Branford Marsalis’ wilder Ritt durch die Jazztradition

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Saxofonist Branford Marsalis Foto: Thomas

Dortmund – Über eine Viertelstunde gönnen sich Branford Marsalis und seine Mitstreiter für Keith Jarretts Komposition „The Windup“.

Joey Calderazzo deutet am Piano einen Südstaaten-Boogie an, die Sprünge und Pausen setzen sie souverän, und Marsalis holt aus dem Tenorsaxofon die kompliziertesten Intervalle, die längsten Melodiebögen, die rasendsten Höllenritte über die Tonleiter, ohne dass man ihm eine Anstrengung ansähe. Nach Calderazos Solo, einem Abstecher in die Bop-Ära, hat Marsalis Lust auf ein Späßchen. Er intoniert das Thema aus Prokofieffs „Peter und der Wolf“ und baut es zu einem atemraubenden unbegleiteten Solo aus. Bassist Eric Reeves und Schlagzeuger Justin Faulkner setzen ein, weiter geht die wilde Fahrt im Konzerthaus Dortmund.

Das Publikum ist aus dem Häuschen. Marsalis ist Stammgast an der Brückstraße, zum fünften Mal tritt er auf, zum vierten Mal davon mit seinem Quartett. Man hört, dass diese Musiker seit mehr als 30 Jahren zusammen spielen. Marsalis stellt sein Album „The Secret Between The Shadow And The Soul“ (OKeh/Sony) vor. Zwischen Eigenkompositionen interpretiert er Jarretts Stück und den „Snake Hip Waltz“ von Andrew Hill, den er ebenfalls live spielt, einen gospelgetränkten Jazzwalzer mit feinen melodischen Haken.

Marsalis kennt keine Berührungsängste. Im Eröffnungsstück entwickeln er und seine Mitstreiter eine mitreißende Dynamik, nehmen sich immer wieder zurück bis fast in Stille, um dann geradezu zu explodieren in wuchtige Kollektivimprovisationen. Darauf lassen sie die melodieverliebte Ballade „Cianna“ folgen, deren Gefühligkeit sie bis an den Rand des Kitsches treiben. Aber ein Hauch von Ironie ist ebenfalls immer dabei.

Marsalis bekennt sich bei aller Modernität zur Tradition. Und das macht ein Publikum glücklich, zum Beispielmit „On The Sunny Side Of The Street“. Auch hier ist der Süden, ist New Orleans ganz nah. Marsalis lässt das Sopransaxofon süß, samtig, zerbrechlich klingen, fast wie eine Flöte, ehe er wieder Spannung aufbaut und den Blues zurückholt. Calderazzos Solo ist eine Show für sich. Er gönnt sich den Prunk eines Liberace, verziert und verfremdet Motive wie Erroll Garner, klimpert dann mit der Rechten im Diskant und übernimmt mit der Linken das Thema, als wär er Chico Marx. Aber die Effekte überdecken nicht die musikalische Substanz. Revis spielt sehr gruppendienlich, seine Soli sind melodisch, ohne aufgesetzte Virtuosität. Und Faulkner spielt eigentlich permanent Soli, die seltsamer- wie wunderbarerweise die Töne der Kollegen tragen.

Ein wunderbares Konzert, auch weil es so lässig ausgeführt wurde. Riesenbeifall, als Zugabe bietet Marsalis erst Sidney Bechets „Petite Fleur“, dann Duke Ellingtons „It don’t Mean a Thing“.

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