Der Bauhaus-Künstler Heinrich Brocksieper im Schumacher-Museum Hagen

Das Banale als Monument: Heinrich Brocksiepers Pastell „Streichholz auf Streichholzschachtel“ (1966) ist in Hagen zu sehen. Foto: Museum

Hagen – Wie ein Balken ragt das abgebrannte Streichholz vor dem Betrachter auf. Gegen die Schwerkraft hat Heinrich Brocksieper 1966 das banale Ding auf der Schachtel in Aufsicht gemalt und monströs vergrößert. Außerdem hat er die Proportionen verändert, das Holz kommt viel massiver daher als sein reales Gegenstück.

Zu sehen ist das in prachtvollem Blau leuchtende Blatt in Pastelltechnik in der Ausstellung „Ein Hagener am Bauhaus – Die Stofflichkeit der Dinge“ im Emil Schumacher Museum Hagen. Es ist die erste Ausstellung in der Geburtsstadt des Künstlers seit 40 Jahren und die erste in Westfalen seit 20 Jahren. Was erstaunen könnte. Brocksieper (1898–1968) hat doch ein ebenso abwechslungsreiches wie qualitätvolles Werk geschaffen. Allerdings gehört er zu einer „verlorenen Generation“. Die NS-Zeit bedeutete für ihn das Karriereende. Dabei hatten die Machthaber ihm 1933 noch Ausstellungsbeteiligungen angeboten. Er aber lehnte ab, bestritt seinen Lebensunterhalt mit dem ererbten Farbgeschäft und betrieb die Kunst nur noch privat. Ausgestellt hat er auch nach 1945 nicht mehr. Und wer sich so dem Kunstmarkt verweigert, der bleibt unbekannt.

Das mag sich im Bauhausjahr ändern, verdient hätte es Brocksieper. Die kompakte Schau mit rund 40 großen Pastellen, 15 Zeichnungen und etwa 30 Fotografien umspannt die Zeit von den 1920er bis in die 1960er Jahre. Brocksieper war mit dem 14 Jahre jüngeren Emil Schumacher befreundet. Davon zeugt in der Ausstellung ein gezeichnetes Porträt. Brocksieper machte Schumacher auch mit den Ideen des Bauhauses bekannt. Und wer neben den Kabinetten mit der Ausstellung Emil Schumachers großes spätes Bild „Die Zwiebel“ (1990) betrachtet, der findet vielleicht einige Ideen des Älteren wieder. Das Gemüse wird darin zum formatfüllenden, monumentalen Motiv.

Die Pastelle sind eine späte Werkphase Brocksiepers, und vielleicht lassen sie sich nur aus der speziellen, zurückgezogenen Arbeit des Künstlers erklären. Vergleichbares wird man in der Kunst der Zeit so schnell nicht finden. Brocksieper widmet sich den einfachsten, banalsten Alltagsobjekten, dem, was im eigenen Atelier zur Hand ist, oder auch den eigenen Händen. Es entstehen geradezu Ding-Porträts. Da winden sich die „Rostigen Nägel“ widerspenstig auf einem schwefelgelben Grund. Den Farbquast (1962) mit den zerschlissenen Borsten und dem Riss im Stiel zeigt er in einem delikaten Kontrast aus Rot und Orange. Den Spachtel (1961) bildet er mit Verkrustungen und Gebrauchsspuren ab. Man kann bei manchen Blättern Spuren der alten Niederländer und der Neuen Sachlichkeit finden, zum Beispiel im „angeschnittenen Brot“ (1965) mit seinem raffinierten Einsatz von (Un-)Schärfe. Er malt eine Zitrone (1964), einen Kirschzweig (1964), einen „grünen Krug“ (1963). Seine Blätter nehmen einiges von der neuen Figuration vorweg, man denke an Konrad Klaphecks verfremdete Maschinen, an Dieter Kriegs monumentale Eimer, Drahtstücke, Spiegeleier. Brocksieper steht abseits der Nachkriegskunststile. Er verweigert sich der Abstraktion, obwohl er als Bauhausschüler doch prädestiniert gewesen wäre, den Gegenstand aufzugeben. Er war Student der ersten Stunde, kam 1919 ans Bauhaus und studierte bei Johannes Itten und Lyonel Feininger. Den Einfluss Feiningers findet man in den frühen Zeichnungen und Gemälden wieder, etwa beim kristallinen „Kopf“ (1919).

Auch nach Abschluss seines Studiums 1922 hält er den Kontakt zum Bauhaus, wie ein Foto auf dem Motorrad vor dem Haupteingang in Dessau (1930) belegt. Und Ende der 1920er Jahre wendet er sich neuen Medien zu, der Fotografie und dem Film. Dabei zeigt er sich experimentierfreudig in Aufnahmen wie der Taschenuhr im Einmachglas, bei der er mit einfachen Mitteln eine surreale Wirkung erzielt. In Versuchen, Lichteinfälle festzuhalten, knüpft er an Experimente etwa von Moholy-Nagy an, wie im Bild einer Gardine vor Fenster (Mitte 1930er Jahre) und dem „Kellerfenster“ (um 1927), durch das parallele Lichtstreifen fallen. Aber er fotografiert auch die von Industriegeprägte Skyline von Hagen. Und seine späten Pastellbilder deuten sich in der Aufnahme „Kuchenstück“ (um 1927) an, wo er das Gebäck in Nahsicht und isoliert abbildet. Und man kann einige Animationsfilme Brocksiepers sehen. In „Die Näherin“ (um 1930) hat er Nadeln, Knöpfe, eine Schere aufgenommen und bringt sie zum Tanzen. Mal formen sie Gesichter, mal scheinen sie miteinander zu kämpfen.

Ein Film fällt aus dem Rahmen. 1966 hat Brocksiepers Sohn Utz den Künstler gefilmt, wie er eine Brille malt. Man sieht, wie er sich eine Zigarette anzündet, wie er auf einem Teller mit Kreidestummeln auswählt, wie er unzufrieden den ersten Entwurf überpinselt, das Blatt dreht und auf dem verbliebenen, trockenen Stück dann die Sehhilfe in sicheren Strichen abbildet.

Bis 23.6., di – so 12 – 18 Uhr,

Tel. 02331/ 207 31 38, www.esmh.de

Katalog, Druckverlag Kettler, Dortmund, 23 Euro

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