Belgien feiert Hergé und die anderen großen Meister des Comics

Tim und Struppi schauen zu, wie der lebensgroße Bronze-Hergé am Musée Hergé in Louvain-la-Neuve zeichnet. Foto: Stiftel

Louvain-la-Neuve/La Hulpe/Stavelot – Der Meister sitzt auf einem Stapel seiner Werke. In seinem Mundwinkel hängt eine Zigarette. Er zeichnet. Eine Katze blickt ihm über die Schulter, und unter dem Arm schauen ihm seine größten Schöpfungen aufs Werk: Der Reporter Tim und sein aufgeweckter Foxterrier Struppi.

Wer das Hergé-Museum in Louvain-La-Neuve besucht, begegnet dem Klassiker des franko-belgischen Comic nun schon vor der Tür. Der Bildhauer Tom Frantzen hat Georges Remi (1907–1983), der aus den Anfangsbuchstaben seines Namens das Markenzeichen Hergé zusammensetzte, lebensgroß in Bronze geschaffen. Ein Denkmal zum Anfassen.

Vor zehn Jahren wurde das Haus eröffnet. Es ist das erste Museum in Eropa, das einem Comickünstler gewidmet ist. Leben und Werk des Zeichners werden auf 2000 Quadratmetern umfassend ausbreitet, mit mehr als 80 Originalzeichnungen und 800 Fotos, Dokumenten, Objekten. Hergé hat seine Helden, die im Original Tintin und Milou heißen, 1929 für „Le petit Vingtième“ erfunden. Das war die Kinderbeilage einer katholischen Zeitung. In einem sehr katholischen, sehr konservativen Milieu war der Zeichner aufgewachsen. Jeder Schultag am Collège Saint Boniface in Brüssel begann mit einer Messe. Und der junge Georges war Mitglied der Pfadfinder. Solche prägenden Einflüsse dokumentiert das Museum mit Fotos, Dokumenten – und Zeichnungen, die Remi für Pfadfindermagazine schuf. Er arbeitete in den 1920er Jahren zunächst als Grafiker, der zum Beispiel Plakate für die Werbung entwarf.

Im Museum wird all das ausgebreitet, Originalseiten, Skizzen, Zeitungsartikel, Dokumente. Aber auch das Drum und Dran, zum Beispiel die Bibliothek des Künstlers, seine Schallplattensammlung, seine Sammlung von ethnologischen Objekten, von denen er sich für seine minutiös ausgefeilten Comics inspirieren ließ. Und man kann verfolgen, wie er Tim und Struppi entwickelte, von den ersten noch unbeholfenen Zeichnungen des Abenteuers „Tim im Land der Sowjets“ bis zu den späteren Abenteuern, die den Reporter nach Ägypten, Tibet, China, sogar bis auf den Mond führen. Man kann den Perfektionismus bestaunen, mit dem Hergé später Geschichten sogar überarbeitete, ganze Seiten neu schuf, damit zum Beispiel die Feuerwehr einen motorisierten Spritzenwagen statt einer Handpumpe hat. Allerdings ist dies ein Museum für Fans. Kritik, zum Beispiel an der Darstellung von Afrikanern voller rassistischer und kolonialer Stereotypen, wird nicht geübt.

Vielleicht nutzt man den Besuch in Louvain-la-Neuve zu einer Rundfahrt durch das Land der Bande dessinée. In Belgien wurde der Comic zwar nicht erfunden, aber franko-belgische Zeichner führten diese Kunstform auf höchstes Niveau. Und in Belgien wird die „Neunte Kunst“ hoch geschätzt. Ganz selbstverständlich findet man in der Boverie, dem Museum für moderne Kunst in Lüttich, neben Renaissancezeichnungen und Blättern der Symbolisten Felicien Rops und Fernand Khnopff auch Originalseiten von Hergé, Peyo (Die Schlümpfe) und Franquin (Spirou). In Brüssel gibt es ein großes Comic-Museum – und an Hauswänden Reproduktionen mit den beliebtesten Figuren der Bildgeschichten.

Zwischen Louvain-la-Neuve und Brüssel gibt es in La Hulpe die Fondation Folon, die den Nachlass des großen Grafikers Jean-Michel Folon (1934-2005) verwaltet, der für Zeitschriften wie den New Yorker und Time Magazine, aber auch für Organisationen wie Amnesty International gearbeitet hat. Die Fondation richtet aber auch Wechselausstellungen aus zur Zeit zeigt sie das Werk von Hugo Pratt (1927-1995). Der italienische Zeichner wurde mit seinen Bildgeschichten um Corto Maltese zu einem Pionier der Graphic Novel. Die Serie mit dem Kapitän ohne Schiff als Helden entwickelte sich von einer Abenteuersaga, die von Joseph Conrad beeinflusst war, in immer poetischere und fantastischere Sphären. Die Schau in La Hulpe wurde von Pratts langjähriger Mitarbeiterin Patrizia Zanotti und Cristina Taverna kuratiert. Sie bietet nicht nur Originalseiten, sondern auch eine Fülle von farbigen Aquarellen, die die besondere Stimmung der Maltese-Blätter entfalten. Ein Schwarm Möwen, ein Regenbogen, Faune und Feen aus dem Sommernachtstraum – das alles beschwört Pratt mit wenigen, sicheren Strichen.

Ein Geistesverwandter und persönlicher Freund Pratts war der belgische Zeichner Didier Comès (1942-1971). Seine in suggestivem Schwarz-Weiß erzählten Geschichten sind von Pratt beeinflusst, schlagen aber ganz andere, finstere Töne an. „Silence“ handelt von einem geistig zurückgebliebenen jungen Mann in einem Dorf auf dem Hohen Venn. Alle beuten ihn aus – bis er der Dorfhexe begegnet, der vor vielen Jahren Unrecht geschah und die sich mit der Hilfe von „Silence“ rächen will. Auf 150 Seiten breitet Comès eine Tragödie von archaischer Wucht aus.

In Deutschland ist Comès ein Fall für Liebhaber und Fachleute. Im französisch-sprachigen Raum aber ist er ein Klassiker. „Silence“ erschien im Original 1980 und gewann mehrere internationale Preise. Einige Comics von Comès sind auch zwischen 1980 und 1990 übersetzt worden. Die Ausgaben sind heute nur noch antiquarisch zu bekommen. Aber man kann ihn jetzt in seiner Heimat kennenlernen. Das Museum in der Abbaye de Stavelot, nah der deutschen Grenze, widmet ihm eine Werkschau mit zahlreichen Originalzeichnungen. Hier sieht man die eindringlichen Schilderungen von der brutalen Blendung der Hexe, die atmosphärisch dichten Landschaftspanoramen, in denen Comès mit Tusche so viel einfing vom düsteren Zauber der Moore und der kleinen Dörfer im Osten Belgiens.

Comès fühlte sich als, wie er es selbst formulierte, „Bastard“ zweier Kulturen. Er wurde im Weltkrieg geboren, als auch sein Geburtsort Sourbrodt von den Deutschen okkupiert war, und sein Name war ursprünglich Dieter Hermann. Sein Vater sprach deutsch und kämpfte an der Ostfront. Dieter wurde 1949 zu Didier, war Außenseiter, spielte Schlagzeug in einer Jazzband, arbeitete zunächst als Industriedesigner und begann erst 1969 als Comic-Zeichner. Vielleicht verschafft ihm die große Werkschau ja auch hierzulande neue Aufmerksamkeit, so dass auch deutsche Leser sein Werk kennen lernen. Er ließ schon 1977 in einem Comic Hitler zurückkehren und beteuern, er habe nur Befehle befolgt. Und man kann dann vielleicht auch den schwarzen Humor würdigen, mit dem er in seinem letzten Werk, „Dix et Der“, auf den Zweiten Weltkrieg zurückblickt. Ein Blatt zeigt zwei Raben, die sich an den zahlreichen Leichen im Wald gütlich tun und die einen surrealen Dialog über ihre Verdauungsstörungen führen.

Das Musée Hergé in Louvain-la-Neuve ist zehn Jahre alt. Zum Geburtstag und begleitend zur Bronze von Hergé zeigt das Haus weitere humorvolle Tierskulpturen des belgischen Bildhauers Tom Frantzen (bis 19.8.) Geöffnet di – fr 10.30 – 17.30, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 10/ 488 421, www.museeherge.com, www.tintin.com

Ausstellung Hugo Pratt in der Fondation Folon, La Hulpe. Bis 24.11.; di – fr 9 – 17, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 653 34 56, www.fondationfolon.be, Katalog (frz.) 28 Euro Ausstellung Didier Comès in der Abbaye de Stavelot. Bis 5.1.2020, tägl. 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 80/ 880 878, www.abbayedestavelot.be, Begleitbuch 9,90 Euro

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