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Dortmund zeigt im zweiten Anlauf eine Werkschau von Ruth Baumgarte

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Von: Ralf Stiftel

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Ruth Baumgarte: Im Apparatebau, 1961
Die Arbeitswelt hat Ruth Baumgarte mit Arbeuiten wie dem Aquarell „Im Apparatebau“ (1961) im Blick. Zu sehen ist das Werk in Dortmund. © Privat/Katalog

Dortmund – Die Frau sucht Blickkontakt. Ruth Busse, 24 Jahre alt, präsentiert sich auf diesem Selbstporträt anders, als man es 1947 von einer Frau erwartet. Sie stellt sich als Arbeitende dar, mit Pinsel und Palette. Zwei Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft mit ihrem reaktionären Frauenbild sieht man hier eine selbstbestimmte Künstlerin, die burschikos das Barett aufgesetzt hat und die raucht. So stellt man sich die Bohème in Paris vor, nicht eine Pressezeichnerin und alleinerziehende, frisch geschiedene Mutter in Bielefeld. 

Dass hier kein Idyll gemeint ist, sieht man im Hintergrund, wo Handpuppen auf einer Leine hängen, kopfüber. Die Welt ist längst noch nicht wieder in Ordnung.

Dieses Gemälde hängt im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund. Selten bieten solche Institute Wiederholungen. Diesmal sehr wohl, und mit gutem Grund. Die Ausstellung „Ruth Baumgarte. Werde, die du bist!“ sollte eigentlich vor einem Jahr gezeigt werden. Aber sie fiel komplett dem damaligen Corona-Lockdown zum Opfer, wurde abgebaut, ehe auch nur ein Besucher sie anschauen konnte. Nun aber startet die Ruth-Baumgarte-Stiftung durch, die es als Partnerin ermöglichte, dass die umfassende Werkschau mit 180 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen noch einmal in alle Schönheit zu bewundern ist. Im Dezember zieht Wien nach: In der Albertina sind dann die Bilder der Künstlerin da zu sehen, wo zur Zeit Edvard Munch und später der Bildhauer Tony Cragg vorgestellt werden.

Die Kunstfreunde der Region können sich die Reise sparen und das Lebenswerk einer ungewöhnlich emanzipierten Künstlerin schon jetzt kennen lernen. Ruth Baumgarte (1923–2013) wurde als Tochter einer Schauspielerfamilie in Coburg geboren. Mitten im Krieg studierte sie Kunst in Berlin. Nach der Kapitulation begann sie, in der sowjetisch besetzten Zone als Pressezeichnerin für die Berliner Zeitung zu arbeiten. 1946 siedelte sie nach Bielefeld um, wo sie als freie Illustratorin arbeitete. Sie lernte den Industriellen Hans Baumgarte kennen, den sie 1952 heiratete. Ihr Mann verbot ihr, weiter für die links orientierte Zeitung Freie Presse zu arbeiten. Sie wandte sich neuen Themen zu. Inspiration fand sie in den Baumgarte-Eisenwerken. Es entstanden Aquarelle und Zeichnungen mit Industriemotiven, die unter anderem für den jährlich erscheinenden Bildkalender des Unternehmens verwendet wurden. Sie begann, wohl auch, weil sie sich zunehmend von ihrem Mann entfremdete, eine intensive Reisetätigkeit, zunächst in Europa, später auch nach Südafrika, Ägypten, Iran. Ab 1970 griff sie Zeitthemen auf wie Umweltverschmutzung und Armut, so zeichnete sie Obdachlose. Ihr Alterswerk hingegen ist von Afrika bestimmt, das sie immer öfter bereiste und wo sie farbstarke Gemälde schuf.

Kurator Eckhart Gillen unterstreicht besonders die Eigenständigkeit und Konsequenz in Baumgartes Schaffen. Sie blieb unberührt von den Tendenzen der Nachkriegskunst, die vor allem auf die Abstraktion setzte. Die Wurzeln dieser Malerin hingegen liegen in der Neuen Sachlichkeit und in einem dokumentarischen Realismus. Das macht besonders die Bilder aus den 1950er Jahren bemerkenswert, wo sie nüchtern auf die Arbeitswelt reagiert und die Abläufe im Industriewerk in atmosphärisch dichte Aquarelle fasst. Ihre Porträts tragen noch Spuren des Expressionismus.

In den 1980er Jahren reagiert sie auf Zeittendenzen. Die Punkbewegung inspiriert sie zum großen Aquarell „Zählt nicht uns, zählt eure Tage“ (1987), in dem sie collageartig die rebellische Jugend zeigt, Jugendliche mit Irokesenfrisur, Ratten, eine umgekippte Weinflasche. Diese symbolhaften, surreal gestimmten gemalten Zeitkommentare wirken oft überladen, plakativ.

Kurator Gillen sieht in den Afrika-Gemälden einen Höhepunkt in Baumgartes Schaffen. Man mag dem nicht folgen. Die Künstlerin zeigt gerade nicht die sozialen Umbrüche auf dem Kontinent, von den Problemen des Post-Kolonialismus bleibt sie unberührt. Da sieht man Hirten mit Stäben, Frauen mit Wasserkrügen auf dem Kopf, weite Landschaften, und in der „Anatomical Landscape“ (1991) lässt sie den Rücken eines nackten Mannes mit der Umgebung verschmelzen, so dass man nicht recht weiß, ob man nun Felsen sieht oder noch ein Muskelpaket. Gerade im Kontext heutiger Debatten ist Baumgartes durch und durch eurozentrisches, exotisierendes Afrikabild erkennbar aus der Zeit gefallen.

Gleichwohl ist es gut, dass diese bemerkenswerte Künstlerin nun endlich ein Publikum findet.

Bis 6.6., di – so 11 – 18 Uhr,

do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 50 260 28, www.mkk.dortmund.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 34,90 Euro

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