Bastei Lübbe, Kettler und Asso: Was NRW-Verlage im Corona-Jahr erleben

Stille Selbstbeschau: Die Fotografie „Routine” aus der Serie „Beautiful Boy” von Lissa Rivera ist im Fotobuch „New Queer Photography“ des Verlag Kettler zu sehen. Foto: lissa rivera und verlag kettler

Dortmund/Köln/Oberhausen – Wie ergeht es den Verlagen in der Corona-Pandemie? Das Jahr 2020 war schwierig. Die Frankfurter Buchmesse fand als digitales Format statt, ohne Publikumstage. Der Buchhandel bilanzierte für das vergangene Jahr ein Minus von 2,3 Prozent im Sortiments- und Bahnhofsbuchhandel, im E-Commerce-Geschäft und den Kaufhäusern. Doch die Nachfrage nach Büchern sei insgesamt hoch gewesen, sagt Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Die Menschen haben mehr Zeit zu lesen. Nur welche Erfahrungen machen Verlage, die den Lesestoff produzieren? Ein Teilerfolg unter erschwerten Bedingungen?

„Das Produkt Buch hat sich als sehr krisenfest erwiesen, und die Nutzung von Büchern hat auch Corona-bedingt in 2020 sogar zugenommen“, sagt Simon Decot vom Lübbe Verlag in Köln. „Wir sind in einer Branche, die bislang trotz Lockdown verhältnismäßig gut durch die Krise gekommen ist“, sagt Decot als Vorstand Programm der Bastei Lübbe AG. Die Aktiengesellschaft gehört zu den größten mittelständischen Unternehmen im deutschen Verlagswesen. Allerdings werde der neuerliche und längere Lockdown insgesamt eine Herausforderung, so Decot. Der Jahresumsatz lag im Zeitraum 2019/2020 bei rund 82 Millionen Euro.

Der Verlag Kettler aus Dortmund ist auf Ausstellungskataloge, Kunstbücher und Künstlermonografien spezialisiert. Kettler musste Projekte im Jahr 2020 verschieben. Ein Katalog zur Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner“ im Dortmunder Baukunstarchiv kam erst im September heraus – statt im April. Aber insgesamt stehen die Museen zu ihren Katalogproduktionen, weiß Mareike Füchter vom Verlag Kettler. Die Ausstellungen sind aufgebaut. Und wenn Präsentationen geschlossen werden, wie in der ersten Welle, fragen Interessenten oftmals den Katalog nach, um sich ein Bild von der Ausstellung zu machen.

Das ist eine Erfahrung der Corona-Krise. „Wenn Ausstellungen dann digital zugänglich gemacht werden, interessieren sich die Leute noch einmal mehr und vertiefen ihre Eindrücke anhand des Katalogs, den sie bei uns bestellen“, sagt die Buchhändlerin, die Verlags- und Medienmanagement studiert hat. In der Corona-Pandemie erweitert sich das Lese-Verhalten.

Dagegen hat Ernst Gerlach vom Assoverlag in Oberhausen schon Probleme bei der Vermarktung. „Corona verschärft die Probleme kleiner Verlage“, sagt Gerlach, der auf Werbung in Buchhandlungen und bei Autorenlesungen angewiesen ist. Der Lockdown verhindert diese Möglichkeiten. Buchläden sind geschlossen, Lesungen nicht erlaubt. Große Annoncen in Zeitungen und Zeitschriften können sich kleine Buchverlage nicht leisten. Und Werbung über digitale Wege verursache neue Kosten, sagt Gerlach. Auch Lesungen, die ins Internet gestellt werden, kann der Assoverlag nicht bieten. So ein spezielles Aufnahmesystem könne der Verlag nicht vorhalten, sagt Gerlach. Und so musste im Herbst die Präsentation des Buchs „Ein Ich zu viel“ von Anja Liedtke verschoben werden. Selbst ein Aufnahmestudio war nicht zu bekommen, um mit einem Lesevideo im Netz zu werben. Trotzdem werde das Buch nun ausgeliefert, so Gerlach. Der Assoverlag konzentriert sich mit seinem literarischen Programm auf NRW und das Ruhrgebiet.

Bastei Lübbe konnte sein Programm voll ausliefern. „Dies geschah in der Erwartung, dass die Kunden weiter Bücher lesen möchten und der Buchhandel weiter Novitäten braucht, die er verkaufen kann. Das hat sich als richtig erwiesen“, sagt Vorstand Simon Decot.

Eine Erfahrung, die auch der Kettler Verlag gemacht hat. „Die Leute haben viel Muße, sie lesen rein“, sagt Füchter. Spezielle Themen seien gefragt. Ein Titel vom letzten Jahr sei sogar zu einem Standardwerk geworden, so Füchter, obwohl er auf Englisch erschien: „New Queer Photography“ von Benjamin Wolbergs. Themen um Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer und intersexuell sind, finden sich aktuell in den Medien. Aktuell ist auch die Sehnsucht vieler Menschen zu reisen. So sind historische Bilder zur Seefahrt, die Amateurfotografen von 1950 bis 1970 geschossen haben, von Interesse: „The Great Escape“ gibt es auf deutsch.

Bei Lübbe in Köln werden deutlich mehr Kinderbücher nachgefragt. Davon profitierten die Kinderbuchverlage Baumhaus und Boje. „Manche Zielgruppen hatten aufgrund von Ausfällen in Ausbildung, Schule, Uni mehr Zeit: LYX, unser Label für junge Erwachsene hatte erkennbar Mehrverkäufe“, sagt Simon Decot: „Insgesamt gab es ein hohes Interesse an Unterhaltungsliteratur.“ Außerdem habe der Lübbe Verlag mehrere Sachbücher zum Thema Corona publiziert und weitere in Planung, sagt das Vorstandsmitglied.

Vorsichtig ist der Verlag Kettler beim Thema Corona. Es gebe Projektvorschläge von Künstlern zu Corona, sagt Mareike Füchter, aber ein Themenfenster Corona gebe es nicht. „Es geht um die künstlerische Auseinandersetzung“, sagt Füchter. „Es ist eine Gratwanderung und manches aber so gut, dass wir sagen, das müssen wir machen.“ Allerdings soll das Thema auch nicht strapaziert werden.

Beim Assoverlag bleibt es erstmal bei „betrachtenden Überlegungen von Autoren“, wie Ernst Gerlach sagt. Michael Zeller (Wuppertal) und Heinrich Peuckmann (Kamen), Generalsekretär des PEN-Zentrum Deutschland, haben noch keine großen Projekte vor. „Unsere Autoren gehen davon aus, dass die Leute nach Corona die Pandemie schnell vergessen wollen“, sagt Gerlach, der mit seiner Tochter Simone Ceplak den Verlag führt.

Der Lübbe Verlag ist wirtschaftlich sehr zufrieden über den Jahresverlauf 2020. Hörbuch und e-book profitieren von den Lockdown-Phasen. Im Buchhandel konnte ein „Normalniveau“ erreicht werden. Herausstellen kann Simon Decot das Bestseller-Geschäft zu Weihnachten mit Titeln von Ken Follett, Dirk Roßmann und Jeff Kinney („Gregs Tagebuch“).

Sind andere Verlage auch erfolgreich? Mareike Füchter vom Verlag Kettler sagt: „Das lässt sich nicht beziffern.“ Die Museumsshops sind geschlossen. Buchläden reagieren fast ausschließlich nur auf Kundenwünsche. Aber die Bestellungen auf der eigenen Website des Verlags, die sind gestiegen. „Ja, das ist tatsächlich so“, sagt Füchter. Und dass die Menschen wieder zur örtlichen Buchhandlung gehen, dass die Abholstationen funktionieren und die Initiative „buy local“ ernst genommen wird, das spürt auch der Verlag. Als mittelständischer Betrieb mit einer Druckerei in Bönen fühlt man sich als Teil dieses Branchensegments. Kataloge werden zu Ausstellungen deutschlandweit produziert. Gerade ist ein Katalog an die Ludwiggalerie in Oberhausen ausgeliefert worden. „Art About Shoes. Von Schnabelschuh bis Sneaker“ zeigt Popart-Bilder von Heiner Meyer. Der Maler hat vor allem Stilettos farbstark ins Bild gesetzt. Zu sehen im Museum, wenn es wieder öffnet.

Der Assoverlag, der Belletristik, Sachbücher und Kalender („Blagen“) führt, ist in der Corona-Zeit mit einer Initiative unter Druck geraten. Ernst Gerlach hatte die Zeche Alstaden in Oberhausen gekauft und zu einem Veranstaltungszentrum umgebaut. Zum 1. Januar 2020 ist der Verlag mit einem Programm auf Alstaden gestartet. Ab März musste wegen Corona alles abgesagt werden. „Ertrag ist überhaupt keiner da“, sagt Gerlach. „Wir hatten eine Kooperation mit dem Aka-Verlag in Essen und dem Brockmeyer Verlag in Bochum“, so Gerlach. „Beide sind Corona-bedingt geschlossen.“ Die gemeinsame Lit-Revier-Verlagskooperation gibt es nicht mehr. Auch die Corona-Hilfe vom Staat bleibe aus, sagt Gerlach. In Aussicht gestellt waren 70 Prozent vom Gewinn im Jahr 2019. Aber zu der Zeit gab es das Veranstaltungszentrum Zeche Alstaden noch nicht. „Als kleiner kultureller Start-up sind Sie gebeutelt“, so Gerlach. Jeder zusätzliche Monat im harten Lockdown erschwert die Existenz des Verlags.

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