Ausstellung zum „Struwwelpeter“ in Oberhausen

Aufsässige Außenseiter: David Füleki zeigt 2009 den Struwwelpeter und seine Freunde wie Comic-Superhelden. Fotos: Ludwiggalerie

Oberhausen – Beim Comickünstler David Füleki sieht er fast wie ein Superheld aus. Die ungeschnittenen Fingernägel an der Rechten erscheinen wie tödliche Waffen. Ein Beispiel für die Wandlungen, die der „Struwwelpeter“ durchlief.

Zu sehen sind die dynamischen Illustrationen von Sonntag an in der Ausstellung „Der Struwwelpeter“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Das Institut würdigt damit das älteste erzählende Kinderbuch in der deutschen Literaturgeschichte. Der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann (1809–1894) hatte das Werk 1844 erdacht, als Weihnachtsgeschenk für seinen kleinen Sohn. Hoffmann fand die damals gängigen Kinderbücher untauglich, zu fromm und bieder. Er brach mit den moralisch aufgeladenen Darstellungen braver Kinder. Er zeigte erstmals unartige Kinder – und die drastischen Folgen ihres Tuns. In späteren Jahren wurde ihm das als „schwarze Pädagogik“ ausgelegt. Zu seiner Zeit gehörte der Liberale aber zu den Aufklärern und Humanisten.

Kuratorin Linda Schmitz formuliert ihr Erstaunen darüber, wie groß das Thema sei. Der Struwwelpeter ging in das kulturelle Bewusstsein ein, fast jeder kann Zeilen mitsprechen oder kennt Begriffe wie „Zappelphilipp“, „Suppenkaspar“ oder „Hans- Guck-in-die-Luft“. Und auch die ikonische Darstellung des Titelhelden mit seiner wilden Haarpracht und den sich windenden Fingernägeln ist so vertraut, dass man sie in vielen Variationen und Parodien wiedererkennt. Und mitsprechen kann: „Sieh einmal, hier steht er, pfui! der Struwwelpeter!“

Die Schau zeichnet mit mehr als 200 Zeichnungen, fast 150 Büchern und fast 100 Objekten den Weg vom „Ur-Struwwelpeter“ bis in aktuellste Variationen nach. Das ist überaus unterhaltsam und auch lehrreich, speziell wo es darum geht, wie die Erzählmuster des Kinderbuchs für den politischen Kampf oder auch die Werbung genutzt werden.

Aber zuerst geht es an die Anfänge des Struwwelpeters, zu Leben und Werk von Heinrich Hoffmann, dem Arzt, der so gerne dichtete und sich zum Beispiel über die Mode der Badeorte eine Satire schrieb. Für kurze Zeit, während der Revolution von 1848 war er als Politiker aktiv, Abgeordneter im Vorparlament zur Nationalversammlung. Und er zeigte sich als hochmoderner Reformator der damals noch jungen Psychiatrie, entwickelte das Konzept für eine Heilanstalt für psychisch Kranke und konnte mit Spenden eine Muster-Klinik bauen, die 1864 den Betrieb aufnahm.

Den „Struwwelpeter“ fanden auch Hoffmanns Freunde gut. Unter ihnen war der Verleger Zacharias Löwenthal, der 1845 eine erste Buchausgabe herausbrachte. Es wurde ein Riesenerfolg. In Oberhausen sieht man den „Ur-Struwwelpeter“, dessen Illustrationen noch nicht so abgerundet sind, nicht im hoch-empfindlichen Original, das vom Germanischen Nationalmuseum Nürnberg nicht mehr ausgeliehen wird, sondern als Faksimile. Hoffmann hatte das Buch immer wieder erweitert – die Erzählungen um den „Zappel-Philipp“ und Paulinchen mit den Streichhölzern kamen später hinzu. Die Texte ließ er unverändert, aber seine Zeichnungen überarbeitete er immer wieder. Er war ja als Zeichner Autodidakt, Laie. Die heute meistverbreitete Ausgabe kam 1861 heraus. Die Popularität führte zu Nachahmungen, Parodien, Varianten wie den „Struwwelfritze“, den „Faxenmax“. die „Struwwelliese“, den „Kleckerklaus“ und das „Schlampinchen“. Bald erschienen Übersetzungen in viele Sprachen. Von der russischen Version „Stepka-Rastrepka“ übernahm Hoffmann Anregungen für die Bebilderung einer eigenen Neuausgabe.

Sehr früh erschienen auch Übertragungen, oft mit ironisierendem Charakter. 1899 kam in England der „political Struwwelpeter“ heraus, der den liberalen Politiker Sir Harcourt als Suppenkaspar parodierte. Und natürlich wurde auch der große deutsche Diktator als „Struwwelhitler“ lächerlich gemacht, das „Nazi Story Book by Doktor Schrecklichkeit“ erschien 1941.

Aber auch die Werbung bediente sich gerne bei dem populären Werk: In einer Reklame kann der Suppenkaspar dem leckeren Maizena-Brei nicht widerstehen und wieder rund und gesund, in einer anderen steigt dem Hungerkünstler der Duft von Kühne-Rotkohl unwiderstehlich in die Nase.

Und immer wieder ließen sich Künstler auf den Klassiker ein. Recht bieder erledigte das 1970 in der DDR Karl Schrader, der auf den ausgestreckten Zeigefinger nicht verzichten mochte. Aber die „Geschichte vom fernsehverrückten Frank“ hat noch heute ihre Aktualität. Von ganz anderem Kaliber ist der im selben Jahr erschienene „Anti-Struwwelpeter“ von F. K. Waechter, einem Vertreter der Neuen Frankfurter Schule. Er überblendet den Suppenkaspar mit dem Zappelphilipp und macht aus der Lehrgeschichte eine Demontage der bürgerlichen Familie. Während Kaspar einfach lieber Brot essen will als Suppe, reißt der Vater in einem Wutausbruch die Tischdecke samt Suppenschüssel vom Tisch. Bei Manfred Bofinger wird aus dem Struwwelpeter ein Neonazi, der die Glatze unter einer Perücke verbirgt.

Neuere Künstler variieren gern die Geschichte von den schwarzen Buben, die schon bei Hoffmann klar gegen Rassismus Stellung bezieht. Luise Bofinger konkretisiert 2013 die Erzählung, statt eines anonymen „Mohren“ geht der Junge Yoruba durch einen fotografierten Stadtraum, die Jungen, die ihn mobben, sind als Neonazis charakterisiert, und Nikolas taucht sie strafend in ein Fass mit Scheiße: „Rassisten wollen wir hier nicht seh‘n.“

Die modernen Comic-Variationen entwickeln anarchistische Energie. Wunderbar versponnen sind die Bildwelten des Zeichners Atak (2009), Die Aktentasche des Hans-guck-in-die Luft treibt bei ihm bis nach Amerika, wo sie Indianern in die Hände fällt, die wiederum mit einem Luftschiff nach Deutschland eilen, um sich bei Bier und Wurst eine schuhplattelnde Trachtenfrau anzuschauen.

David Füleki rückt 2009 Hoffmanns Figuren noch mehr in den Mittelpunkt und macht aus ihnen eine Bande der unangepassten Kinder, die sich gegen eine spießige, diktatorische Umwelt zur Wehr setzen.

Der Struwwelpeter wurde in viele Medien übersetzt. In Oberhausen sieht man Hörspielschallplatten und einen Video-Spot zur Bühnenfassung. Der „Shock Headed Peter“ wurde 1998 von der Band The Tiger Lillies geschrieben und hat sich auch an deutschen Theatern zu einem Dauerbrenner entwickelt. Angela Bugdahl hat Motive des Buchs in Ölgemälde übertragen. Da lutscht schon der Embryo im Mutterleib am Daumen, wie auch später das Christuskind auf dem Schoß der Madonna. Und der Suppenkaspar schreit seine Abscheu vor der Suppe in einer Hommage an den Pop-Art-Klassiker Andy Warhol heraus: Seine berühmte Campbell‘s Soup ist übergroß hinter dem Kind zu sehen.

22.9.–12.1.2020, di – so11 – 18 Uhr, Tel. 0208/ 412 49 28, www.ludwiggalerie.de, Katalog, Kerber-Verlag, Bielefeld, 29,90 Euro

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