Reiseimpressionen aus dem Süden

Das Wallraf-Richartz-Museum Köln zeigt „Bon Voyage, Signac!“

Paul Signacs Gemälde
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Wie eine Geistererscheinung wirkt die Moschee in Paul Signacs Gemälde „Konstantinopel: Yeni Djami“ (1909), das im Wallraf-Richartz-Museum zu sehen ist.

Reisen kann man auch in Bildern. Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln nimmt die Besucher mit in den Süden mit Gemälden von Paul Signac und Zeitgenossen: „Bon Voayage, Signac!“

Köln – Wie eine Fata Morgana flimmern die osmanischen Prachtbauten in Paul Signacs Gemälde „Konstantinopel: Yeni Djami“. Der französische Maler hat seinen Ansicht 1909 als Blick vom Meeresarm des Goldenen Horns geschaffen. Boote kreuzen im Vordergrund. Signac malte in einem vergröberten Pointillismus, er setzt Farbtupfen um Farbtupfen nebeneinander und schuf den typischen Effekt eines Mosaiks. Zugleich spielt er mit dem Licht, indem er die Bauten wie ein Relief in den Hintergrund modelliert, wobei er die Farben nur ganz wenig vom umgebenden Himmel absetzt. So entsteht der zauberische Effekt einer gemalten Vision.

Das Bild ist im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. Die Ausstellung „Bon Voyage, Signac!“ ist eine imaginäre Reise in prachtvollen impressionistischen Meisterwerken. Das Bild aus der türkischen Metropole ist dabei Initialzündung, ein Neuzugang in der spektakulären Sammlung des Hauses. Es kam als Leihgabe der neuen Stiftung Kunst im Landesbesitz, ein gutes Ende einer unangenehmen Geschichte. Als die WestLB abgewickelt wurde, drohte auch die Kunstsammlung zerstreut zu werden. Das Land gründete die Stiftung, um die Werke im öffentlichen Besitz zu halten. Der Signac gehörte dazu. Das ziemlich verschmutzte Gemälde wurde aufwendig gereinigt und restauriert.

Es ergänzt die Wallraf-Sammlung bedeutsam. Das Haus besitzt zwar bereits etliche Bilder des Künstlers, allerdings keins aus dem Spätwerk. Um dem Neuzugang einen passenden Auftritt zu verschaffen, kuratierte Barbara Schaefer die attraktive Ausstellung, die sich zunutze macht, dass Paul Signac (1863–1935) ein fleißiger und begeisterter Reisender war. Besonders Frankreichfans werden in der Schau auf ihre Kosten kommen, Italien mit Venedig und eben Istanbul/Konstantinopel kommen als mediterrane Appetithappen dazu. Den Großteil der Exponate bestritt die Kuratorin aus dem Bestand des Hauses. Um allerdings die Bedeutung des neuen Signac-Bildes herauszustreichen, warb sie eine Reihe hochkarätiger später Signacs als Leihgaben ein, unter anderem vom Metropolitan Museum New York, vom Musée d’Orsay in Paris und von der Albertina in Wien. Das ermöglicht es zum Beispiel, neben „Yeni Djami“ noch die Bilder „Das Goldene Horn. Dunst“ (1907) zu zeigen, wo die Moschee an den rechten Rand rückt und der Verkehr auf dem Wasser deutlich gesteigert wurde. Ein weiteres Bild, „Konstantinopel – Ansicht des Goldenen Horns“ (1907) arbeitet mit deutlich kühleren Blautönen.

Die Kuratorin hat die Schau aber weniger nach kunsthistorischen Gesichtspunkten gehängt, sondern verfolgt tatsächlich einen touristischen Rundkurs. Es gibt einen kleinen Faltplan, der die Bilder um hinstorische und aktuelle Fotos der abgebildeten Orte ergänzt. Die Bilderreise erscheint geradezu als Antwort auf den pandemiebedingten Lockdown. Aber konzipiert wurde sie schon vorher, und sie sollte auch schon vor einem Jahr gezeigt werden. Jetzt endlich ist sie geöffnet.

Die 17 Bilder Signacs werden um rund 60 weitere Werke von Impressionismus, Neo- und Postimpressionismus ergänzt, letztere komplett aus dem Wallraf-Bestand.

Die Reise beginnt in Paris, mit Signacs Blick auf den Pont des Arts (1912), jene Brücke, die lange mit Vorhängeschlössern als Liebesbeweis zugehängt wurde. Es geht die Seine entlang, nach Versailles, wieder in den Norden in die Normandie und die Bretagne, ans Meer nach Marseilles und Nizza.

Für die Reiseplanung wie für die rein genießende Betrachtung bietet sich hier reichlich Stoff. Signac liebte die Häfen, und gerade im flirrenden, pointillistischen Spätwerk findet man immer wieder das Arrangement von Stadtansichten, vor die Schiffe gesetzt werden. Das kann schon mal ein wunderbar rhythmisches Gewirr aus Masten ergeben wie in der Marseille-Ansicht „Notre-Dame de la Garde“ (1905/06), wo er vor die Skyline mit der imposanten Kirche einige erzählerische Akzente setzt wie ein auf den Betrachter zusteuerndes Ruderboot und ein Dampfboot dahinter. Dann wieder ist die Komposition strenger, klarer, fast schon ein Arrangement geometrischer Elemente wie bei dem goldstrahlenden „Hafen bei Sonnenuntergang, Opus 236“ (1892), gemalt in Saint-Tropez. Purer Lichtzauber ist auch die Studie „Samois“ (1899), ein Blick auf eine Biegung der Seine, bei der Signac wieder die hellen Farbtöne nebeneinander tupft, dass die Formen fast verschwimmen und erst mit ein wenig Abstand und Seh-Arbeit zum Vorschein kommen.

Die Schau überrascht auch dadurch, dass sie viele Bildtitel, die einem vertraut sind, aber eher als abstrakte, fast mythische Namen, nun ganz konkret verortet. Kleine Dörfer und entlegene Küsten gewinnen reale Konturen. Das wilde Meer von Étretat, das bei Claude Monets Gemälde „Fischerboote am Strand von Étretat“ (1883/84) zum schroffen Arrangement aus Hütten, Booten, Felsen und bewegtem Wasser wird. Oder seine „Häuser in Falaise im Nebel“ (1885), bei denen er ebenfalls durch die Nutzung nah beieinander liegender, mit der Beimischung von Weiß angeglichener Töne die Formen auflöst. Und auch „Cricqueboeuf“, wo Édouard Vuillard 1902 Sommerfrischler vor „Heuhaufen im Jardin des Étincelles in Cricqueboeuf“ festhielt, gibt es tatsächlich.

Und man kommt nicht nur herum, man lernt auch die nicht ganz so berühmten Künstler kennen, die oft zu Chronisten einer Landschaft wurden. So wie Henry Moret (1856-1912), der im Militätdienst die Reize der Bretagne entdeckte und dort 25 Jahre lang malte. Seine „Nacht in Doëlan“ (1909) zeigt das rote Gleißen des Leuchtturms und lässt den Mondschein auf dem ruhigen Meer glitzern.

So kommt man mit dem Belgier Théo van Rysselberghe nach Monaco. Man besucht mit Fernand Marie Eugène Le Goût-Gerard die Strickerinnen in der Bretagne mit ihren typischen Hauben (um 1906). Man sieht im Gestöber der Farbpunkte das Paar in einer Provenzalischen Landschaft (1898) von Henri Edmond Cross. Man staunt, dass der Dadaist und Surrealist Francis Picabia in seinen Anfängen auch den Pointillismus erprobte, zum Beispiel in „Der Hafen von Saint-Tropez im Sonnenlicht“ (1909).

Und man lässt sich becircen von Fernand Loyen du Puigaudeaus undatiertem Gemälde vom nächtlichen Markusplatz in Venedig, wo der Mond lange Schatten wirft und die Passanten geisterhaft umherspuken.

Bis 22.8., di – so 10 – 20 Uhr, Tel. 0221/ 221 211 19, www.wallraf.museum

Besuch nur mit persönlichem Zeitfenster-Ticket: https://wallraf-richartz-

museum.ticketfritz.de

Katalog 19,95 Euro

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