„Die Bagage“: Monika Helfers Familiengeschichte

Die Schriftstellerin Monika Helfer in ihrem Garten in der Stadt Hohenems in Vorarlberg, Österreich. Foto: isolde ohlbaum

„Würde Gott diese Kinder lieben, hätte er ihnen nicht so früh Vater und Mutter genommen“, sagen Dorfbewohnerinnen in Monika Helfers Roman „Die Bagage“. Solche bösartigen Verunglimpfungen entlarven eine Gemeinschaft, die selbst vor Waisen nicht halt macht. Monika Helfer führt immer wieder Verurteilungen an, unter denen ihre Vorfahren jahrzehntelang gelitten haben – in Vorarlberg, östlich des Bodensees, als die Region noch zur K.u.K.-Monarchie zählte und nach dem Ersten Weltkrieg zu Österreich wurde.

„Die Bagage“ hieß die Familie im Dorf, auch weil sie einen der abgelegenen Höfe am Waldrand bewohnte. „Die Bagage waren sie erst richtig geworden nach dem Tod ihrer Eltern“, schreibt Helfer. Sie spitzt die Ausgrenzung der sieben Kinder noch zu, indem sie das eigentliche Drama, den frühen Tod der Eltern anführt, um die tatsächliche Trägodie, das Verlassensein der Kinder, herauszustellen. Letztlich werden die Kinder absichtlich verstoßen und diskreditiert. Im christlichen Weltbild der Dörfler kann der aufgelöste Familienverband nichts Gutes mehr sein, wenn der Herr und Vater fehlt.

Monika Helfers Mutter gehörte zu diesen Kindern, die schon bald nach dem ersten Weltkrieg auf sich gestellt waren. Die Autorin, die zahlreiche Erzählungen, Romane und Kinderbücher veröffentlich hat, schreibt über ihre Familiengeschichte weder nachtragend noch wütend, weder kalt noch bitter. Sie will verstehen und das soziale Gefüge der damaligen Zeit zeigen.

Gleich zu Beginn ihres so kurzen wie intensiven Romans nennt Helfer ihr Motiv und bindet den Leser ein. Ihre Mutter Margarete hat als fünftes Kind von sieben nie ein freundliches Wort vom Vater gehört, einen lieben Blick bekommen, eine Anerkennung. Josef glaubte nicht, dass die Grete von ihm war. In „Die Bagage“ geht es um ein Kuckuckskind und die Folgen. So musste Helfers Mutter die Herzenskälte Josefs aushalten. Margarete starb mit 42 Jahren, da war Monika Helfer erst elf.

Aber weil die Familie auch Teil der Dorfgemeinschaft war, klingt im Roman ein Gesellschaftsbild an, in dem Maria, die schöne Großmutter der Autorin, der Mittelpunkt war. Maria, die Frau von Josef Moosbrugger, zog die Männer des Dorfes an. Als Josef seinen Stellungsbefehl bekam, hofften die Kerle im Dorf auf ein erotisches Abenteuer. Der Postbote, der Bürgermeister...

Helfer macht aus der Begierde keinen krachenden Heimatroman. Sie nähert sich einem Milieu, in dem das Wort Liebe keinen Platz hatte, weil es in der Mundart nicht vorkam. Für die körperliche Lust von Josef und Maria findet sie ein sensibles Verständnis, wenn sie die besondere Intimität bei Nacht beschreibt.

Monika Helfer erklärt „Bagage“ auch sozialgeschichtlich. Der Begriff stand für das, was jemandem aufgebürdet wurde. Für Träger, die von Hof zu Hof zogen, um die größten Strohballen in die Scheunen zu schleppen.

Die Familiengeschichte basiert auf Helfers Recherchen und ihren Gesprächen mit Tante Katharina, die hundert Jahre alt geworden ist. „So müsse es gewesen sein, sagte Tante Kathe, anders könne sie es sich nicht vorstellen.“

Als Josef aus dem Krieg zurückkommt, will er vom Bürgermeister wissen, wer bei Maria war, also wer der Vater von Grete ist. In dem Moment greift Monika Helfer in den autofiktionalen Roman ein und lässt den Bürgermeister Fink sprechen, der Josef an seine Pflichten als Familienoberhaupt erinnert. Die Geschichte um Georg aus Hannover redet er klein. Dabei hatte Maria den Mann so geliebt. Sie leerte eine Flasche Schnaps, als die Affäre mit Georg vorbei war. Doch Josef sollte ein Familienvater für alle sein, auch für die kleine Margarete, führt Fink aus. Monika Helfer schreibt den Männern eine Kindesfürsorge ein, die es damals nicht gab. Literatur lindert hier den Phantomschmerz einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Monika Helfer spürt solche humanen Defizite auf, ohne sie grell auszustellen. Sie hat ein Maß gefunden, um die alltäglichen Unglücke vom frühen Tod, von Ausgrenzung, Unterdrückung und Ignoranz zu beschreiben. „Die Erinnerung als Ordnung aufführen, ist eine Lüge“, sagt die Schriftstellerin, „die Ordnung existiert nicht.“

Vieles ergibt sich aus den Umständen, wie der Tod von Gretes Brüdern: „Sie waren aus dem Boden gewachsene Männer, die eingingen, als nichts mehr zu erwarten war.“ Anderes entwickelte sich, wie die Kraft von Gretes älterem Bruder: „Dem Lorenz konnte man nichts mehr beibringen, der wusste, wie man überlebte.“ Der Junge räumte die Speisekammer einer Dorffamilie aus, „damit es den seinen besser ging“. Es war der letzte Kriegswinter, und es war ein Bubenstreich, der die Bagage rettete.

Weshalb die Großeltern mit Marias Schwester Bella kein Geschäft in Bregenz eröffnet haben, um den kärglichen Hof zu verlassen, bleibt ungeklärt. Auch die „Geschäftchen“, die Vater Josef sogar während des Krieges betrieb, bleiben im Dunkeln. Ihm verschaffte der Handel eine Position, von der die Familie nichts hatte. Unerklärliches gibt es in jeder Familie.

Monika Helfer: Die Bagage. Roman. Hanser Verlag, München. 158 S., 19 Euro

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