, Wollschläger ätzt über den „Klatsch-Mohn-Tag der deutschen Einheit“.

Arno Schmidt: Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger. Suhrkamp Verlag, Berlin. 1034 S., 68 Euro

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