„Body & Soul“: Museum Ostwall präsentiert seine Sammlung

Zentrales Werk aus der Sammlung des Museum Ostwall in Dortmund: Pablo Picassos Gemälde „Nackte, schlafende Frau“ (1965), zu sehen im Dortmunder U. Foto: museum ostwall

VON ACHIM LETTMANN

Dortmund – Gummistiefel und Spaten stehen bereit. Wer seinen Museumsbesuch auch als körperliche Ertüchtigung erfahren will, der kann Wolf Vostells Angebot beherzigen und graben. „Umgraben“ heißt das Happening, das der Fluxuskünstler 1970 erdachte. Als Reproduktion mit wärmebehandelter Erde ist ein Grabfeld im Museum Ostwall im Dortmunder U eingefasst worden. Hier darf man zufassen und dem renitenten Veränderungswillen der Aktionskunst aus den 70er Jahren nachfühlen. Lautsprecher machen Arbeitsgeräusche hör- und spürbar.

Also, los geht’s. Heute eröffnet das Museum Ostwall die neu formierte Sammlung „Body & Soul. Denken, Fühlen, Zähneputzen“. Das Kabinettsystem der 4. und 5. Etage im Dortmunder U wurde abgebaut. Mehr Platz ist für großformatige Werke und fürs Publikum geschaffen worden. Der Blick geht nun in die Weite der ehemaligen Brauerei-Architektur. Vom Flux Inn (Aktionspunkte zur kreativen Auseinandersetzung) schaut der Besucher bis zu Wilhelm Morgners expressivem Gemälde „Einzug in Jerusalem“ (1912). Endlich bewegt man sich freier auf der Etage, empfindet die reale Größe des Geschosses und wird nicht durch ein Präsentationslayrinth geschickt.

Für Regina Selter, stellvertretende Direktorin des Museum Ostwall, hatte die Sanierung das Ziel, ein lebendiges Museum zu schaffen, das Kunst und Leben verbindet. Alltagserfahrungen sind das Ordnungsmotiv des Hauses geworden, eine Chronologie der Kunstgeschichte war gestern. So heißen die Stationen der Themenausstellung „Wovor hast Du Angst?“ oder „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“. Oder „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“, wie Christian Morgenstern einst sagte. Daneben hängt Picassos Malerei „Nackte, schlafende Frau“ (1965), ein Hauptwerk der Sammlung, zusammen mit drei Silikon-Bäuchen (Künstler unbekannt), die auf den „Dad Bod“ verweisen – bemalt und behaart. Dieser rundliche Bierbauch ist ein Identitätsmerkmal geworden, das heutzutage Lebenslust vor Idealmaße stellt. Nirgendwo wird das neue Wertekonzept des Museum Ostwall sichtbarer. Auch in Picassos Bild ist ein Bauch zu erkennen. Hier werden Gedanken angestoßen. Oder geführt?

Kuratorin ist Nicole Grothe. Die Leiterin der Sammlung hat aus den 7500 Bildern und Objekten ihres Bestands 130 Einzelstücke ausgewählt. Das sind weniger als vorher, weil vorher mehr kleinteilige Fluxuskunst zu sehen war. Immerhin bilden Fluxuskunst/Happening, expressionistische Bilder und konkrete Poesie die Schwerpunkte der Sammlung. Dies wird nicht mehr dokumentiert. Das grafische Kabinett ist ganz entfallen. Wichtiger ist „das sinnliche Erlebnis für alle“, wie Nicole Grothe in Dortmund sagte. Zielführend ist dabei die Aufteilung der Schaustücke in „Body“ (5. Etage) und „Soul“ (4. Etage). Zu „Body“ gehört das Triptychon „Großer zoologischer Garten“ (1913) von August Macke und Karl Hofers Bild „Zwei Mädchen“ (1920). Beide Exponate sind zum Unterthema „Kleider machen Leute“ sortiert. Auch der Filzanzug (1970) von Joseph Beuys ist hier zu finden, der weniger an „Leute“ erinnert, sondern mehr an Beuys Materialzuschreibung. Filz nimmt als natürlich wärmender Stoff für den Menschen einen Platz in Beuys’ Werk ein.

So ganz trennscharf sind die Oberbegriffe nicht, aber letztlich fesseln in Dortmund interessante Arbeiten. Kunstwerke, die für sich stehen können, wie die vier Skulpturen (1936–1941) von Bernhard Hoetger, die mit Tanz- und Bewegungsposen die expressive Plastik feiern. Oder Dieter Roths einfache Losung für den „Lebenslauf“ (1970). Der Künstler (1930–1998), der Lebensmittel prozesshaft verschimmeln ließ, hat einen Osterhasen und Weihnachtsmann, jeweils aus Schokolade, hinter Glas gesperrt. Es schmiert. Dann stößt man auf René Beehs „Stillleben mit Kaffeekanne, Likörflasche und Früchten“ (1910–15), die überzeugend für dieses Genre steht. Herrlich auch Pipilotti Rists Video „Ich will sehen, wie Du siehst – oder: Ein Portrait von Cornelia Providoli“ (2003). Es ist eine poppige Kamerafahrt durch Räume und Garten in verschwimmenden Farben.

Die neue Präsentation lädt zu Erkundungen ein. Unter „Soul“ finden sich Landschaftsbilder, weil moderne Künstler eben Seelenlandschaften geschaffen haben, wie Ernst Ludwig Kirchners schroffe Bergansicht „Stafelalp bei Mondschein“ (1919). Etwas weiter zählt auch Henri Laurens’ Plastik „L’adieu“ (1941, Der Abschied) dazu, die eine Frau zeigt – vom Schmerz beherrscht und zum Opfer verformt.

Unterstützt wurde das Museum Ostwall vom Designbüro Soda aus Arnheim. Die Niederländer hatten einen mattgrauen Kunststoffboden empfohlen und einige Trennwände eben nicht deckenhoch einbauen lassen, um Gebäudetransparenz zu schaffen. Gut so.

Künftig soll die Sammlung alle zwei Jahre überarbeitet werden.

Eröffnung heute 18.30 Uhr; bis 27. 2. 2022; di/mi + sa/so 11 – 18 Uhr, do/fr bis 20 Uhr; Tel. 0231 / 50 247 ; www. museumostwall.dortmund. de. Zur Sammlung „Expressionismus & Klassische Moderne“ gibt es einen neuen Bestandskatalog 24,95 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare