1. wa.de
  2. Kultur

Ausstellung zur Satirezeitschrift Simplicissimus im Kollwitz-Museum Köln

Erstellt:

Von: Ralf Stiftel

Kommentare

Hanns Erich Köhlers Zeichnung „Contra!“ (1954) in der Kölner Ausstellung über den Simplicissimus
Der Köter meldet sich zurück: Hanns Erich Köhlers Zeichnung „Contra!“ (1954) ist in der Kölner Ausstellung über den Simplicissimus zu sehen. ©  © Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover

Köln – Die rote Bulldogge haben sie übernommen. Der Zeichner Thomas Theodor Heine hatte 1896 das Wappentier der Satirezeitschrift Simplicissimus entworfen, das seine Kette zerrissen hatte und dem Betrachter die blanken Zähne entgegenfletscht. Die Originalversion dieses wütenden, unkontrollierbaren Straßenköters montiert Hanns Erich Köhler 1954 in seine Zeichnung „Contra!“ vor eine Reihe erschrockener, ertappter Vertreter des Bundesbürgertums. Ein Ruhestörer.

Damit stellte die Neuausgabe des Simplicissimus sich in eine große Tradition. In seinen besten Zeiten hatte die Zeitschrift sich als unbeugsames Organ der Kritik an den Mächtigen etabliert. Zeichner wie Heine, Olaf Gulbransson, Karl Arnold wurden auf den Titelseiten des „Simplicissimus“ zu Klassikern der Karikatur. In der Ausstellung „Der neue Simplicissimus. Satire für die Bonner Republik“ zeichnet das Käthe Kollwitz Museum Köln nun die Geschichte der Spätblüte des Magazins nach. Anlass ist eine Schenkung. Uwe Westfehling, ehemaliger Leiter der Graphischen Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum, besaß eine Sammlung mit Nachkriegsausgaben der Zeitschrift, die er dem Kollwitz-Museum überließ. Er regte auch an, daraus eine Ausstellung zu machen, die er und die neue Direktorin Katharina Koselleck kuratierten.

Es ist kein beliebiges Gastspiel. Käthe Kollwitz war Mitarbeiterin des frühen Simplicissimus. So beginnt die Ausstellung auch mit einigen Grafikblättern, die zwischen 1908 und 1911 dort abgedruckt wurden. Die Künstlerin schätzte das Blatt. Aber ihre realistischen und bitterernsten Darstellungen passten eigentlich nicht zum Simplicissimus, sie bekamen von der Redaktion Unterzeilen, die die Pointen setzten. Die Zeitschrift wurde 1944 eingestellt. Ihre letzten Jahre waren trostlos, die Nationalsozialisten hatten das Blatt 1933 gleichgeschaltet und zum Propagandaorgan gemacht.

Trotzdem war offenbar auch in der Bundesrepublik Satire gefragt. Es gab mehrfach Versuche eines Neustarts. Aber erst dem Zeichner Olaf Iversen gelang eine Wiederbelebung mit einem neuen Team. Sie arbeiteten sich an der Politik der Adenauer-Ära ab. Manche Arbeiten bekamen durch die Ereignisse der letzten Monate eine für die Kuratoren überraschende Aktualität. So gibt es eine Zeichnung von Henry Meyer-Brockmann vom Mai 1956: Auf einer internationalen Konferenz stützt sich ein Teilnehmer dick und dominant auf den Verhandlungstisch. Die Bombe. Der kalte Krieg war ein Dauerthema des Simplicissimus, immer wieder zeigten sich die Zeichner als Mahner, zum Beispiel in der Ost-West-Konfrontation. Schon auf dem Titel der ersten Ausgabe von 1954 sieht man den sowjetischen Außenminister Molotow auf der Kegelbahn, mit Europas Spitzenpolitikern als Zielfiguren. Der russische Überfall auf die Ukraine lässt einen solche Kommentare als sehr gegenwärtig empfinden.

Rund 130 Exponate sind zu sehen, vor allem Titelblätter der Zeitschrift, aber auch einige Originalzeichnungen und -grafiken der Künstler. So sieht man eine kleine Werkgruppe von A. Paul Weber. Konrad Adenauer war lange Hauptdarsteller in den Zeichnungen. Zum Tod des ersten Bundeskanzlers der Bonner Republik druckte der Simplicissimus neun Karikaturen nach. Darüber gibt es einen Kurznachruf, in dem berichtet wird, dass Adenauer „sich selber über Darstellungen freute, die ihn karikierten“. So sieht man ihn auf einer Briefmarke als Preußenkönig, als personifizierten Panzer (Wiederaufrüstung) und (nach einem Wahlsieg) als Freier im Bett einer üppigen Dame, der Republik, mit dem Motto: „Noch einmal mit Gefühl“.

Der Simplicissimus war weniger klar positioniert als spätere Satirezeitschriften. Er vertrat den Mainstream, spottete sehr bürgerlich. Sein Frauenbild war klar auf Vorkriegsniveau. Manfred Oesterle zeigt 1959 Adenauer „Chez Charles“, in einem französischen Nachtklub mit der Marianne als Animierdame, die den Kanzler becirct, während de Gaulle als Kellner eine üppige Rechnung präsentiert. Wenn es darum ging, weibliche Reize zu präsentieren, wurden die Darstellungen realistisch. Auch hier galt: Sex sells. Mit besonderer Liebe zeichnete Kurt Heiligenstaedt 1959 „Maria MacSnell“, den „Engel mit der Kugelspritze“ für eine „Blut- und Busenillustrierte“. Die Ausgabe wurde beschlagnahmt, weil die schwarze Reizwäsche die Brustwarzen nicht verdeckte.

Ein Lieblingsgegner war der sehr katholische CSU-Politiker Alois Hundhammer, der 1959 erfolgreich wegen Beleidigung klagte. Das Urteil musste der Simplicissimus auf dem Titel drucken. Die Gestaltung mit Frakturschrift und dem Schmuckrahmen einer Vereinsurkunde verwandelt die Prozessniederlage in ein neues Stück Satire.

Die Ausstellung feiert das Magazin nicht unkritisch. Wo es dem Zeitgeist verhaftet war, zum Beispiel mit antisemitischen Untertönen bei der Darstellung des französischen Ministerpräsidenten Mendès France und rassistischen Zeichnungen von Afrikanern, wird das kenntlich gemacht.

Aber man findet auch geradezu visionäre Satiren. Schon im Wirtschaftswunder prangerte der Simplicissimus die Verschwendung von Lebensmitteln an. Und Wigg Siegl zeigt 1962 ein Menschenpaar unter zwei Dinosaurierskeletten. Unterzeile: „Eine ganz läppische Klimaveränderung hat genügt, Saury, und schon waren wir ausgestorben! Die da unten, die sind nicht kaputtzukriegen.“

Bis 3.10., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 227 2899, www.kollwitz.de

Auch interessant

Kommentare