Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet“ im Ruhr Museum Essen

Metropolenblick: Der Ruhrschnellweg, heute A 40, um 1960 zwischen Mülheim und Essen. Foto: LVR-Industriemuseum

Essen – Vor 100 Jahren wurde der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk gegründet. Damit verpasste Preußen seinem „Wilden Westen“ eine Struktur. Es war die Geburtsstunde des Ruhrgebiets als politischer Einheit. Diese Gründung hat sich bis heute erhalten. Der Regionalverband Ruhr versucht als Nachfolgeorganisation, für die Region zwischen Moers und Hamm zu planen. Zum Jubiläum zeigt das Ruhr Museum in Essen die Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet. Die andere Metropole“.

Man merkt diesem Mammutprojekt mit seinen 1000 Exponaten an, dass es eine Festgabe ist. In sieben Kapiteln versuchen die Ausstellungsmacher um Museumsdirektor Heinrich Theodor Grütter und Frank Kerner so etwas wie eine enzyklopädische Übersicht über die Region, die als zusammenhängende Stadt, eben als Metropole aufgefasst wird. Ein Standpunkt, der seit Jahren von manchen lautstark vertreten, aber nicht in allen Rathäusern geteilt wird. Dabei findet Grütter für das Ruhrgebiet die Formel der widersprüchlichen Metropole, geprägt von einem sich durchziehenden Einerseits-Andererseits. Grütter hantiert mit Begriffspaaren. „Die Metropole Ruhr ist nicht schön und nicht hässlich, nicht reich und nicht arm, nicht avantgardistisch und nicht langweilig, sondern immer beides“, schreibt er im Katalog. Hier gibt es die meisten Studenten und die meisten Hartz-IV-Empfänger, die meisten Start-Ups und Dax-Konzerne, aber auch Leerstände und Industriebrachen. Dieser Ansatz ist das Problem der Ausstellung: Sie streift irgendwie alles und jeden, aber sie geht nicht in die Tiefe. Im Grunde reproduziert sie noch einmal vieles, was das Ruhr Museum in seiner Dauerausstellung sowieso ständig zeigt. Und das mit großem Aufwand: Mehr als 200 Leihgeber trugen zur Präsentation bei.

Die Geschichte des Verbands ist ja interessant. Anfangs stand durchaus im Raum, die Ruhrgemeinden zu einer Stadt zusammenzufassen nach dem Vorbild von Großberlin. Das scheiterte aber am komplexen Machtgefüge. Zum einen hätten die Provinzen Rheinland und Westfalen Kompetenzen abgeben müssen. Zum anderen wollten eben auch die Kommunen ihre Eigenständigkeit behalten und nicht in einer Überstadt aufgehen. So wurde eben der Verband gebildet, der insbesondere bei der Infrastruktur und Planung für Fortschritte sorgte. Da ging es um Fragen wie ständige Überschwemmungen der Emscher, die durch Bergsenkungen gefördert wurden. Es ging um Siedlungen und das Verkehrsnetz. Die gelben Straßenschilder, die noch immer an Bundesstraßen auf die nächsten Orte hinweisen, wurden 1926 musterhaft im Ruhrgebiet entwickelt. Was der Ausstellung zum Design in Schwarz und Gelb verhalf.

In sieben Kapiteln wird ein Jahrhundert abgeschritten. Im Sauseschritt wird die Politik durchmessen, ein Maschinengewehr und Flugblätter stehen für den Kapp-Putsch. Ein belgischer Armeehelm und Fotos stehen für die Ruhrbesetzung in den 1920er Jahren. Es geht um den Wiederaufbau nach 1945, die Proteste gegen Zechen- und Hüttenschließungen. Es ist sogar Platz für den Widerstand gegen die kommunale Ordnung mit dem Ortsschild „Wattenscheid statt Bochum“.

In einem Kellerkabinett darf sich der Hobby-Eisenbahner an Modellen von S-Bahn-Triebwagen und einem Längsschnittmodell des doppelstöckigen Stadtbahn-Bahnhofs König-Heinrich-Platz in Duisburg erfreuen. Und an diversen Verkehrsnetz-Grafiken. Bis heute gibt es ja keine durchgehende Straßenbahn durch die „Metropole Ruhr“.

Und so geht es auch durch die weiteren Themenfelder. Die Arbeitsmigration wird in drei Vitrinen abgehandelt, mit einer Anwerbebroschüre, die italienischen Arbeitskräften 1957 ein „vita nuova“ in feinen Reihenhäusern versprach, mit einem Schild, das zweisprachig deutsch und türkisch den Kauenwärter ausweist, einem Frotteehandtuch mit orientalischen Ornamenten aus einem Arbeiterwohnheim in Gelsenkirchen 1960, einem Kofferradio von 1965 mit einem Foto davor, das zwei Gastarbeiter beim Radiohören zeigt. Das kann man sich alles nett anschauen. Aber es ist doch auch ganz schön beliebig.

Vieles wird angesprochen. Mit einem Firmenlogo, einem Einkaufswagen, einer Ladenkasse, einigen Schuhen kommen große Discounter in die Schau, Aldi und Deichmann, die vom Revier aus zu Big Playern wuchsen. Fußballwelt- und Europameisterschaften, Kirchentage, große Stadionkonzerte. Kunst, Kabarett, Wissenschaft. Da kann man die Autogrammkarten der vielen Comedians bewundern von Herbert Knebel über Jochen Malmsheimer bis zu Kai Magnus Sting, und Adolf Tegtmeiers Originalkappe. Man sieht die berühmte Windjacke des legendären „Tatort“-Kommissars Schimanski. Und in einem Kabinett schrumpft die Theaterszene des Reviers zu einigen Vitrinen zusammen, in denen unter anderem Ulrich Wildgrubers Kostüm aus Peter Zadeks legendärer „Hamlet“-Inszenierung von 1977 zu sehen ist.

Die Schau sucht irgendwie die Vollständigkeit, traut sich aber nicht, an Schwerpunkten in die Tiefe zu gehen. Eine kleine Vitrine steht für die Künstlergruppe B1, die sich 1969 gründete und 1970 schon wieder auflöste. In der Essener Ausstellung wird kaum deutlich, wie sehr Künstler wie Friedrich Gräsel (1927–2013) in der Krise der Montanindustrie die Industriekultur vorwegdachten. Sie schlugen die Umgestaltung der Zechen und Industrieanlagen zu Kulturräumen vor. Einen Eindruck davon gibt Gräsels Collage „Röhrenlandschaft Euroflor: Skyline-Projekt“ (1968/69).

Oft ist das Material der Schau spröde, schmucklose Akten und laienhafte Flugblätter, Dinge, die nicht durch ihren Schauwert wirken, sondern die gelesen werden wollen. Ein wenig kompensiert man das mit vielen Ruhrgebietsfotos, die in Leuchtkästen einen Diafries durch den Raum bilden.

Vollends in die Werbeästhetik rutscht die Ausstellung ab, wenn sie Image-Kampagnen präsentiert. Wie lange soll denn der Pott noch kochen? Die entsprechende Kampagne ist mehr als 20 Jahre alt. Etwas mehr Distanz, etwas gebremster Regionalstolz hätten der Schau gut getan.

Bis 9.5.2021, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0201/ / 24 681 444, www.ruhrmuseum.de Katalog, Klartext Verlag, Essen, 29,95 Euro

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