„Bin nebenan“: Ingrid Lausunds Monologe im Großen Haus in Münster

Zelebriert den Rückzug ins Wohnzimmer: Regine Andratschke in der Produktion „Bin nebenan“ in Münster. Foto: Berg

Münster – Eingehüllt in eine Wollwolke, die weit mehr als ein Strickkleid ist, sitzt Regine Andratschke auf der Bühne. Allein, nur mit einem Stuhl, vor einer Videowand, auf der große Schneeflocken tanzen. Man hätte gar nicht die „Coronatime“ in den Text von Ingrid Lausund einbauen müssen. Wie sie auf dem Stuhl die richtige Position sucht, „entspannte Lässigkeit“, wie sie sich steif über die Sitzfläche legt, „energiegeladenes Verharren“, das spiegelt doch sehr die Situation der vergangenen Wochen, als wir alle noch still zu Hause blieben.

Das Theater Münster spielt wieder: „Bin nebenan“. Die Monologe von Lausund sind 2008 erschienen. Eigentlich gehören sie in ein Studio, Miniaturen über Menschen in Grenzsituationen. Im Großen Haus bleibt jede zweite Reihe leer, rechts und links sind drei Plätze gesperrt. Abstand. Auch der Zuschauer vereinzelt. Aber man freut sich, wie die Dame, die quer über die Reihen einer Bekannten zuruft: „Hauptsache, überhaupt wieder Theater.“

Der Text „Globus“ fixiert geradezu programmatisch die Situation. Wenn die Daheimgebliebene nach der Staubsaugerorgie sich dem Globus zuwendet, über Reiseziele nachdenkt, werden Ortsbestimmungen wie „China“ oder „New York“ zur bedeutungsgeladenen Pointe. Da lagen die Hotspots der Pandemie. Dann doch lieber nach Island. Regisseur Michael Letmathe und Videokünstler Tobias Hoeft projizieren auf die Leinwand eine weite Schneelandschaft.

Fünf Darsteller zeigen in einer wechselnden Auswahl Außenseiter, mal melancholisch-heiter verpeilt wie in dem Auftritt von Andratschke, mal aufgekratzt wie bei Sandra Schreiber, die im körperbetonten Abendkleid die Dame der besseren Gesellschaft gibt, die von ihren Erfahrungen mit ihrer türkischen Putzhilfe berichtet. Wie da beim Kopftuch gleich die Gedanken an Zwangshochzeit und Islamismus aufblitzen, wie die Vorurteile die sich so aufgeklärt und emanzipiert fühlende Erzählerin verunsichern, das ist fröhlich ausgespielt.

In „Bett“ kommt ein Außenseiter zu Wort, der im Heim von möglichen Adoptionseltern abgelehnte Junge, der dann doch etwas wurde, eine Wohnung hat, einen Beruf, eine Existenz. Aber etwas blieb zurück: Unter dem Bett hortet er Vorräte, und für die Liebe hat er eine Sexpuppe, die er personalisiert („echt süß“). Louis Nitsche zeigt in seinen zehn Minuten intensiv die Defekte dieses Mannes, der am Ende eben doch allein geblieben ist. Regie führt in dieser Szene Sandra Bezler.

Lea Ostrovsky trägt „Bild“ vor, den Monolog einer Künstlerin, die ihre autoritäre Mutter mit sich herumträgt. Die Schauspielerin posiert als Christus, gibt der entmutigenden Mama ihre Stimme und lässt die um ihre Eigenständigkeit ringende Verliererin unter der munteren Maske sichtbar werden.

Am Ende kommt Paul Maximilian Schulze auf die Bühne mit kleinen Engelsflügeln, als Mann, der einen Neuanfang suchte und zum Friedhofstouristen mutiert, der die richtige Grabstelle für sich sucht, ein Zuhause für die Zeit nach dem Leben. Da schließt sich der Kreis.

Man merkt dem vorschriftsgemäß einstündigen Abend das Improvisierte an, das Bemühen, trotz der Corona-Einschränkungen etwas zu zeigen. Das Impressionistische, Offene ist vielleicht nicht die schlechteste Reaktion auf die Situation. Der Applaus klingt etwas dünn, aber herzlich.

10., 11.6.,

Tel. 0251/ 5909 100, www. theater-muenster.com

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