Konkrete Kunst mit Systemfehler

Beat Zoderer stellt im Kunstmuseum Ahlen aus

Beat Zoderer im Kunstmuseum Ahlen
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Beat Zoderer mit seiner Plastik „Penta Stein“ (2015) und vor dem Bildkasten „Echos out of a shoe box“ (2006) in Ahlen.

Der Schweizer Künstler Beat Zoderer ist ein Grenzgänger der Konkreten Kunst. Seine Schau im Kunstmuseum Ahlen überzeugt mit starken Farben.

Ahlen – Seine Farben kann eigentlich jeder bekommen. Beat Zoderer holt sich das Material im Handel. Die wechselvollen und strahlenden Farbwelten des Schweizer Künstlers gehen vor allem auf Arrangements aus Industriefarben zurück. Im Kunstmuseum Ahlen lassen sich die vielfältigen Ideen zu seinem Understatement betrachen: „Ich mache nichts – ich nehme nur – füge es zusammen oder zerteile es und stelle es nebeneinander.“ Wie in dem „Lotbild“ (2002), das aus zahllosen farbigen Holzleisten besteht, die senkrecht und unterschiedlich hoch zueinander ins Lot gesetzt wurden. Die unruhige Oberfläche mit ihren feinen Farb-Raum-Zerklüftungen ist als Quadrat gefasst, ohne die Energie des Farbwechsels zu bändigen.

„Beat Zoderer. Faltungen und andere Ereignisse“ heißt die Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen. Über 80 Wandarbeiten, Gemälde, Zeichnungen, Reliefs, Modelle, Skulpturen und eine raumgreifende Installation sind aus der Zeit von 1984 bis 2012 zu sehen. Die Rauminstallation, die Zoderer in Ahlen realisiert hat, nennt er „Faltung des Spiegelbilds“. Über verschieden hohe Sockel ist eine Spiegelfolie gefaltet und gespannt. Die Sonneneinstrahlung aus den bodentiefen Wandschlitzen und den Oberlichtern reflektiert sich in der hellen Folie und dem weißen Raumkörper des Kunstmuseums – immer wieder neu.

Zoderer geht vom Prinzip der Faltung aus. Es geht um den Knick, der im Material Raum schafft und zur dreidimensionalen Plastik führen kann. Einfach soll es sein, wie in der Konkreten Kunst, der das Werk des gebürtigen Zürichers zugeordnet wird. Nur unterläuft Zoderer das wissenschaftliche und geometrische Konzept dieser Kunstrichtung, die vor allem in den 60/70er Jahren ihre hohe Zeit hatte. Nicht nüchtern und streng wirken seine Werke, sondern anregend und vielgestaltig. Sogar das „Raster Aquarell“ (2012), das aus Teilen zugeschnittener Armierungsmatten und Kupferdraht besteht, besticht dadurch, dass die wiederkehrende Vierecksstruktur situativ durchbrochen ist.

Der Künstler greift zu Alltagsmaterialien. Seine Wandarbeit „Faltwerk“ (2004) besteht aus Blechprofilen aus dem Fassadenbau. Die 50 Zentimeter langen Stücke sind gefalzt und gesetzt. Mit den Abständen der Metallteile zueinander wird ein Rhythmus erzeugt. Es ist ein Spiel rechteckiger Formen auf der klaren Grundfläche des Werks. Erkennbare Gestaltung und einfache Elemente verbindet Zoderer, der in Wettingen bei Zürich lebt, zu konstruktiver Kunst.

Zoderer arbeitet mit PU-Schaum, Aluminiumblechen, MDF-Platten, Sperrholz, Beton, Pappe und Garnen. Die kleinformatige Arbeit „Echos out of a shoe box“ (2006) zeigt verschiedenfarbige Fäden auf Karton, die fein geschlungen übereinander liegen und haptische Qualität entwickeln. Zoderer variiert das Thema mehrfach und schichtet in einer gleichnamigen Arbeit farbige Endlos-Zeichen aus Karton in einem Bildkasten (2006) – übergroß.

Eigentlich wollte Beat Zoderer Architekt werden. In Ahlen sagte er, dass ihn die Vorstellungen der Bauherren genervt habe und einige Baubüros seine Ideen unter ihrem Zeichen verkauft hätten. Er wurde 1979 freischaffender Künstler und hatte „eine kurze figurative Phase“, führt der 65-Jährige aus. Danach verarbeitete er Teile von Möbeln und setzte gefundene Objekte zusammen. Fortan hörte Zoderer die Frage, was war das denn vorher? Daraufhin griff er zu Materialien, die nicht gleich erkannt wurden. „Wegkontextualisieren“ nennt er das. Es war ein Schritt zur Konkreten Kunst, zur Abstraktion. Zoderer schätzt die Haltung der „Zürcher Konkreten“, wie von Max Bill und Richard Paul Lohse. Aber er hat Systematiken neu gedeutet, Materialwertigkeiten unterlaufen und Freude an „inszenierten Fehlern“.

In Ahlen ist zu sehen, wie sich Zoderer ganz unaufgeregt von der reinen Form löst. Die Skulptur „Torus No. 1“ (2012) zeigt vor allem kugelige Abdrücke in einer Bronzesäule, die an die moderne Plastik erinnert. Im „Schablonenaquarell“ (2013) ist Farbe möglichst schnell um aufgelegte Kreise aufgetragen worden. Bei diesem mehrfachen Malvorgang verschiebt sich die geometrische Form im Arbeitsprozess und erzeugt Farb- und Formschichtungen. In den kleinen Arbeiten „Kreis-Schnitt“ (2013) sind farbige Transparentpapiere übereinander gefügt. Es entstehen über den Schnittstellen neue Farbwirkungen – so einfach wie hinreißend.

Die wechselnden Arbeitsweisen von Beat Zoderer machen die Ausstellung sehenswert. Ein kompaktes Werkstück wie der „Mono Block“ (2021) besteht aus PU-Schaum, der mit Klavierlack überzogen ist. Die tiefen Einschnitte hat er von einem Facharbeiter ausführen lassen, der mit einer Fräse auch Dreikant-Stücke aus dem Block geschnitten hat. Die perfekte Form ist maßvoll gestört.

Die Ausstellung in Ahlen setzt den Schlusspunkt in der Reihe „Hellweg Konkret II – Blick zurück nach vorn“. Insgesamt gab es acht Präsentationen in Hamm, Soest, Unna, Bad Sassendorf, Arnsberg und Ahlen. Beat Zoderer wird als „Grenzgänger“ der aktuellen konkreten Kunst gewürdigt. In diesem Jahr finden vier Ausstellung des Schweizers im deutschsprachigen Raum statt.

Bis 12. 9.; mi – sa, 15 – 18 Uhr, so 11 – 17 Uhr;

Tel. 02382 / 91 830; www.

kunstmuseum-ahlen.de.

Katalog ist in Vorbereitung. Termine:

1. 7., Donnerstag, 19 Uhr, Podiumsdiskussion „Jetzt mal bitte ganz konkret!“;

28. 8., Samstag, Beat

Zoderer im Gespräch mit Martina Padberg

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