Bert Zander inszeniert in Oberhausen „Schuld und Sühne“ als Film-Schauspiel

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Ein Paar in zwei Welten: Szene aus „Schuld und Sühne“ in Oberhausen mit Christian Bayer und Lise Wolle.

OBERHAUSEN - Dieses Liebespaar kann nie zueinander finden. Vor ihrem übergroßen Gesicht sitzt er auf dem Boden, eingesperrt in seine Gedanken. Sie leben in unterschiedlichen Welten: Sonja ist eine Filmprojektion. Raskolnikow aber der einzige präsente Schauspieler in Bert Zanders Inszenierung von „Schuld und Sühne“.

Das Theater Oberhausen geht mit dieser besonderen Produktion dahin, wo es besonders schmerzt: In die seit der Eröffnung des Centros verödende Innenstadt, in die Marktstraße, zu Spielhallen, Discountern, Billigläden. Seit 2012 steht der alte Kaufhof leer. In die erste Etage, einen Raum von 3000 Quadratmetern, wurde eine Art Zelt errichtet, wo das Publikum zwischen vier Leinwänden sitzt, auf denen Film läuft. Nur die Hauptfigur aus Fjodor Dostojewskis Roman, Raskolnikow, ist leibhaftig anwesend: Christian Bayer spielt ihn, in einem (mit Pause) dreieinhalbstündigen Kraftakt.

Die Geschichte des begabten, aber armen Studenten, der glaubt, manche Menschen seien so auserwählt, dass sie auch einen Mord begehen dürfen, läuft im Wechsel der Tonfälle und Spielebenen ab, wird von Zander gleichsam in die Ruhrgebietsstadt eingeschrieben. In vielen Schnitten sieht man Männer und Frauen, die einzelne Abschnitte der Handlung locker erzählen, als hörte man Zeugen eines realen Geschehens. Mal sitzen sie im Wohnzimmer auf der Couch, mal stehen sie an einer befahrenen Kreuzung, mal sind sie im Stadion von Rot-Weiß Oberhausen. Andere Passagen werden von Schauspielern im Wortlaut vorgetragen. Und es gibt natürlich Spielszenen, in denen Bayer und die Filmprojektionen interagieren. Die Zuschauer begleiten so gleichsam den von Ängsten und Reue angefressenen Raskolnikow in seinen Kopf, erleben das Geschehen als gewaltige Rückblende, intensiv und konzentriert.

Und es frappiert, wie viel Reaktion Zander erreicht, wie sehr die filmische Installation theatralische Qualität erreicht. Wenn der Mörder seiner geliebten und verehrten frommen Hure Sonja seine Tat beichtet, dann bricht Bayers Stimme fast und Lise Wolle vergießt Tränen, und jeder sieht das, weil die Kamera ganz nah an ihrem Gesicht ist. Sogar zwischen den gefilmten Akteuren kommt Spannung auf. Zander hat ja nicht einfach nur gefilmt, er verteilt die Szenen auf die vier Bildschirme, so dass ein Akteur vor, der andere hinter den Zuschauern auftritt. Der Film greift in den Raum aus. So kann Clemens Dönicke als geschmeidiger, sich ahnungslos stellender Untersuchungsrichter Raskolnikow und das Publikum umkreisen wie eine Katze, die mit einer Maus spielt. Und wenn Klaus Zwick als herrlich blasierter, heimtückischer Hofrat Luschin mit seiner letzten Intrige gescheitert ist, sieht man ihn im rokokohaften Kostüm mit Koffer zum realen Bahnhof schreiten.

Fast das ganze Ensemble ist im Einsatz. Natürlich ist dies vor allem der Abend von Christian Bayer, dessen Energie fast zuviel ist für den gewaltigen, öden Raum, der anfangs die anarchische Kraft eines Punks verströmt, der sich im Fadenkreuz der Bilder dreht und windet, der leidet und der den Zuschauern buchstäblich nah kommt. Aber man sieht auch einige weitere Kabinettstücke, zum Beispiel Torsten Bauer als Swidrigailow, den pädophilen Gutsbesitzer, der unglücklich in Raskolnikows Schwester verliebt ist. Bauer gelingt es, dass der Zuschauer diese Figur im einen Moment hasst und verachtet und im nächsten Moment mit ihr leidet. Das Ensemble gibt Dostojewskis Figuren geradezu archetypische Gestalt, Anna Polke als Raskolnikows Mutter, Elisabeth Hoppe als seine Schwester, Jürgen Sarkiss als jovialer Polizist Petrowitsch…

Ein Abend, der einen glatt die triste Umgebung, den Hitzestau im nicht klimatisierten einstigen Kaufhaus, die Zeit vergessen lässt. Großer Beifall.

13., 15., 17., 20., 23., 28., 30.6., 4.7., Tel. 0208/ 8578 184, www.theater-oberhausen.de

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