Brendan Simms stellt das Verhältnis Großbritanniens zu Europa vor

Brendan Simmsirischer HistorikerFoto: jorinde gersina

VON JÖRN FUNKE

Dass Großbritannien ein Teil Europas ist, sollte eigentlich ein Gemeinplatz sein. Im Vereinigten Königreich ist diese simple Feststellung nicht erst seit dem Brexit-Referendum aber durchaus umstritten. Ob die Zukunft des Königreichs auf dem Kontinent oder auf dem Meer liegt, wird seit dem 18. Jahrhundert immer wieder kontrovers diskutiert. Der irische Historiker Brendan Simms hat das britische Selbstbild pointiert zusammengefasst.

Der 51-Jährige lehrt in Cambridge Geschichte der internationalen Außenpolitik. Anerkennung bekam er in Deutschland für zwei 2014 erschienene Bücher über deutsch-europäische Geschichte („Kampf um Vorherrschaft“) und die Schlacht von Waterloo („Der längste Nachmittag“). In der britischen Historikerschaft gilt er in der Brexit-Frage als neutral.

Simms sieht die britische Geschichte als Teil der europäischen Geschichte: Seit dem Mittelalter habe das Königreich den Kontinent fest im Blick gehabt, nicht zuletzt, um Angriffen von dort vorzubeugen. Der beste Weg, einer Invasion vorzubeugen, bestand demnach darin, die französische und niederländische Küste unter Kontrolle zu haben. Die Vereinigung von England und Wales mit Schottland (1707) und Irland (1800) sind Simms zufolge nur durch die französische Bedrohung zu erklären: Die Engländer schlossen so offene Flanken.

Simms findet reichlich Kronzeugen für die Verbundenheit Englands mit Europa: vom Nationaldichter John Donne (1572-1631, „niemand ist eine Insel“) bis zum Staatsphilosophen Edmund Burke (1729-1797). Trotzdem entstand im 18. Jahrhundert eine bis heute attraktives Denkmuster, dem zufolge die Zukunft des Landes nicht in Europa, sondern in Übersee liege. Simms führt es auf die den Kolonialpropagandisten Israel Mauduit (1708-1787) zurück, der 1760 eine populäre Streitschrift gegen das britische Engagement im Siebenjährigen Krieg an der Seite Preußens veröffentlichte.

Trotz solcher „Splendid-Isolation“-Rhetorik habe das Königreich fast immer an seiner Europa-Orientierung festgehalten, so der Historiker. Und alle Abweichungen hätten sich bitter gerecht: Den Verlust der nordamerikanischen Kolonien, den Aufstieg des revolutionären Frankreichs und Napoleons sowie die deutsche Einigung führt er auf mangelndes britisches Engagement auf dem Kontinent zurück.

Ein globales statt eines europäischen Großbritannien haben sich auch die Verfechter eines Austritts aus der Europäischen Union auf die Fahnen geschrieben. Am Brexit lässt Simms kein gutes Haar, wenn er David Camerons Fehleinschätzungen Revue passieren lässt. Dass Großbritannien nach dem Austritt schlechter dasteht als die Europäische Union, ist für ihn jedoch nicht ausgemacht. In den aktuellen Kapiteln des Buches offenbar der Autor ein rein nationalstaatlich orientiertes Geschichtsverständnis. Das europäische Projekt bezeichnet er etwas herablassend als „glücklos und aufdringlich, aber nicht bösartig“. Großbritannien dagegen habe sich seine Ausnahmestellung in Europa verdient: Die Geschichte des Königreichs sei „grundsätzlich anders und gutartig.“

Brendan Simms: Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2019. 397 Seiten. 28 Euro

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