Kuschelgruppe mit Dinosauriern

Ausstellung „Ruhr Ding“ zeigt Kunst zu Klima und Umwelt

Sandskulptur „Clouded in Vain“ von Mariechen Danz und Kerstin Brätsch Silbersee II Haltern Ruhr Ding
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Die Sandskulptur „Clouded in Vain“ von Mariechen Danz und Kerstin Brätsch ist ein Blickfang am Silbersee II in Haltern. Die Ausstellung „Ruhr Ding“ bietet Kunst zum Thema „Klima“ in vier Städten des nördlichen Ruhrgebiets.

Die Urbanen Künste Ruhr präsentieren aktuelle Kunst umsonst und an spannenden Orten des Ruhrgebiets: Das „Ruhr Ding“ zeigt, was Künstlern zum Thema Klima und Umwelt einfiel, von Sand-Dinos bis zu einem Biotop im Zelt.

Haltern/Recklinghausen/Herne/Gelsenkirchen – Was bleibt vom Menschen in ferner Zukunft? Werden sich die Archäologen in einigen Millionen Jahren unsere Zeit so vorstellen, wie Mariechen Danz und Kerstin Brätsch in der Sandskulptur am Silbersee II in Haltern? Da versammeln die beiden Künstlerinnen um sich Dinosaurier zum Gruppenkuscheln. Das passt natürlich zum Ort, einem beliebten Ort für Badeausflüge. Einst wurde hier Quarzsand abgebaut. Jetzt gibt es hier einen richtigen Strand.

Danz und Brätsch verbinden mit ihrer Arbeit „Clouded in Vain“ einen aktuellen Gedanken mit sehr traditionellen Motiven der Kunst. Der Mensch verändert seine Umwelt wie wenige Lebewesen sonst. Steht ihm ein Schicksal bevor wie den Sauriern, mit denen er hier vereint posiert? Die Sanduhr stand in barocken Gemälden als Symbol der Vergänglichkeit. Ebenso fragil und vergänglich ist die monumentale Skulptur, die im Lauf der Zeit von Wind, Wetter und vielleicht keimenden Pflanzen angegriffen wird. Die Utopie einer harmonisch zusammenlebenden Gemeinschaft von Mensch und Tier erweist sich als Warnbild.

Die Skulptur gehört zum Kunstprojekt „Ruhr Ding“, bei dem die Urbanen Künste Ruhr 22 Projekte in vier Städte im Norden des Ruhrgebiets bringen. Das Leitthema der Freilichtschau ist das Klima. Eigentlich sollte das von Britta Peters und Vlado Velko kuratierte „Ruhr Ding“ schon vor einem Jahr präsentiert werden. Doch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Dauerthema hat durch die pandemiebedingte Verzögerung inhaltlich nicht gelitten.

In Haltern erlebt man an einem spektakulären Ort auch ästhetisch faszinierende Arbeiten. Der kanadische Künstler Michel de Broin setzt sich mit der Vergangenheit des Ortes auseinander: Er platziert einen großen, glitzernden Kristall im Wasser. Es ist ein gewaltig vergrößertes Sandkorn, außen verspiegelt. Sand ist einer der wichtigsten Industrierohstoffe der Gegenwart, wird für Beton, Glas, Mikrochips benötigt. Sein Abbau greift massiv in die Natur ein, und nur selten bleibt ein Idyll zurück wie der Freizeitort Silbersee. Der Berliner Künstler Raul Walch schuf eine bunte Insel. Kasia Fudakowski stellt an den Strand ihren „Climate Changing Room“. Der Titel ist ein Wortspiel aus Klimawandel und Umkleidekabine. Das Objekt erlaubt viel Klima: Ein Stahlgerüst mit Feigenblättern, die beim Umziehen minimalen Sichtschutz gewähren.

Auch die Zeche Blumenthal in Recklinghausen ist ein besonderer Ort für Kunst. In die kaum restaurierten Gebäude fügt sich die Kunst großartig ein. Zum Beispiel die beiden metallisch bunt schillernden Objekte der kuwaitischen Künstlerin Monira Al Qadiri. Ihre Skulpturen in der ehemaligen Weißkaue sind vergrößerte Bohrköpfe aus der Ölförderung.

Der in Neuseeland geborene Künstler Hayden Fowler errichtete neben der Zeche ein Miniaturbiotop. In seiner Arbeit „Death of Worlds“ führt er die Besucher in einen Lebensraum, in den er Samen von rund 100 Pflanzen ausbrachte, die im Zuge der Industrialisierung im Ruhrgebiet ausgestorben sind. Hier begegnet man ihnen wieder, dem Dornigen Hauhechel, der Blasen-Segge, dem Großen Klappertopf, der Kornrade und dem Kleinen Mäuseschwänzchen. Noch ist der Eindruck steppenartig, aber von Tag zu Tag wird diese kleine Kunstwelt aufblühen.

In den ehemaligen Waschräumen zeigt Kasia Fudakowski die Videoarbeit „Word Count #1–8“, die eine Dystopie überaus anregend visualisiert. In der Science-Fiction-Geschichte haben Wissenschaftler ermittelt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Anstieg des Meeresspiegels und der Zahl der gesprochenen Wörter. Darum ist die Zahl der Wörter auf täglich 433 begrenzt. In den Filmen sieht man grün uniformierte Wortkontrolleure, die noch am Abendbrottisch mitzählen. Und der Professor, der mit seiner Vorlesung über „Don Quijote“ sein Konto hoffnungslos überzieht, landet am Ende in einem monströsen Tauchanzug, in dem das Wasser mit jedem Wort steigt. Doch der Liebhaber der Dichtung kann einfach nicht schweigen.

In Herne führt die Kunst durch die Fußgängerzone. Natalie Bookchin hat im Penthouse im zehnten Stock eines Hochhauses an der Kreuzkirche „Geisterspiele“ inszeniert. Die New Yorker Künstlerin hat vor einem Jahr eingeladen, ihr Videos zu schicken über den neuen Alltag in der Pandemie. In der einst luxuriösen, nun aber verwohnten und leer stehenden Loftwohnung sieht man die Videos im Schlafzimmer, im Salon, auf der Gardine eines Kinderzimmers, auf einem Tablet. Mal sind es Blicke aus dem Fenster ins Regenwetter, Jugendliche, die nachts Skateboard-Kunststücke vorführen, aber auch der Blick aus dem Fenster auf eine Demo der Black-Lives-Matter-Bewegung. Die Welt kommt über zahllose Mobiltelefone in den Wohnturm, Privatheit wird neu definiert.

Im Alten Wartesaal im Bahnhof Herne hat Ana Alenso die Installation „Die Mine gibt, die Mine nimmt“ errichtet, Gerätschaften, mit denen im Regenwald Venezuelas Gold gesucht wird. Videos informieren zusätzlich über den Raubbau an der Natur.

Ein Schmuckstück ist das Heimatmuseum Unser Fritz in Herne, wo Ralf Piorr und Katrin Lieske eine Ausstellung über den Umbau von Herne nach dem Krieg kuratierten. Die Stadt wurde erbarmungslos umgestaltet, dem Straßenbau fiel das älteste Haus Hernes zum Opfer. Ein dokumentarischer Teil wird ergänzt durch Kunstwerke. Man findet dort unter anderem eine Imagebroschüre Hernes von 1970, in der für ein Wohnungsbaumodell geworben wurde mit dem Schlusssatz: „Wirklichkeit in Stahlbeton“.

In Gelsenkirchen reflektiert die Installation „Der lange Abschied“ von Alisa Hecke, Julian Rauther und Franz Thöricht das Verhältnis des Menschen zu Tieren. Manche Tierhalter wollen zum Beispiel ihre gestorbene Katze zumindest als Präparat behalten. Eine Präparatorin berichtet im Video darüber, dass selbst die Innereien nicht entsorgt werden, sondern beim Präparat bleiben sollen. So entwickelte sie Präparate mit Urnenfunktion, was manchmal auch schwierig wird, weil zum Beispiel eine Katze 150 Gramm Asche hinterlässt. Eindringlich auch die Akustikinstallation von Ari Benjamin Meyers am Hauptbahnhof, die aus Wetternachrichten eine vielstimmige Soundkulisse erschafft.

Bis 27.6., mi – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0234/ 9748 3509, www.ruhrding.de

Kurzführer kostenlos

Eintritt frei, coronabedingt muss vorab auf www.urbanekuensteruhr.de ein Tagesticket gebucht werden. Im Angebot sind kostenlose Führungen. Für Rundfahrten können auch Fahrräder gemietet werden.

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