Ausstellung in Dortmund würdigt die Volkskunst von Wendt & Kühn

Sie stehen für Weihnachten: Großer Engel mit Engelsberg und musizierenden Elf-Punkte-Engeln. Fotos: Stiftel

Dortmund – Der Advent ist gekommen, und viele Sammlerinnen werden wieder ihren Engelsberg aufstellen mit den geigenden, flötenden, trommelnden „Elf-Punkte-Engeln“ aus Grünhainichen im Erzgebirge. Die rundlichen Figuren tragen ihren Namen nach den weißen Punkten auf ihren grünen Flügeln. Entworfen wurden sie 1923 von Margarete „Grete“ Wendt.

All die Fans des erzgebirgischen Kunsthandwerks werden entzückt sein von der Weihnachtsausstellung im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Die Schau „Himmlischer Besuch aus dem Erzgebirge“ dokumentiert mit rund 280 Objekten die bemerkenswerte Geschichte der Firma Wendt & Kühn.

Es ist eine Geschichte des wirtschaftlichen Umbruchs und der Emanzipation. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Spielwarenproduktion im Erzgebirge. Der Markt öffnete sich, weil in der bürgerlichen Familie das Spiel der Kinder neu bewertet wurde. Aber in den Jahrzehnten vor 1900 entstand dem Kunsthandwerk, das in Heimarbeit gefertigt wurde, Konkurrenz durch industrielle technische Spielzeuge, die oft aus Blech bestand. Um dem etwas entgegenzusetzen und Standards zu sichern, professionalisierten sich die Kunstgewerbler. 1874 wurde in Grünhainichen die Königliche Fachgewerbeschule für Spielwaren-Industrie gegründet. 1884 übernahm Albert Wendt die Leitung. Seine Tochter Margarete (1887–1979) lernte bei ihm das Handwerk. Mit ihrer Freundin Margarete Kühn (1888–1977) gründete sie 1915 die Manufaktur Wendt & Kühn. Das Unternehmen war in der Reformbewegung zu verorten: Gegen minderwertige Massenware sollte das naturnahe Holzspielzeug die Fantasie der Kinder anregen.

Zum Sortiment gehörten Flöten, Räuchermännchen, Nussknacker und Bewegungsspielzeuge wie ein „Klimperkasten“, bei dem man an einer Kurbel drehte und zum Beispiel einen Mann eine Leiter emporklettern und Hühner picken lassen konnte. Das einfache, schnörkellose Design trug zum Erfolg der Figuren von Wendt & Kühn bei. Und natürlich die zunehmende Vermarktung des Weihnachtsfestes in den 1920er und 1930er Jahren. Der Weihnachtsmann wurde populär, gedruckte Adventskalender kamen auf den Markt, Tannenbaum und Adventskranz setzten sich durch. Da brauchte man Dekorationsartikel. Und die rundlichen Engel trafen den Geschmack eines großen Publikums. Nicht nur in Europa: Ausgestellt ist das Titelblatt einer Pfadfinderzeitschrift aus den USA von 1935, auf dem Elf-Punkte-Engel für Weihnachtsstimmung stehen.

Schon 1920 schied Grete Kühn aus dem Unternehmen aus, weil sie heiratete. Das war vertraglich bei der Firmengründung geregelt worden: Ehemänner hatten Zugriff auf das Eigentum ihrer Frau. Dafür kam Olga „Olly“ Sommer ins Unternehmen, die später Grete Wendts Bruder Johannes heiratete. Bis heute ist das Unternehmen in Familienbesitz. Zwar wurde es 1946 zur Hälfte enteignet, aber Margarete Wendt kaufte die die Firmenteile später zurück. 1972 wurde die Firma dann doch verstaatlicht, aber Hans Wendt, Sohn von Johannes und Olly, wurde Betriebsdirektor. 1990 wurde Wendt & Kühn reprivatisiert.

In Dortmund wird die Firmengeschichte mit Fotos, Entwurfsskizzen und natürlich zahlreichen Produkten nachgezeichnet. Dabei sind nicht nur Engel satt zu sehen, neben den Elf-Punkte-Engeln auch die Margeritenengel, entworfen von Olly Wendt 1935, benannt nach dem Blütenkranz auf dem Kopf. Aber die Firma wusste sich neue Marktnischen zu erschließen. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich das Selbstbild der modernen Frau. Sie war oft berufstätig, und sie brauchte für ihre Wohnung Dekorationsobjekte. Nett war es dann, „Tändelkram“ aus dem Erzgebirge ins Regal zu stellen, zum Beispiel „Knauldamen“, bemalte Spandosen, freundlich gestaltete Serviettenringe und Kerzenständer. Oder auch eine Spardose, die als Ofen gestaltet ist mit einer Großmutter, die ihren Enkeln vorliest: schon 1934 ein Sinnbild nostalgischer Bürgerlichkeit. Ein eigenes Produktfeld war der Raucherinnenbedarf: Zigaretten wurden von Anfang an als Genussmittel auch für Frauen entworfen. Wendt & Kühn sprach diesen Markt an mit Zigaretten- und Streichholzbehältern, die als Vogel oder Clown gestaltet waren, und einem Aschenbecher im „Affen“-Design.

Bis 1.3.2020, di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 50 25 522, www.mkk.dortmund.de

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