Seine Muse und seine Managerin

Das Landesmuseum Münster zeigt „August und Elisabeth Macke“

Gemälde August Macke: Sitzender weiblicher Akt (1913)
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Seine Frau saß Modell: August Mackes „Sitzender weiblicher Akt“ (1913) ist in Münster zu sehen. Foto: LWL/Dornseif

Erstmals seit 20 Jahren präsentiert das LWL-Landesmuseum in Münster wieder eine große Ausstellung mit Werken des Expressionisten August Macke. Die Schau richtet dabei einen besonderen Blick auf Elisabeth, die Frau des Künstlers.

Münster – Das Gesicht hat August Macke in seinem „Sitzenden weiblichen Akt“ (1913) zu einer Maske abstrahiert. Auch die aufgestützte rechte Hand, der Fuß sind als grobe Formen gesetzt. Man spürt in diesem Gemälde die Lust an Kontrasten. Der Künstler setzt das Volumen des in der Summe doch realistisch aufgefassten weiblichen Körpers gegen dekorative Muster. Der Akt befindet sich kaum mehr in einem definierten Raum, sondern scheint vor farbig gestalteten Flächen zu schweben.

Und wenn auch das Gesicht gerade nicht ausgearbeitet wurde, ist doch klar, dass hier Elisabeth Macke Modell saß. Das Bild ist im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen. Ausstellungen mit den farbstarken Werken des Künstlers, der zu den rheinischen Expressionisten zählt, aber 1887 in Meschede geboren wurde und 1914 im Weltkrieg starb, zählen zu den sicheren Publikumsmagneten. Die Werkschau zum 100. Geburtstag 1986/87 sahen gut 400 000 Menschen, es ist die bislang bestbesuchte des Hauses. Vor 20 Jahren gab es hier zuletzt eine große Schau zum Künstler. Eine neue Beschäftigung mit ihm war überfällig.

Nun also zeigt das Museum die Ausstellung „August und Elisabeth Macke“. Schon der erste Saal macht einen Grund dafür deutlich. August Macke hat zehn Selbstporträts geschaffen. Seine Frau aber bildete er rund 200 Mal ab. Eine ganze Reihe dieser Werke sieht man nun, darunter das ikonische Porträt mit Hut von 1909, auf dem sie uns so geheimnisvoll entgegenblickt. Ursprünglich war das Bild größer, aber der Künstler selbst beschnitt es, bis nur noch Kopf und Schulterpartie blieben. Zu sehen ist auch die frühe „Porträtstudie Elisabeth Gerhardt, aus dem Gedächtnis“ (1907), bei dem Macke die junge Frau im Profil vor eine märchenhafte Szenerie mit einem Pfau und einem Bootfahrer platzierte. Wenn es ein Bild der Liebe gibt, dann jene Fragment gebliebene Bleistiftzeichnung von 1907, aus der einen die junge Frau intensiv anschaut. Es gibt Alltagsszenen von der Lesenden, die junge Mutter, die den Sohn Walter hält, aber auch Formexperimente, bei denen Macke die kristallinen Strukturen des Kubismus erprobt. Elisabeth war seine Muse, sein Modell. Und viel mehr.

Der 16-jährige August sah Elisabeth an der Schule in Bonn und verliebte sich gleich in die Fabrikantentochter. Er freundet sich mit ihrem Bruder an, den er porträtiert, und bekommt so Zugang zur Familie. 1909 heiraten sie. Macke findet in Elisabeth eine Partnerin auf Augenhöhe. Beide stammen aus kulturell interessierten Familien. Schon 1904 versichert er ihr: „Du liebes Mädchen, glaube mir, ich habe mehr durch Dich gelernt, als Du durch mich.“ Ihre Meinung zu jedem seiner Werke ist gefragt. Sie war auch seine Managerin, baute ein Netzwerk zu Künstlerfreunden etwa bei der Gruppe „Der blaue Reiter“, zum Kunsthandel und anderen auf und pflegte es. Gerade nach seinem frühen Tod kümmerte sie sich um den Nachlass. So hielt sie die Werke in Listen fest, kümmerte sich um Verkäufe, Ausstellungen und Leihgaben an Museen. Ihr ist es auch zu verdanken, dass viele Werke, die nach 1933 von den Nazis als „entartete Kunst“ von der Vernichtung bedroht waren, erhalten blieben. Sie zog rechtzeitig die als Leihgaben deponierten Arbeiten aus den Museen wieder ab. 1944, als die Alliierten Berlin bombardierten, brachte sie die Bilder in Sicherheit.

Elisabeth Macke arbeitete sogar an Werken mit. Der Künstler suchte neue Medien und Formen. Angeregt von Volkskunst, aber auch von einer Ausstellung „muhammedanischer Kunst“ 1910 in München, befasste August Macke sich mit textiler Kunst und Keramik. Seine Entwürfe für Stickarbeiten setzte Elisabeth um. So sind nicht nur Mackes Entwürfe zu sehen, darunter das Ölbild eines orientalischen Liebespaars, das als Entwurf für einen Wandteppich gedacht war. Sondern es sind auch Arbeiten seiner Frau ausgestellt wie eine Hinterglasmalerei und ein Kissen mit einer „orientalischen Szene“ (1912).

So zeichnet die von Tanja Pirsig-Marshall und Anna Luisa Walter kuratierte Ausstellung vielfältige Verbindungslinien nach. Sie helfen, Mackes Werk und seine Nachwirkung besser zu verstehen. Das Landesmuseum hat sich schon früh um Werke des zwar im Rheinland aufgewachsenen, aber eben im westfälischen Meschede geborenen Künstlers bemüht. Inzwischen verfügt das Haus über 800 Werke, mit denen es zu einem zentralen Standort der Macke-Forschung wurde. Zum Bestand gehören zentrale Gemälde, aber auch das Wandbild „Paradies“, das Macke 1912 mit Franz Marc in seinem Wohnhaus in Bonn schuf und das 1980 vom Landesmuseum angekauft wurde. In der Ausstellung ist eine Reproduktion zu sehen, das Original kann an seinem angestammten Platz im Haus betrachtet werden. Die Schau mit rund 120 Exponaten ist überwiegend aus dem eigenen Bestand gestaltet. Spannend vor allem die Auswertung der 80 Skizzenbücher. Mit diesem Material kann man darstellen, wie Macke sich Motive und Stilmittel erarbeitete, zum Beispiel an dem Ölgemälde „Mädchen vor dem Springbrunnen“ (1913), das in den Skizzen als Variation des antiken Themas der drei Grazien angelegt war.

Die Ausstellung kreist zwar um Mackes Beziehung zu seiner Frau. Aber sie bietet auch einen Überblick über sein Schaffen. So findet man seine Versuche mit der Abstraktion, die „Farbigen Formen“ (1913), die durch die Bekanntschaft mit dem französischen Künstlerpaar Sonia und Robert Delaunay angeregt wurden. In ihnen wollte Macke Musik visualisieren. Man findet einige Beispiele der berühmten und sehr geschätzten Arbeiten von der Tunis-Reise.

Mackes Modernität wird aber auch in der Auseinandersetzung mit dem Thema Mode und Kaufhaus sichtbar. Dem Thema ist ein eigener Saal gewidmet. Hier sieht man das „Modegeschäft“ (1913), eine wunderbare Umsetzung der städtischen Konsumwelt in einen lebhaften Rhythmus aus Rot-, Braun- und Blautönen. Spannend sind hier auch die Skizzen, zum Beispiel der „Ausblick aus einem Schaufenster“ (1914), bei dem Macke prominent die Beschriftung in den Blick rückt. Oder die fein ausgearbeitete Miniatur „Frau mit Sonnenschirm und karierten Handschuhen“ (1914).

Und auch die Herkunft der Werke wird angesprochen. Das Gemälde „Spaziergänger“ (1913) hing in der Nationalgalerie Berlin, bis es 1937 beschlagnahmt wurde. Das Sammlerehepaar Fohn rettete viele Werke der Avantgarde durch Tausch vor der Vernichtung. 1958 wurde der „Spaziergang“ vom Landesmuseum aus dieser Sammlung erworben.

Bis 5.9., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 5907 201, www.lwl-museum-kunst-kultur.de, Vorab muss ein Zeitfenster-Ticket gebucht werden.

Katalog, Verlag E.A. Seemann, Leipzig, 29 Euro

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