Ausstellung „Reichtum: Schwarz ist Gold“ im Wilhelm-Lehmbruck-Museum

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Reflex schwarzer Geschichte: David Hammons’ Installation „Chasing The Blue Train“.

DUISBURG - Sie glitzern in der Sonne, die Union-Bricketts aus dem Rheinischen Braunkohlerevier. Die Künstlerin Alicja Kwade hat sie mit Blattgold ummantelt. Im Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum machen sie den alten Spruch vom „schwarzen Gold“ wahr. Die Kohle war jahrzehntelang Quelle des Reichtums nicht nur im Ruhrgebiet.

Die letzten Zechen schließen in diesem Jahr, und 17 Museen des Ruhrgebiets begleiten den Umbruch mit dem Ausstellungsprojekt „Kunst und Kohle“. Das Lehmbruck-Museum will Wertaspekt des Rohstoffs in der Ausstellung „Reichtum: Schwarz ist Gold“ sichtbar machen. Dabei geht es natürlich nicht darum, sozialhistorische Zusammenhänge aufzuschlüsseln. Die Kohle soll mit 48 Arbeiten von 21 Künstlern gerade auch als wertvolles Material der künstlerischen Produktion erkennbar werden.

Das kann direkt geschehen wie bei der in Polen geborenen Künstlerin Alicja Kwade, die neben ihren Kohlebarren auch noch einen gewaltigen Kohlebrocken schleifen ließ wie einen schwarzen Brillanten, der nun in einer Vitrine darauf wartet, in ein Schmuckstück für einen Riesen eingefasst zu werden („Lucy“, 2004). Der Hagener Maler Emil Schumacher verwies schon 1957 mit seinem „Tastobjekt 57/12“ auf das Ruhrgebiet, indem er ein schwarzes Relief an die Wand brachte, mit schroffer Oberfläche und einigen Löchern. Schwarz, Kohle, Industrie: Schumacher setzte an die Stelle des Tafelbilds einen rauen Altar der Maloche und versucht zugleich zu vermitteln, wie es sich anfühlen mag im finsteren Stollen.

Die Künstler der Gruppe Zero, Heinz Mack, Otto Piene und Günter Uecker, setzten sich in ihren Arbeiten zwar vor allem mit den Möglichkeiten des Lichts auseinander. Aber als sie 1962 ein Haus planten für ein Zero-Museum in Gelsenkirchen (das nicht realisiert wurde), da sollte die Fassade des würfelförmigen Gebäudes aus Kohle bestehen. Was zum einen natürlich die höchste Form von Anti-Licht ist, was aber eben auch auf die damalige materielle Grundlage eines solchen Kunstortes verweist. In der Ausstellung sind nun das imposante Modell und eine Reihe von Skizzen ausgestellt.

Den Wert des oft als schmutzig empfundenen Stoffes Kohle bringen weitere Arbeiten zum Ausdruck: Der belgische Künstler Marcel Broodthaers wickelte 1967 zwei Stücke Kohle in Baumwolle und legte sie in eine Vitrine. Eine Schutzgeste für das arme Material, das so weich gebettet gleichsam seine Wärme behalten kann. In „Modèle charbon“ (1969), einem seiner Text-Bild-Schilder, werden stilisierte Kohlebrocken zu Statthaltern für eine verschlüsselte Botschaft. Und der französische Künstler Bernard Venet rekonstruierte für das Lehmbruck-Museum eine Arbeit von 1963, eine Aufschüttung von sechs Tonnen Kohle mitten im Raum. Dahinter hängen zwei monumentale, minimalistisch schwarze Zeichnungen des US-Bildhauers Richard Serra. Der Haufen als bildhauerische Form, irgendwo zwischen klarer Setzung und Zufallsprodukt, beschäftigte auch Reiner Ruthenbeck, dessen „Aschehaufen IV (über Drahtknäuel)“ und „Doppelaschehaufen“ (beide 1968) durch mal geraden, mal verdrehten Draht um ein zeichnerisches Element ergänzt werden.

Der südafrikanische Künstler William Kentridge wiederum wendet sich der sozialen Seite von Reichtum zu, der gerade auch im Bergbau ungleich verteilt ist. Sein Animationsfilm „Mine“ (1991) entstand aus Kohlezeichnungen und schildert den Alltag einer Zeche. Während die anonymen Arbeiter in den Untergrund einfahren, spielt der (natürlich weiße) Zechenboss im Bett mit einem kleinen Nashorn.

Mitreißend ist auch die Installation „Chasing the Blue Train“ (1989) von David Hammons, die auf komplexe Weise die Ausbeutung der Schwarzen in den USA in ein spielerisches Szenario übersetzt. Eine tatsächlich blaue Spielzeugeisenbahn dreht dabei ihre Runden durch eine Landschaft aufgeklappter Klavierdeckel und einen Tunnel unter einem Kohlehaufen. Dazu läuft Jazz, einer der bekanntesten Titel des Saxofonisten John Coltrane: „Chasin‘ the Trane“, allerdings aus drei nicht synchronisierten Lautsprechern. Alles hat hier Bedeutung, die Farbe Schwarz der Kohle verweist auf die Rassenfrage wie auch die Musik auf die Subkultur. Und das Wortspiel des Musikers mit seinem Spitznamen wird weitergetrieben, er hat ja nicht nur den Zug, den „Train“, dort, sondern auch die Kohle, „Coal“.

Selbst der Namenspatron des Museums, der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), trägt etwas bei. Sein Relief „Sitzender Bergmann mit Grubenlampe“ (1905/06) überhöht den Arbeiter in Anlehnung an die Haltung von Rodins „Denker“ zum Idealbild.

Bis 7.10., di – fr 12 – 17, sa, so 11 – 17 Uhr, Tel. 0203 / 283 32 94, www.lehmbruckmuseum.de,

Katalog in Vorbereitung

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