Bjarne Gedrath bringt in Dortmund Tennysons Ballade „Enoch Arden“ auf die Bühne

Sanfte Melancholie: Szene aus „Enoch Arden“ in Dortmund mit Uwe Rohbeck und Marlena Keil. Foto: Hupfeld

Dortmund – Der Held meldet sich noch mal vom Ende aller Dinge. Er liegt schon auf der Bahre. Eine Glühbirne funzelt über seinem Kopf wie das Lebenslicht im Grimmschen Märchen kurz vorm Erlöschen. Am Schauspiel Dortmund ist als kleine, feine Studioproduktion „Enoch Arden“ nach Alfred Lord Tennysons Ballade (1864) zu erleben.

Regisseur Bjarne Gedrath schließt die Vorstellung von romantischer Irrfahrt und Heldentum kurz mit dem Gedanken ans zwischenmenschliche Scheitern. Denn Enoch Arden, der auf Seefahrt geht, um sein Glück zu machen, ist verschollen. Als er nach Jahren zurückkehrt, hat seine Frau einen Jugendfreund geheiratet, seine Kinder haben nun einen anderen Vater. Enoch Arden zieht schweigend ab, um das Glück nicht zu stören.

In Dortmund wird daraus ein Dreier-Abend mit Uwe Rohbeck, Marlena Keil und dem Livemusiker Oliver Siegel. Gedrath greift eine Idee des Komponisten Richard Strauss auf, der „Enoch Arden“ als Melodrama für Sprecher und Klavier schrieb (1897). Er fasst in die formalisierte Kunstform des Melodrams – einer rezitierten Darbietung mit Musik – die Konfrontation von Mann und Frau, die das Leben komplett verschieden betrachten. Gesprochen wird der Text der Ballade, vorsichtig bearbeitet. Entschärft ist die heroische Selbstverleugnung Enoch Ardens, die bei Tennyson den Schluss veredeln soll. Gedrath geht es um die Begegnung von Enoch und Annie. Dabei wird zwar gemeinsam erzählt, aber es sind zwei verschiedene Geschichten.

Auch die Bühne (Nane Thomas) ist streng formalisiert. Enoch Arden liegt in einem Wasserbecken auf einer Bahre. Es gibt eine Schreibmaschine, als Verweis auf die Linearität der Geschichte, und sonst nicht viel: Papier, eine Schiffsglocke und den „goldenen Drachen“, den Enoch Arden seinen Kindern aus China mitbringen will. Anfang und Ende sind vorgeschrieben. Es unterscheiden sich die Perspektiven der Figuren, und natürlich unsere als Publikum.

Enoch Arden blickt zurück. Uwe Rohbeck spielt angenehm zurückhaltend, sogar seine Gefühlsausbrüche haben eine gewisse Gemessenheit. Gegen die behutsam eingesetzte Geisterromantik – flackernde Glühbirnen, eine Stimme von oben wie ins Grab hinab – setzt er ein weise-listiges Lächeln. Er spielt aus der Vogelperspektive.

Eine moderne Betrachtung der Ballade erfordert, dass nicht nur der Mann spricht. Marlena Keil als Annie Lee kann Rohbecks Enoch mehr als das Wasser reichen. Sie erscheint zwar als romantisches Klischee, als „Dame in Weiß“ mit Stehkragen und voluminösen Röcken (Kostüme: Svea Sanyó). Aber ihre Annie schreit Enoch Arden an, weil er sie verlassen hat. Sie drapiert sich sinnlich auf der Bahre. Sie steigt ins Wasser und wäscht und drückt ihre Röcke aus, um auf das Frauenschicksal zu verweisen, dem Annie ausgesetzt ist: harren, warten, leiden.

Oliver Siegel begleitet das Geschehen behutsam am Klavier, mit Ahnungen von Strauss. Von Hand gezupfte Saiten, Schläge und hohles Klappern, ins Unwirkliche gedämpft vom Mischcomputer, ergeben eine Gruselmusik. Das sanftere Liebesthema hat etwas Klaviersonatiges, ganz gezähmt. Und Liegetöne vom Akkordeon schaffen eine angenehm melancholische Seemanns-Atmosphäre.

Alle Elemente fügen sich gekonnt ineinander: Versatzstücke der Romantik und Sachlichkeit, Geistermusik und die stilisierte Sprache der Ballade. Erlebenswerte knapp anderthalb Stunden für moderne Romantiker mit einem Ohr für leise Töne.

28.2., 6.3., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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