Böckstiegel-Museum in Werther fragt nach der Nazi-Zeit

Pracht der Farben: Peter August Böckstiegels Gemälde „Stillleben“ von 1938, zu sehen in Werther-Arrode, zählt zur Ausstellung „Dunkle Jahre, voller Farben. 1933 bis 1945“. Foto: böckstiegel-stiftung

Werther – Das Grün einiger Äpfel giftet grell ins Bild. Die Farbe Rot strahlt dagegen tiefgründig aus der Blütenpracht des Blumenstraußes, während daneben im einfachen Blau-Braun die Kapseln verwelkter Mohnblumen zu sehen sind. Der Maler Peter August Böckstiegel (1889–1951), der das „Stillleben“ 1938 gemalt hat, lässt auf der Glasur des Kruges, in dem die Blumen stehen, noch ein paar Violetttöne schimmern. Aber eine expressive Farbgebung hat sich Böckstiegel versagt. Im NS-Staat ist dieser Kunststil verfemt. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1937 diffamierte das Bildprogramm der klassischen Moderne. Rund 100 Werke Böckstiegels, die 1933 in öffentlichen Sammlungen hingen, waren von den Nazis schrittweise konfiziert worden und blieben letztlich verschwunden. Und was malte und zeichnete der westfälische Expressionist zwischen 1933 und 1945?

Dieser Frage geht das Museum Peter August Böckstiegel in Werther-Arrode nach. „Dunkle Jahre, voller Farben. Der Künstler Peter August Böckstiegel. 1933 – 1945“ ist die Ausstellung getitelt, die einige noch nie gezeigte Arbeiten präsentieren kann und insgesamt 70 Werke zeigt. David Riedel, Direktor des Museums, sagt: „Böckstiegel konnte sein künstlerisches Schaffen fortsetzen.“ Mit Einschränkungen, die die Ausstellung sichtbar macht.

Der Westfale aus Arrode konnte mit seinen Landschafts- und Blumenbildern in die Öffentlichkeit gehen. Florale Motive waren bereits in den 20er Jahren gefragt. Auch wenn Böckstiegel in den 30er Jahren nur noch wenig aus Ausstellungen verkaufte und in den 40er Jahren kaum noch Präsentationen stattfanden, interessierte sich die Bielefelder Bürgerschaft für seine Blumenbilder. Die Sammlung des Museums besitze kein einziges, sagt Direktor Riedel, so groß war das Interesse, aber auch die Unterstützung.

Böckstiegel lebte in Dresden, wo er ab 1913 studiert hatte. Nach dem Krieg gründete er mit seinem Schwager Conrad Felixmüller und Otto Dix die Dresdener Sezession Gruppe 1919. Mit seiner Frau Hanna Müller hatte er zwei Kinder. Böckstiegel verbrachte die Sommer immer wieder in Arrode. Um der schlechten Stadtluft und den Rivalitäten in der Dresdener Künstlerschaft zu entkommen, wie er einmal sagte.

Böckstiegel erhielt unter den Nazis kein Berufsverbot. Dennoch wurde bereits 1933 sein „Stillleben (Bauernkind mit Äpfeln)“ aus der Dresdener Gemäldegalerie entfernt. In der sächsischen Metropole wurden schon 1933 rund 200 Werke aus der Weimarer Zeit, die im Besitz des Stadtmuseums waren, öffentlich von Künstlern, die die Moderne bekämpften, verfemt und herabgewürdigt. In Nürnberg war Böckstiegels Gemälde „Meine Mutter“ (1927) seit 1933 in der „Schreckenskammer“ der Städtischen Gemäldegalerie abgestellt, es wurde 1937 beschlagnahmt und gilt als verschollen. Nun sind in Werther vier Reproduktionen von Gemälden zu sehen, die nie verloren gegangen sind.

Böckstiegel experimentierte in dieser Zeit. Weil er als starkfarbiger Künstler bekannt war, erhielt er einen Auftrag der Luftwaffe für zwei Trinkstuben in Köthen und Gotha. Eine Gouache für ein Glasfenster (1939) ist ausgestellt, das einen weinseligen Mann zeigt – keinen Fliegerhelden mit blonden Haaren. Böckstiegel entwarf moderne Grabmäler in Dresden, er arbeitete an Wandmalereien und realisierte ein Relief. Er nannte es „Lied vom Leben der Bauern“. Es war für den Kamin eines Hauses bestimmt, das der Bauhausarchitekt Leopold Fischer (Bielefeld) entworfen hatte. In Arrode sind die acht Steinborn-Reliefplatten (1937) erstmals ausgestellt. Sie zeigen Familien- und Wirtschaftsszenen aus dem bäuerlichen Leben.

Dieses Thema beschäftigte den Künstler zeitlebens. Noch 1934 hatte Böckstiegel die Hoffnung, auf der Grünen Woche in Berlin als „deutscher Bauernmaler“ ausgestellt zu werden. Er schickte vier Plastiken und vier Gemälde in die Reichshauptstadt. Enttäuscht über die Absage, schrieb Böckstiegel an Walter Darré, Reichsbauernführer und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft: „Ich will die monumentale Größe, den tiefen, inneren Menschen meiner westfälischen Erde für alle Zeiten in meinem Werk ein unerschütterliches Denkmal geben.“ Böckstiegel, als Bildhauer und Maler in der Reichskulturkammer gemeldet, war niedergeschlagen und bekannte sich: „Meine Urväter sind seit dem Jahre 1333 auf westfälischem Boden zuhause. Diesem Urbauerntum entspringt mein ganz loderndes deutsches Künstlertum.“

Wer aber seine Lithografie (1937) „Meine Mutter mit Nachbar Bauer“ sieht, erkennt, wie detailiert Böckstiegels Realismus ausfällt und wie verpflichtet der Künstler seinen Modellen war. Immer wieder porträtierte er seine Mutter, immer wieder taucht als Synonym für die Bauernfigur der Nachbar Thorlümke auf. Die schwere Arbeit hatten Gesicht und Gestalt geformt. Und Böckstiegel arbeitete kontinuierlich an diesen Figuren. Bereits eine Tuschzeichnung von 1924 zeigt „Bauern in Arrode“, wie er sie auf Jahre hinaus zum Gegenstand seiner Kunst machen sollte. „Blut-und-Boden“-Bilder waren das nicht. Helden im Sinne der NS-Ideologie, die mit kaltem Blick und roher Gewalt zur Lebensraumeroberung bereit waren, die sahen anders aus.

Große plastische Figuren und Porträtbilder sind im Werk zwischen 1933 und 1945 nicht zu finden. Böckstiegel vervielfältigte bestehende Plastiken. Seinen Sämann gibt es in neun Ausführungen. Er schlug vor, dass sein „Bauernjunge mit Apfel“ (1934) in den öffentlichen Raum gestellt wird. Statt Anerkennung spürte der Künstler allerdings, dass seine Kunst missverstanden wurde. Böckstiegels Landschaften sind in den 30er Jahren menschenleer geblieben.

Innerlich hatte sich der Expressionist auf seine Heimat Werther und Arrode zurückgezogen. Das Gemälde „Werther (im Viertel)“ von 1935 strahlt in hellen impressionistischen Farben, die Pinselführung ist ruhig, flächig ist die Farbe aufgesetzt, mal verwischt oder als Pinselstrich erkennbar. Auch die „Erntelandschaft“ aus dem gleichen Jahr lobt in gebrochenen Farbtönen die heimatliche Erde: gelblich das Kornfeld, grün sind Wald und Wiesen. Über dem hügeligen Horizont neigt sich ein graublauer Himmel. Nur der „Hängeberg“ (1936) mit seinen dynamischen Farbspuren, wie sie auf dem Hang zirkulieren, fällt aus dieser Zeit heraus.

Erstmals sind die starkfarbigen Pastelle Böckstiegels ausgestellt, die der Künstler auf einer Reise nach Norwegen anfertigte. Der „Wasserfall am Mauragner Fjord“ (1939) ist eine dunkeltonige Naturstudie. Böckstiegel griff zur Pastellkreide, weil Ölfarben kriegsbedingt Mangelware wurden. Erntefelder, das Elbsandsteingebirge, eine Dorfstraße in Herford und das „Selbstporträt“ von 1942 sind eindrückliche Pastellzeichnungen. Sie werden in ihrer entschiedenen Strichführung nur von zwei Holzschnitten von 1937 übertroffen, die Bauernhöfe in Westfalen zeigen. Peter August Böckstiegel wusste, wo er herkam. Er verehrte seine Eltern und würdigte die Arbeit auf dem Feld – zeitlebens.

Bis 7.2.2021; wegen der Corona-Pandemie verkürzte Öffnungszeiten fr-so 12 – 18 Uhr, keine Führungen;

Tel. 05203/ 2961220; www.museumpab.de

Katalog 15 Euro

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