Die Ausstellung „Anime fantastisch“ im Dortmunder Comic-Schauraum

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Niedlich und kämpferisch: Das Cel von „Sailor Moon“ (Studio Toei Animation) ist in Dortmund zu sehen. Fotos: Museum

Dortmund – Mit großen Augen steht Sailor Moon unter der gelben Himmelssichel, die Arme ausgebreitet, fast wie bei einer Ballettpose. Wer würde in ihr eine kosmische Kriegerin vermuten, die über das Wohl der Erde wacht? In der Anime-Serie des japanischen Studios Toei Animation entdeckt ausgerechnet ein unbeholfenes Schulmädchen in sich überirdische Kräfte.

Im Dortmunder Schauraum Comic + Cartoon trifft man die Filmheldin in der Ausstellung „Anime fantastisch“. Sie war schon im März aufgebaut, ist aber coronabedingt erst jetzt zu sehen. Kurator Alexander Braun erzählt mit rund 100 Zeichnungen und Cels sowie weiteren Objekten die Geschichte des japanischen Zeichentrickfilms und seiner Wahrnehmung in Deutschland.

Anfangs war das eine schwierige Beziehung. 1971 unternahm die ARD den ersten Versuch, vor allem jungen Zuschauern etwas Originelles zu bieten: Sie kaufte die japanische Serie „Speed Racer“ um den jugendlichen Helden Go Mifune, der nicht nur Rennen fährt, sondern mit seinem bond-mäßig ausgerüsteten Auto auch noch Verbrecher jagt. Journalisten, Pädagogen, Eltern empörten sich über die Brutalität. Nach drei Folgen musste die Serie abgesetzt werden, obwohl die Kinder begeistert waren.

Das ZDF machte es kurz darauf geschickter. Man nutzte die Kapazitäten der japanischen Trickfilmstudios, aber man setzte auf Koproduktionen, bei denen der deutsche Sender Einfluss nahm auf Inhalte, Ästhetik und Stil. Die Filme sollten europäisch aussehen. So kam zunächst die italienisch-japanische Koproduktion „Calimero“ (1972) auf den Bildschirm. Das schwarze Küken mit dem Eierschalenhut war ursprünglich Werbefigur für ein Waschmittel. Dann kam „Wickie und die starken Männer“ nach einem Kinderbuch des schwedischen Schriftstellers Runer Jonsson. Es kam „Die Biene Maja“ nach dem Buch von Waldemar Bonsels, mit dem Titelsong von Karel Gott. Dabei gingen das ZDF und das Studio Zuiyo frei mit dem Stoff um, Figuren wie Willi und der Grashüpfer Flip wurden hinzuerfunden. Weitere Serien folgten wie Kimba und Pinocchio. Die Trickfassung von „Heidi“ nach den Romanen von Johanna Spyri war übrigens eine Produktion für den japanischen Markt. Dort war man toleranter als in Deutschland, was ferne Schauplätze und Kulturen anbelangt.

Mit der Einführung des Privatfernsehens gab es weniger Einfluss für Bedenkenträger und einen größeren Bedarf an Stoffen. So kamen „Sailor Moon“, „Dragon Ball“ und die „Transformers“ auf deutsche Bildschirme. Über all das und vieles mehr informiert die Dortmunder Schau. Sie hat natürlich weder den Platz noch die Ressourcen der großen „Anime“-Ausstellung 2011 in der Bundeskunsthalle in Bonn. So konzentriert man sich in Dortmund auf Fernsehproduktionen und streift nur die großen Kinofilme zum Beispiel des Studios Ghibli (dessen Macher Isao Takahata und Hayao Miyazaki zunächst bei „Heidi“ zusammen arbeiteten). Dafür kann man zusätzliches Material, auch Beispielfilme, mit dem Smartphone oder einem ausleihbaren Tablet an „Beacon“-Stationen runterladen und anschauen.

Die Animes waren aufwendiges Handwerk. Der Film setzt sich aus Einzelbildern zusammen. Das US-Studio von Walt Disney setzte da den Standard von 18 Bildern pro Filmsekunde, die jedes für sich hergestellt und abfotografiert wurden. Für die Animes wurde rationalisiert, man nahm weniger Bilder, die jeweils zweimal fotografiert wurden. Und man rationalisierte die Produktion, arbeitete mit Zeichnungen auf transparenten Folien, den „Cels“, die übereinandergelegt wurden. So konnte man einen Hintergrund liegen lassen und nur die Figur abwandeln, die gerade etwas tut. Diese Produktionsweise (die auch bei US-Fernsehproduktionen verwandt wurde) hieß Limited Animation. Man erkennt die entsprechenden Filme leicht an den statischen Hintergründen und Figuren, bei denen sich nur der Mund beim Sprechen bewegt oder der Arm im Kampf.

Auch die inhaltliche Spannweite ist in der Schau zu entdecken. Da gibt es die Kinderunterhaltung, gern auch aus dem Marketing entwickelt wie schon die „Transformers“, ursprünglich Spielzeugroboter in Japan, deren Rechte ein US-Konzern kaufte. Es folgte eine Comicserie in den USA, die in ein Anime umgesetzt wurde. Noch verstrickter ist die Sache bei den Pokémon-Figuren, ursprünglich ein Videospiel, später mit Sammelkarten, Anime, Kino und Smartphone-App kreuz und quer vermarktet.

Anime sind in Japan auch Stoff für Erwachsene. So findet man in der Schau Beispiele für harte Horror-Streifen. Und es gibt „Henfai“, gezeichnete Pornos, die in Japan einen großen Markt bedienen. All das steht übrigens in einer langen Bildtradition: Den „Tentakel“-Sex zum Beispiel, die Angst-Lust-Darstellung eines Akts zwischen einer Frau und einem Octopus, hat der berühmte Künstler Hokusai schon 1814 in einem Holzschnitt dargestellt.

Bis 25.10., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

www.comic.dortmund.de,

Katalog 25 Euro

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