Barbara Hannigan und die Bamberger Symphoniker im Konzerthaus

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Belebten Hans Abrahamsens Komposition im Konzerthaus: Barbara Hannigan und die Bamberger Symphoniker.

DORTMUND - Es ist eine liebe Regel im Konzertbetrieb, dass neuere, als sperrig geltende Stücke mit Klassikern gekoppelt werden, damit die Zuschauer nicht abgeschreckt werden. Solche ungewöhnlichen Koppelungen ergeben zuweilen interessante Abende, so im Dortmunder Konzerthaus beim Gastspiel der Sopranistin Barbara Hannigan und der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrusa.

Die Komposition „Let me tell you“ des Dänen Hans Abrahamsen (2013) und Bruckners vierte Sinfonie öffnen sehr unterschiedliche Vorstellungswelten. Die überbelichteten Farbspiele Abrahamsens und die Bruckner-Sinfonie, die nach Notizen des Komponisten mittelalterliche Szenen nachbilden soll, reiben sich hier um so interessanter aneinander, als die beide eine jeweils eigenartige Mischung aus bildhaften Sequenzen und abstrakter Klangdarstellung sind.

„Let me tell you“ bearbeitet die Geschichte von Ophelia. Paul Griffith hat für den Text Zeilen, die Ophelia im „Hamlet“ tatsächlich spricht, zu einem Gedicht geformt. Das Werk hat drei Parts, jeder an einen Ort in der Zeit geknüpft: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Geigen im Flageolett, Flöten, ein Xylophon eröffnen eine Tonwelt jenseits des Alltäglichen. Hannigan setzt ein, ihre Gesangslinie pulsiert, die Silben werden getrennt, als sei sie jenseits der Worte angekommen. Mit einem Schwellton öffnet sie die Szene, das Orchester setzt mit tiefer grundierten, „hiesigeren“ Klängen ein. Zwischen diesen Extremen schwebt „Let me tell you“. Es erfordert eine Sängerin, die vor allem instrumental singt. Ihre Stimme spielt mit Echos im Orchester: Flöten, Piccolo, einmal Röhrenglocken. Das Orchester begleitet ihre Erinnerungen mit Pizzicati wie splitternde Eiszapfen. Hannigan legt runde, perfekte Schwelltöne über das Ensemble, absteigende Phrasen hallen in den Instrumenten wider. Hannigan, deren Debussy-Melisande 2017 bei der Ruhrtriennale bejubelt wurde, ist eine Sängerin von unfasslich weiten Möglichkeiten. Ihrer Fähigkeit, außergewöhnliche Zustände erlebbar zu machen, trägt „Let me tell you“, das zwischen den Klangfarbspielen überspannt wirken könnte.

Im zweiten Teil beschreibt der Text die Liebe als Erfüllung im Hier und Jetzt. Fagotte, Hörner und Harfe eröffnen einen unruhigeren, lebendigeren Klang. Die Spitzentöne werden aufreizend im Ohr. Der Text beschreibt die Liebende als Gefäß voll Licht, das Orchester liefert ein Durcheinander gleißender, fallender Skalen. Im dritten Part verrutschen die Töne, als sei nun überhaupt keine Wahrnehmung mehr verlässlich. Celesta reibt sich an Celli und Bratschen. Die Stimme bewegt sich in Höhen, in denen auch bei hervorragender Artikulation der Text zurücktritt, aber den braucht Hannigan nicht mehr. Die Stimme wird im letzten Lied ganz zum Instrument.

Bruckners vierte Sinfonie wird von Jakub Hrusa nach der Pause im Sinn romantischer Ideale dirigiert. Im ersten Satz findet er einen dunklen, schwelgerischen Klang. Dazu wählt er langsame Tempi. Die Crescendi rollen gemächlich an. Er fächert auf, entfaltet Stimmungen, lässt sich Zeit. Die Art, Höhepunkte aufzubauen - das Draufzusteuern, die kurze Atempause vor dem großen Aufbäumen – ist fast altmodisch: Finale mit höflicher Ansage. Der dritte Satz wirkt dazwischen brüsk, mit schnellen Hornphrasen und muskulösen Tutti. Der vierte wird noch einmal groß aufgefächert, mit viel Zeit zum Hineinhören und Nachspüren. Hrusa dirigiert die dritte Fassung, deren Schlusssatz noch einmal allen Wandlungen der vorherigen Sätze umfänglich nachhorcht. Man hört die romantischen Ritterbilder mit, die, vielleicht, Bruckner vorschwebten: Mittelalter in Technicolor.

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