Ausstellung in Hagen untersucht die Fotografie am Bauhaus und ihre Folgen

Verwirrende Szene zwischen Natur und Kultur: Heinrich Riebesehls Foto aus der Serie „Agrarlandschaften“ (Ronnenberg, Hannover, November 1978) ist in Hagen zu sehen. Foto: Museum/© VG Bild-Kunst, Bonn

Hagen – Zunächst denkt man an eine Großstadt mit mehrstöckigen Häusern, schön luftig angelegt mit Bäumen. Dann stutzt man – und erkennt den Acker, Kohlköpfe und die Kisten, in denen das Gemüse zum Abtransport bereitsteht. Heinrich Riebesehl nahm das so wunderbar doppeldeutige Foto 1978 auf. Es gehört zu einer Serie über „Agrarlandschaften“.

Nun ist es im Karl Ernst Osthaus Museum in Hagen zu sehen. Das Haus hat sich erstmals für ein Gastspiel geöffnet. Die Ausstellung „Neues Sehen – Neue Sachlichkeit“ wurde von den Kuratoren Dieter Blase und Ute Christina Koch für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Beitrag zum Bauhaus-Jahr erarbeitet. Mit 54 Aufnahmen dokumentiert die Schau eine Traditionslinie der Fotografie vom Bauhaus bis in die Gegenwart.

Das Bauhaus hatte eine große Wertschätzung für die Fotografie, speziell in seiner zweiten Phase ab 1925, als es von Weimar nach Dessau umgezogen war. Zwar gab es weder eine einheitliche Ästhetik noch eine strenge inhaltliche Vorgabe. Aber in aller Vielfalt lassen sich schon Motiv- und Stillinien erkennen, die bis in die Fotografie der Gegenwart nachwirken. Unter dem Einfluss des ungarischen Konstruktivisten László Moholy-Nagy gab es jede Menge technische Experimente. Seine Frau Lucia Moholy hingegen widmete sich der nüchternen bildnerischen Bestandsaufnahme.

Die ganze Spannweite der Fotografie am Bauhaus und die ganz verwandte Position des bedeutenden neusachlichen Fotografen Albert Renger-Patzsch ist im ersten Raum der Schau ausgebreitet. Da sieht man das wie für einen Warenkatalog präzise abgelichtete Kaffee- und Teeservice, aufgenommen von Lucia Moholy (1924). Marianne Brandt fotografierte sich 1928/29 selbst, gespiegelt in einer Glaskugel, ein kunstvoller Effekt. Florence Henri verfremdet 1929 ein Architekturmotiv, indem sie einen großen Spiegel ins Bild einbezieht. Eine einfache moderne Fensterdurchsicht wird so zum irritierend abstrakten Spiel geometrischer Formen. Katt Both fotografiert stufenförmig geschichtete „Atikah-Zigaretten“ (1930/31) als eine regelmäßige Struktur. Und Umbo (Otto Umbehr) sucht sich für die „unheimliche Straße“ (1928) einen Tag mit tief stehender Sonne und lichtet die Aufsicht ab, so dass Radfahrer und Fußgänger von oben fast verschwinden, Anhängsel ihrer langen, geisterhaften Schatten werden.

Die Nazis lösten das Bauhaus auf, aber ihre Lehrer und Absolventen arbeiteten weiter. Nach 1945 bildeten sich Zentren, die die damals entwickelten Techniken, die Bildsprache fortschrieben. Renger-Patzsch fotografierte 1949 die Zeche Zollverein, nicht in der Totalen, sondern als fragmentierte Struktur aus angeschnittenen Baukörpern und sich kreuzenden Stahlträgern. Er entdeckte aber auch am Möhnesee, wo er lebte, visuelle Strukturen, etwa den sich schlängelnden Zaun in einer verschneiten Landschaft (1945/46).

Andere Fotografen werden jetzt wichtig, Otto Steinert machte als prägender Lehrer von 1959 bis zu seinem Tod 1978 die Folkwanghochschule in Essen zu einem Zentrum für experimentelle Fotografie. In seinen Industriefotos, in den berühmten Aufnahmen, die Peter Keetmann 1953 im Volkswagenwerk machte, aber auch in den Berliner Architekturfotos von Heinrich Heidersberger findet man den einerseits sachlich-realistischen, andererseits aber auch abstrahierenden und Motive auf Form reduzierenden Angang, den einst das Bauhaus entwickelt hatte. Auch die mittlerweile ikonischen Aufnahmen, die Bernd und Hilla Becher von Zechen und anderen Industrieanlagen machten, lassen sich auf Vorläufer aus der Bauhauszeit zurückführen: Erich Consemüller nahm zwar um 1925 nicht den kompletten Baukörper des Bauhaus-Gebäudes in Dessau auf, aber wie er das Gebäude aufnahm, frontal, in neutralem Licht, ohne dramatische Schatten, das nimmt den nüchternen Duktus der Bechers vorweg.

Das Archivieren, die Bestandsaufnahme, der nüchterne Blick kennzeichnet aber auch die Arbeit jüngerer Fotografen, die im letzten Raum zu sehen sind. Volker Döhne nahm 1979, noch als Student, Eisenbahnbrücken im Bergischen und Märkischen Land auf, jeweils von beiden Seiten. Claudia Fahrenkämper knüpft mit den Mikrofotografien kleinster Meereslebewesen („Planktos“, 2005) bei dem Grafiker Ernst Haeckel und seinen „Kunstformen der Natur“ an. So wie in seinen Grafiken entfalten auch in den Schwarz-Weiß-Fotos Fahrenkämpers die organischen Strukturen eine ganz eigene Ästhetik. Man sieht auch die extrem nüchternen, aber im Unterschied zum Bauhaus farbigen Dingfotografien von Claus Goedicke und zwei Aufnahmen aus einer Serie von Trinkhallen von Tata Ronkholz. Das Bauhaus strahlt auch nach 100 Jahren noch in die Gegenwart.

Neues Sehen - Neue Sachlichkeit im Osthaus Museum Hagen, Bis 18.8., di – so 12 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 31 38, www.osthausmuseum.de, Katalog 14,90 Euro

Danach an sieben weiteren Stationen, u.a. im Städtischen Museum Warstein (27.10.–5.1.2020), in den Museen der Stadt Lüdenscheid (15.5.–12.7.2020) und im Museum Haus Hövener Brilon (19.7.–13.9.2020)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare