Ausstellung „Gegen die Strömung“ im Museum Schloss Morsbroich

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Auf dem Rücken von Yaks durch eine bizarre Bergwelt: Das 3D-Video „Wanderlust“ von Björk und Encyclopedia Pictura ist im Morsbroich zu sehen. Museum

LEVERKUSEN - Viele Touristen hoffen auf das Klappern der Anzeigetafeln. Kris Martins schwarzes Infobrett „Mandi XXI“ (2009) aber entwickelt ab und zu eifrigen Betrieb. Aber kein Abflug wird angezeigt, keine Landung, kein Ziel und keine Uhrzeit. Vor diesem Wegweiser muss der Reisende verzweifeln. Er ist ausgeliefert.

So wenig braucht es, um das Reisen als Ausnahmezustand deutlich zu machen. Der belgische Künstler Kris Martin verlegt in seiner Skulptur die Bewegung ganz in den Kopf des Betrachters. Man wünscht sich, dass Buchstaben und Zahlen erscheinen, dass es los geht. Aber manchmal bleibt nur Frustration.

„Mandi XXI“ ist im Schloss Morsbroich zu sehen. Das Leverkusener Museum zeigt in der Themenausstellung „Gegen die Strömung. Reisen ins Ungewisse“ Werke von 19 Künstlern, die das Reisen als existenzielles Wagnis beschreiben. Für den niederländischen Künstler Bas Jan Adler (1942-1975) gilt das ganz wörtlich: Er brach für eine Kunstaktion 1975 in Cape Cod (USA) zu einer Atlantiküberquerung in einem Ein-Mann-Boot auf. Er kam nie an, nur das Wrack wurde gefunden. Ein Vitrine zeigt Material zu der Aktion „In Search of the Miraculous“, die nie abgeschlossen wurde.

Die Kuratoren Fritz Emsländer und Stefanie Kreuzer verstehen die Ausstellung aber auch als Kommentar zur Situation des eigenen Hauses. 2016 hatten Wirtschaftsprüfer vorgeschlagen, das Museum als Sparmaßnahme für die verschuldete Kommune aufzulösen und die Sammlung zu verkaufen. Dagegen erhob sich öffentlicher Protest, die Besucherzahlen stiegen deutlich an. Der Museumsverein hat inzwischen ein Rettungskonzept vorgelegt. Auch das Museum Morsbroich befindet sich gewissermaßen im Aufbruch ins Ungewisse. Der US-Konzeptkünstler Lawrence Weiner ermuntert dabei durchaus zu Selbstbewusstsein. Seine Schrifttafel verkündet: „We are ships at sea, not ducks on a pond“ (Wir sind Schiffe auf hoher See, nicht Enten auf einem Teich). Themenschauen wie diese muten dem Betrachter das Unerwartete zu, mit Einzelpräsentationen populärer Künstler riskiert man weniger. Es spricht für Morsbroich, dass das Haus seiner Linie treu bleibt.

Die faszinierende Ausstellung zeigt, wie man mit Gegenwartskunst Bewusstsein schaffen kann, anregen, aufklären – oder auch einfach nur unterhalten. Die Flugmaschinen des belgischen Künstlers Panamarenko zum Beispiel lassen die Fantasie abheben. Und die isländische Sängerin Björk zeigt das Video zu ihrem Song „Wanderlust“ in einem 3D-Schaukasten. Man sieht darin die Sängerin auf einer irrrwitzigen Schussfahrt auf dem Rücken gewaltiger Yaks über reißende Ströme durch eine Gebirgslandschaft.

Reisen kann freilich auch erzwungen sein, wie Kader Attia in seiner eindringlichen Installation „La Mer Morte“ (2015) vermittelt. Drei Leuchtkästen zeigen Fotos der algerischen Küste, keine touristischen Schönheiten, sondern die schroffen Ansichten von Wellenbrechern aus Beton. Davor sind Kleidungsstücke in verschiedenen Blautönen auf dem Boden arrangiert. Man hat den Eindruck einer Welle. Die leeren Jacken und Hosen stehen vielleicht für Flüchtlinge, vielleicht auch für Strandgut, das von Ertrunkenen bleibt und angespült wird.

Der italienische Maler und Bildhauer Daniele Cudini zeigt als kleine Keramik-Skulptur ein Schlauchboot, leer bis auf einige schwarze Autoreifen, die man auch als Rettungsringe nutzt. Vorn steht eine seltsame Figur, ein kleiner, geradezu niedlicher Nackter in einem mächtigen Umhang, ein grotesker Vampir. Fielen ihm die Menschen im Boot zum Opfer? Ähnlich rätselhaft ist das monumentale Gemälde „Zanzibar“ (2006), das offenbar eine Familie auf Reisen zeigt, die Koffer in der Hand, die Gestalten freilich verzerrt zu knollennasigen, hässlichen Mutanten.

Das Video „One flew over the void“ (2005, Einer flog über die Leere) des venezolanischen Künstlers Javier Tellez handelt von Grenzen, lange bevor man an einen US-Präsidenten Trump dachte. Zu sehen ist eine muntere Fiesta an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Schon damals war die Einreise für Migranten illegal. Aber der Schausteller David Smith hatte den US-Pass und konnte sich darum als menschliche Kanonenkugel von einem Land ins andere schießen lassen. Eine visionäre Arbeit.

Auf Entschleunigung setzt Rodney Graham in seinem Video „How I Became a Ramblin‘ Man“ (1999, Wie ich zu einem Herumtreiber wurde). Man sieht einen modernen Cowboy durch die Natur reiten, auf dem Rücken hat er keine Flinte, sondern eine Gitarre. Am Waldesrand setzt er sich nieder und singt den titelgebenden Song. Dann besteigt er wieder sein Pferd und reitet den ganzen Weg zurück.

Bis 29.4., di – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0214 / 855 560,

www.museum-morsbroich.de, Katalog, gestaltet als Reiseführer, 7 Euro

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