Berliner Philharmoniker spielen im Konzerthaus Dortmund Ligeti

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Sie können nicht nur schön klingen: Szene aus György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“ im Konzerthaus Dortmund mit den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin.

DORTMUND - Das ist wohl das mieseste vorstellbare Ende einer Katastrophe: Sie findet einfach nicht statt. Und alle vorsorglich angelegten Schutzanzüge knistern höhnisch, während die Verschonten verlegen wieder aufstehen. So endet György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“.

Sie ist das Tafelstück der Ruhrresidenz, mit der die Berliner Philharmoniker bis Sonntag zu Gast im Konzerthaus Dortmund, dann in der Philharmonie Essen sind. Chefdirigent Sir Simon Rattle nimmt gerade seinen langen Abschied aus Deutschland – er wechselt zum London Symphony Orchestra. Mit ihm hat er die Oper, die der Regisseur Peter Sellars szenisch einrichtete, im Januar zuerst aufgeführt. Das Konzerthaus war fast ausverkauft zum Ligeti, die großen Namen zogen, obwohl das Repertoire kein üblicher Publikumsschmeichler war. Einige wenige Plätze blieben nach der Pause leer, sonst wurde das Projekt mit herzlichem Applaus aufgenommen.

Dortmund ist ein kleiner Konzertsaal, Sellars musste umdisponieren im Vergleich zum Londoner Barbican oder der Berliner Philharmonie. Auch Chor und 50 Orchestermusiker mussten sich einrichten. Doch ist „Le Grand Macabre“ in dieser Version einmalig: Das Orchester vereint unter Rattles ruhiger Hand muskulösen Brachialsound und skalpellhafte Präzision. Das Ensemble ist mustergültig, klangschön und facettenreich, allen voran Audrey Luna in der Doppelrolle als Venus und Geheimdienstchef Gepopo mit ihren Höhenflügen am Rand der Zurechnungsfähigkeit. Der Rundfunkchor Berlin unter Gijs Leenaars behauptet sich in jeder Lage, ob vom Balkon, von hinten in den Saal stürmend oder als „wütendes Volk“ vor der Bühne versammelt. Die Philharmoniker tun beim Niederbrüllen des Prinzen Go-Go tüchtig mit und bewerfen ihn mit Papierkugeln.

Der Sound packt einen von allen Seiten. Mächtige Fanfaren fegen von hinten über die Köpfe. Ein Gong wird ganz nach oben auf die Galerie getragen. Das Platzproblem wird gelöst, indem der Chor durchs Haus wandert. Das fesselt und ist zugleich absolut überzeugend, eindringlich und präzise.

Sellars Regie strebt nach ähnlicher Bildhaftigkeit. Er verortet „Le Grand Macabre“ nicht im phantastischen „Breughelland“ des Librettos, sondern in einem postatomaren Dystopia. Atomkraft ist ein wüster Verführer. Sellars’ großer Makabrer, der Tod, zeigt seine Macht in Videoaufnahmen aus dem zerstörten Tschernobyl. Auf einem Riesenbildschirm läuft ein visueller Kommentar mit.

Das sind verstörende Bilder. Sie liegen wie eine Last auf Ligetis Farce. Dagegen versucht Pavlo Hunka als großmächtiger Nekrozar anzusingen. Er fährt aus dem Grab, verkündet, dass die Welt durch einen Kometen ausgelöscht werden wird, und greift sich den Säufer „Piet vom Fass“ (Peter Hoare mit starkem Timing und komischer Bandbreite) als sein „Pferd“. Dazu galoppiert auch ein Pferd über den Bildschirm, wie aus der Apokalypse. Das bleibt in der Kategorie Bebilderung.

Die sadistische Beziehung von Mescalina (Heidi Melton mischt ihren klangschönen, großen Sopran mit dreckig-gemeinen Tönen ab) und dem Sterngucker Astradamors (Frode Olsen mit trockenem Humor) in ihren Laborkitteln zeigt Sellars als Online-Beziehung, per Laptop ausgespielt. Der Riesenbildschirm zeigt die Gesichter der beiden in komischer Verzögerung, wie in einem low-budget-Horrorstreifen. Kann man auch machen.

Aber danach kommt wenig Witz, es wird auch im Publikum kaum gelacht. All die finstere Ironie, der Frankenstein-Humor, die riesige Klaviatur der Anspielungen und Zitate – all das ist in der Musik da. Überschattet wird es von Bildern der Nuklear-Apokalypse.

Die Szene, in dem die Minister dem Prinzen Go-Go (der grandios wehleidige Countertenor Anthony Roth Costanzo) ständig ihre Demission androhen – da ist so viel los in der Musik: Zeitung raschelt, ein Kuckuck lacht, eine Entenpfeife höhnt. Oder das Trinktrio, in dem der große Makabre, der Sterndeuter und der Prinz sich den Weltuntergang schönsaufen – darauf lasten bei Sellars historische Aufnahmen ukrainischer Arbeiter, die kurz nach dem GAU ins Atomkraftwerk geschickt wurden mit nichts als Spaten und ein paar Blechplatten, als armseliger Schutz vor die todgeweihten Körper gebunden.

Sellars erliegt, auch in dieser Aktualisierung seiner Salzburger „Grand Macabre“-Regie von 1997, der Versuchung, eine große politische Erzählung formen zu wollen. Ligeti hingegen tat so, als sei er Nihilist, um mit eine wüsten Melange aus Zitaten und ihrer absurden Abmischung die Kunstform Oper zu feiern: als Zugriffsform auf menschliches Erleben. Breughelland ist nicht irre, weil die Menschen auf dem falschen Pfad sind, sondern die Menschen sind generell irre. So ist das Leben.

Darin läge für eine Regie mehr Spannendes, auch dann, wenn man wie Sellars in der Trump-Ära aktuell sein will. Von Wahnsinn wie von Spaß, von Liebe, Lust und Vergeblichkeit erzählt in dieser Produktion die Musik.

Edda Breski

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