Bildband „The boss don’t care“ mit Fotos über Kinderarbeit von Lewis Hine

Die Breaker Boys nahm Lewis Hine 1911 in Pittson, Pennsylvania, auf und notierte: „Der kleinste ist Sam Belloma, Pine Street.“ - Foto von Lewis Hine: Library of Congress, Prints & Photographs Division, National Child Labor Committee Collection

Man sieht den „Breaker Boys“ die Erschöpfung an, wie sie da noch mit Kohlenstaub auf den Gesichtern vor dem Fotografen sitzen, und bei Sam Belloma, dem Kleinsten ganz links, scheint es so, als sei er den Tränen nah. Es sind Kinder, manche erst 13 Jahre alt, die in Kohlenwäschen arbeiten, unter Tage Türen öffnen, die Loren bremsen.

Die Jungs aus der Kohlenwäsche, dem Breaker, hat der Lewis Hine 1911 in Pittson, Pennsylvania, aufgenommen. Hine (1874-1940) gehört zu den Pionieren der sozialdokumentarischen Fotografie. Der Kameramann und Produzent Wilfried Kaute hat rund 240 Aufnahmen zum Bildband „The boss don‘t care“ zusammengestellt.

Hine stammte aus einfachsten Verhältnissen, schlug sich mit Jobs unter anderem in einer Polsterfabrik durch, ehe er in Chicago und New York studierte und Lehrer wurde. In New York wählte der Schuldirektor Hine aus, als ein Fotograf gesucht wurde, der die Aktivitäten der Schule dokumentieren sollte. Hine begann mit einer billigen Boxkamera, fand als Autodidakt seinen persönlichen Stil. Und offenbar fand er Gefallen am Fotografieren, denn er eröffnete als Nebenjob ein eigenes Studio. 1908 engagierte ihn das National Child Labor Committee, um die Situation der Kleinsten und Schwächsten in der Gesellschaft mit Bildern öffentlich zu machen.

Das NCLC, gegründet 1904, wollte die Kinderarbeit bekämpfen, eine frühe Lobbyorganisation. Pressertikel, Plakate und andere Öffentlichkeitsarbeit waren die Mittel, mit denen das Committee arbeitete. Der Titel des Bildbands wurde von Hine überliefert, er zitiert einen der Botenjungen, die nachts auch in die Rotlichtviertel der Großstadt fuhren, was verboten war. Aber, sagte der Junge: „Dem Boss ist es egal, und die Cops halten mich nicht auf.“ Die gesetzlichen Bedingungen verboten manches, wurden aber oft einfach ignoriert zum Beispiel im Hinblick auf Mindestalter. Mehr als 5000 Fotos schoss Hine, die durchaus ihre Wirkung entfalteten.

Hine besuchte die Kinder an ihren Arbeitsplätzen. Sie wurden eingesetzt, wo es dreckig, unangenehm, kompliziert war. Sie arbeiteten nicht nur im Bergbau, sondern auch in Glashütten, als Erntehelfer für Früchte und Baumwolle, als Holzflößer, in Spinnereien, in Zigarettenfabriken, in Konservenfabriken. Hine fotografierte die Kinder und befragte sie dabei. Eine Reihe seiner erläuternden Texte begleiten die Bilder und lassen einen heute noch erschauern. „Die vierjährige Mary öffnet zwei Töpfe Austern am Tag. Kümmert sich um das Baby, wenn sie nicht arbeitet. Der Boss sagt, nächstes Jahr werde sie so regelmäßig arbeiten wie der Rest. Die Mutter ist die schnellste Austernöffnerin hier. Verdient 1,50 Dollar am Tag. Arbeitet teilweise mit ihrem kranken Baby im Arm“, heißt es zu einem Bild aus Dunbar, Louisiana von 1911. 1912 fotografiert Hine einen Jungen, der in eine Spinnmaschine fiel und zwei Finger verlor. Die Hand ist noch verbunden, das Gesicht schmerzerfüllt. Auf einem anderen Bild sieht man einen 16-Jährigen, der den linken Arm verloren hatte. Eine Entschädigung gab es nicht.

Die Arbeitgeber hatten offenbar kein Unrechtsbewusstsein. Ein Bild aus einer Glashütte in Morgantown von 1908 zeigt den Boss, wie er einem Anfänger die Arbeit erklärt. Der Boss hatte selbst als Kind angefangen.

Hine hatte einen besonderen Stil des Porträts entwickelt, stets respektvoll. Der Tipple Boy auf der Kohlenhalde (1908) schaut selbstbewusst, ja trotzig in die Kamera. Die neunjährige Minnie Thomas steht hinter einem Holzzaun, in dem das große Messer steckt, mit dem sie Sardinen schneidet (1911). In jeder Hand hält sie einen Fisch. Und herzergreifend niedlich ist die fünfjährige Alberta McNadd, die mit einem Körbchen voll Beeren auf dem Feld abgelichtet wurde, mit ihrer Haube könnte sie eine Märchenfigur sein.

Hine ging dahin, wo es weh tat. Besuchte eine Witwe mit drei Kindern in New York, die mit ihrem Sohn am Küchentisch Zigarettenpapier rollte (1909). Er zeigt den Zeitungsjungen, der nachts auf einer Treppe vor Erschöpfung eingeschlafen ist (1912). Und er porträtiert eine Kinderschar vor einem Hühnerstall, in dem während der Beerensaison die Pflücker hausten (1910).

Ein ergreifender Band, der viel weniger historisch ist, als man meint. Im Vorwort schreibt der Globalisierungskritiker und UN-Berater Jean Ziegler, dass es noch heute weltweit rund 15 Millionen Kinderarbeiter gibt.

Wilfried Kaute (Hg.): „The boss don‘t care“. Kinderarbeit in den USA 1908-1917. Fotografien von Lewis W. Hine. Emons Verlag, Köln. 320 S., 39,95 Euro

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