Ausstellung „post_minimal conceptual_now“ im Museum unter Tage

Schwereloses Gerät: Franka Hörnschemeyers Installation „Opak519“ ist in Bochum zu sehen. Foto: Stiftel

Bochum – Der Raum erscheint zu tanzen in Franka Hörnschemeyers Installation „Opak 519“. Die Künstlerin hat Schalelemente mit einem Ankerseil verbunden. Das Seil ist nun durch den Ausstellungsraum des Museums unter Tage in Bochum gespannt, kreuz und quer, und die Geräte schweben in diesem Gespinst. Ein wirkungsvoller Kontrast zwischen den geometrischen Formen der Schalelemente und ihrer spielerischen, zufällig wirkenden Verteilung. Und die Strenge der rechten Winkel wird gebrochen durch die Gebrauchsspuren, die Patina auf den Kästen und Gittern.

Die Arbeit der in Berlin lebenden, an der Kunstakademie Düsseldorf lehrenden Künstlerin ist in der Ausstellung „post_minimal conceptual_now“ zu sehen. In der Schau, organisiert von den Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum, wird ein Bogen geschlagen von Kunstpositionen, die um 1970 einen Neuanfang markierten, zu aktuellen Arbeiten, die zum Teil speziell erstellt wurden.

Franka Hörnschemeyers Installation denkt gleichsam die strengen Objekte eines Donald Judd weiter. Von ihm ist ein Wandobjekt ausgestellt („Untitled“, 1991), ein ein Meter breites Aluminiumprofil, wie es in industriellen Nutzungen denkbar wäre. Bei dem US-Künstler steht das Ding für sich, man sieht strenge Linien, die neutralste denkbare Farbe Silbergrau. Eben Minimalismus. Auch Hörnschemeyers Schalelemente verlangen nicht nach Deutung. Und doch öffnen sie sich einer Begegnung, fordern gleichsam den Besucher auf, dem Seil zu folgen, definieren Bewegungen.

Die Schau bietet zehn Positionen, meistens kleine Werkgruppen, manchmal auch eine große Arbeit. Die Arbeit „timm ulrichs, ein bild herstellend und ausstellend“ (1968/73) von Timm Ulrichs ist selbstreferentiell: In sieben Fotos sieht man den Künstler im Laden Stäbe und Leinwand kaufen, auf dem Fahrrad ins Atelier fahren, einen Rahmen bauen und bespannen. Am Ende steht das Ergebnis: Ein weißes Quadrat, auf mit Klebebuchstaben der Werktitel formuliert ist. Aber ist diese Texttafel ein Bild?

Die Performance bekommt um 1970 neue Bedeutung. Geradezu hellsichtig erscheint angesichts der aktuellen Diskussionen um Rassismus und Identität Bruce Naumans Video „Flesh to White To Black to Flesh“ (1968), in dem der Künstler seinen nackten Oberkörper erst mit weißer Farbe bedeckt, dann Schwarz aufträgt und sich schließlich wieder abschminkt. Der vordergründig so neutrale, minimalistische Vorgang wird vom Betrachter automatisch aufgeladen, gewinnt politische Bedeutung. Diesen Prozess erläutert auch Adrian Piper, eine afroamerikanische Konzeptkünstlerin der ersten Generation, in ihrer Video-Vorlesung „Art Talk: Xenophobia and the Indexical Present“ (1993), in dem sie zeigt, dass auch vermeintlich ganz formalistisch angelegte Performances persönliche Befindlichkeiten spiegeln. Wenn sie sich für eine Aktion mit Augenbinde und Handschuhen als Objekt in ein Café stellt oder mit einem Handtuch im Mund im öffentlichen Raum bewegt, kann man daran eben auch Verunsicherung und Ängste ablesen.

Den klassischen Positionen antworten Arbeiten von Gegenwartskünstlern. Von Philipp Goldbach sind fünf goldene Wandreliefs zu sehen, tatsächlich Platinen, digitale Speichermedien. Auf jeder hat er einen kanonischen Text abgelegt, von Descartes, vom Sprachtheoretiker Francis Lodwick, vom frühen Logiker Raimundus Lullus zum Beispiel. Das erfährt der Besucher aber nur vom Titel des jeweiligen Werks, der eigentliche Text bleibt eingeschlossen im schimmernden Objekt. Auch das Leuchtobjekt „Progression (Agfa)“ (2016), das vier Mal das Markenlogo des einstigen Filmproduzenten nebeneinanderstellt, steht für einen Umbruch. Fotografie funktioniert heute ohne Film.

Guido Münch schuf ein „Interieur“, einen mit Freischwingern und flachem Tisch, von denen freilich nur die Metallrahmen stehen, möblierten Raum in Schwarz-Weiß. Eine Dekonstruktion des Bauhauses? „Nicht gut und nicht neu“ steht auf einer Wandtafel. Und vor Kopf hängt ein auf die Spitze gestelltes Bild mit einem wuchtigen Linienmuster, in dem sich vielleicht ein Hakenkreuz verbirgt.

Ein Kabinett füllen Arbeiten von Wolfgang Winter und Berthold Hoerbelt, darunter die „Red Tube“, eine viereinhalb Meter lange Röhre aus Flaschenkisten, die betreten werden darf. Hier geht der Minimalismus, die Konzentration auf eine Form, in Design über. Ein menschenfreundlicher Aufenthaltsraum.

Bis 20.10., mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 29 88 901, www.situation-kunst.de

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