Ausstellungen in Brüssel zu den Metropolen Berlin und Wien zwischen den Kriegen

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Vieles ist noch aktuell in Lotte P. Prechners Bild „Epoche“ (1928), das in der Ausstellung „The New Berlin“ zu sehen ist.

BRÜSSEL - Ein Gedankenbild malte Lotte B. Prechner 1928 von ihrer Epoche. Ein Sonnengott bläst auf eine Montage aus Fabrikgebäuden, Eiffelturm, religiösen Symbolen, politischen Schlüsselwörtern wie „Diktatur“ und „-ismus“. Und ein Afrikaner in Hemd und Krawatte, den mehr noch die Haltung als der Bücherstapel als Intellektuellen kennzeichnet, betrachtet heiter das Kuddelmuddel.

Fast ein Jahrhundert später kann man dieses Gemälde als Vision der Globalisierung deuten. Die Künstlerin arbeitete in Berlin, hatte aber die Welt im Blick. Nicht erst seit der Fernsehserie „Babylon Berlin“ fasziniert die deutsche Hauptstadt der Zwischenkriegszeit. Nicht nur hierzulande. In Brüssel widmen sich zwei große Ausstellungen dem kulturellen Aufbruch in deutschsprachigen Metropolen. Die Schau „The New Berlin 1912–1932“ im Koninklijk Museum voor Schone Kunsten bietet eine Übersicht über Berlin als kulturelles Zentrum mit europäischer Strahlkraft. Der benachbarte Kunstpalast Bozar zeigt in der fabelhaften Schau „Beyond Klimt“ die Szene in Wien zwischen 1914 und 1938, ein Schmelztiegel der grenzüberschreitenden Kreativität nach dem Zerfall der Doppelmonarchie.

In beiden Häusern begegnet man parallelen Tendenzen, manchmal denselben Künstlern wie dem Ungarn Laszlo Moholy-Nagy. Gerade darum ergänzen sie sich zu einem faszinierenden Blick auf eine Epoche, die noch andere Werte kannte als die Enge einer nationalen Leitkultur. Zumal sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

„The New Berlin“, kuratiert von Inga Rossi-Schimpf, blickt aus belgischer Perspektive auf eine vergleichsweise junge Metropole im Umbruch. Einerseits wird weitgehend chronologisch die vielfältige Kunst nach Stilen sortiert. Man spannte den Bogen vom Expressionismus über Formen der Abstraktion bis in die Neue Sachlichkeit. Leihgaben vor allem aus deutschen und belgischen Museen, aber auch dem Centre Pompidou und dem Guggenheim Museum in New York versammeln Werke wie Ernst Ludwig Kirchners „Frauen auf der Straße“ (1915), Kasimir Malewitschs „Supremus No. 50“ (1915), Max Beckmanns „Liegender Akt“ (1929), Christian Schads ikonisches Porträt „Sonja“ (1928) und das eindringliche Selbstporträt mit Katze von Lotte Laserstein (1928), die gerade mit einer Werkschau in Frankfurt wiederentdeckt wird. Dabei überschreitet die Schau Genregrenzen, bietet Ausschnitte aus Filmen wie Paul Wegeners „Der Golem“ (1920) und Fritz Langs „M“ (1931), widmet sich der Architektur einer Zeit, die zwischen Boom und Krise pendelte, breitet auch die Fotografie aus mit den Montagen zu „Berlin, Symphonie einer Großstadt“ (1927), den Impressionen eines Friedrich Seidenstücker wie der berühmten Pfützenspringerin (Am Bahnhof Zoo, 1930) und Arbeiten des Ateliers Sasha und Cami Stone. Gerade die Frauenporträts der belgischen Fotografin wirken heute frisch und spontan.

In der mit dem Wiener Belvedere erarbeiteten Ausstellung „Beyond Klimt“ im Palast der Schönen Künste steht zwar das Wien der Zwischenkriegszeit im Fokus. Tatsächlich aber hat man einen Querschnitt durch die Kunst der Epoche aus Mittel- und Osteuropa. Obwohl nach 1914 das Kaiserreich zerschlagen war, orientierten sich Künstler aus Ungarn, der Tschechoslowakei, vom Balkan und aus Rumänien noch immer hierher. Ausgangspunkt sind Ikonen der frühen Moderne wie Gustav Klimts prachtvolles Porträt von Johanna Staude (1917/18) und Egon Schieles Doppel-Selbstporträt (1918), auf dem der Künstler lebensgroß nackt vor uns hockt, von imposanter Wucht, obwohl es von fremder Hand überarbeitet wurde.

Auch diese Schau prunkt mit berühmten Künstlern, bietet zum Beispiel fünf Gemälde von Oskar Kokoschka, darunter die monumentale Tafel „Die Macht der Musik“ (1918/20). Auch das Brustbild, auf dem sich Koloman Moser 1916 in der frontalen Haltung des leidenden Christus porträtierte, kam aus dem Belvedere nach Brüssel. Da wusste der Künstler, dass er an Krebs erkrankt war. Daneben gibt es Zeichnungen von Alfred Kubin, Abstraktionen von Frantisek Kupka, eine frühe Arbeit des Op-Art-Künstlers Victor Vasarely, ein Plakatentwurf von 1938.

Spannend wird die Ausstellung aber durch die Fülle von Künstlern, die im Westen wenig bekannt sind. Man begegnet gleichsam einer alternativen Kunstgeschichte. Manche Ausstellungskapitel sind eher thematisch strukturiert, wie der Saal über das Trauma des Ersten Weltkriegs, wo man Propagandabilder wie Alois Hans Schramms „Wächter der Karpaten“ (1914/15) findet, aber auch das stilisierte Bild eines toten Soldaten in Stacheldraht von Robert Angerhofer (ca. 1920) mit dem schockierenden Detail des Beinstumpfs.

Es waren pluralistische Jahre, die die verschiedensten Varianten der Abstraktion kannten mit Arbeiten von Noholy-Nagy, Kupka, Herbert Bayer, Lajos Tihanyi. Die tschechische Künstlerin Toyen (Marie Cerminova) nahm in einem Gemälde von 1929 Elemente des Informel vorweg. Hier begegnet man auch einem Design-Klassiker wie dem Freischwinger-Stuhl von Marcel Breuer. Andererseits berühren die Beispiele einer figurativen Kunst zwischen Surrealismus und Neuer Sachlichkeit. Das kühle Bild eines Mädchens mit Hut (1929) von Franz Lerch, das tiefgründige Porträt des Bankdirektors Koch (1928) von Paul Gebauer, das abgründige Selbstbildnis mit Kamm von Marie-Louise von Motesiczky (1926). Auf den Schrecken der Epoche reagiert Rudolf Wacker mit Stillleben wie dem zerbrochenen Puppenkopf (1937). Ein Szenario wie Franz Sedlaceks „Gärtner“ (1928) könnte aus einem Animationsfilm stammen: Da sind die Kakteen belebt mit schwingenden Tentakeln, geöffneten Augen und klaffenden Mündern, und der Mann im Hausmantel mit der gewaltigen Heuschrecke auf dem Rücken wirkt wie eine mutierte Spitzweg-Figur.

The New Berlin im Koninklijk Museum voor schone Kunsten, bis 27.1.2019, di – so 10 – 17 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 508 32 11, www.fine-arts-museum.be, Katalog (engl./ nl./ frz.) 34,95 Euro

Beyond Klimt im Bozar/Palais des Beaux Arts, bis 20.1.2019, di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0032/ 2/ 507 82 00, www.bozar.be, Katalog (engl./ nl./ frz.) 39 Euro

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