Der ARD-Film „Lotte am Bauhaus“ erzählt eine Emanzipationsgeschichte

In einer Bauhaus-Werkstatt: Die Schüler Lotte (Alicia von Rittberg) und Paul (Noah Saavedra) entwerfen ihr erstes gemeinsames Architekturmodell. Szene aus dem TV-Film „Lotte am Bauhaus“. Foto: honzikmdr/ufa

Lotte hat keine Wahl. „Mit diesem Dreck ist jetzt Schluss“, brüllt ihr Vater und diffamiert die Zeichnungen und das Talent seiner Tochter gleichermaßen. Lotte verlässt die Schreinerei und ihre kleinbürgerliche Familie, um ans Bauhaus zu gehen, die staatliche Schule für Gestaltung. Sie entscheidet sich für ein freies Leben in der Weimarer Republik.

Das Erste reagiert mit dem TV-Drama „Lotte am Bauhaus“ auf das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum. Jan Braren (Drehbuch) erzählt aber vor allem eine Emanzipationsgeschichte an Originalschauplätzen zwischen 1920 bis 1933. Weimar und Dessau bleiben dabei Kulisse für eine Biografie mit künstlerischer Sozialisation und gesellschaftlichen Einlassungen.

Lotte zählt zu den eigenwilligen Frauenfiguren, die das Fernsehen entdeckt hat, um packende Geschichten individuell zu dramatisieren. Die Beispiele sind vielfältig: Aenne Burda (Katharina Wackernagel), Margarete Steiff (Heike Makatsch) und Katharina Luther (Karoline Schuch) stehen für Selbstbehauptung und Aufbruch. Lotte (Alicia von Rittberg) agiert sogar polyfunktional, steht sie doch stellvertretend für die Bauhausfrauen, also für Künstlerinnen wie Marianne Brandt (Design), Gertrud Arndt (Fotografie), Benita Koch-Otte (Weberei) – auch auf diese Persönlichkeiten will der TV-Film vom MDR aufmerksam machen.

Zum Inhalt: Lotte wird bei einem Straßenkampf zwischen Rechtsnationalen und Demokraten von Paul gerettet. Als der Student ihr noch die Bauhaus-Schule zeigt, ist sie beeindruckt. Noah Saavedraa („Egon Schiele – Tod und Mädchen“) spielt einen feinsinnigen Dandy, der mit neuer Architektur Erfolg haben will. Beide verlieben sich ineinander, sie wird schwanger und bald ist klar, das „Lotte am Bauhaus“ keine Ode an die Freiheit wird, sondern ein Geschlechterkampf um Anerkennung und Lebensführung.

Regisseur Gregor Schnitzler geht routiniert vor. Er baut eine herkömmliche Beziehungskiste und weist sie als modernes Möbel aus – publikumswirksam und konstruiert zugleich.

Alicia von Rittberg („Charité“) spielt eine resolute Lotte, die sich selbst ausprobiert, ihre Talente entdeckt, Liebe gibt und die Vorurteile einer Männerwelt erleidet. Regisseur Schnitzler lässt sie dann beim Möbelfabrikanten auflaufen oder mit dem Bauherrn streiten. Es herrscht Verzweiflung neben all den schrägen Partybildern am Bauhaus.

So wie die Frauen um ihre künstlerische Reputation kämpfen, so versucht Direktor Walter Gropius (Jörg Hartmann), seine Schule gegen den Nationalsozialismus zu wappnen. Prügeleien mit der SA sind da augenfällig, aber szenisch so konventionell gelöst wie das Freiheitsgefühl beim Nacktbaden. Es gibt vom Szenenbild wenig, was an die visuelle Sprache der Fotografen und Filmemacher jener Zeit erinnert. Regisseur Schnitzler lässt historische Standfotos nachstellen, das Schulgebäude in Dessau wird mit Bauzeichnungen im Zeitraffer hochgezogen, ein Meisterhaus von Gropius ist in der Morgensonne zu sehen.

Dramaturgisch wichtiger sind Lottes Tränen, die sie bei Anni trocknet. Die Freundin hat mit ihrem „Juppi“ Albers mehr Glück als Lotte mit ihrem Paul („Die Sache mit Dörte“). Um Lotte werden zwei Freundinnen gruppiert. Aber Friedl Dicker (Nina Gummich) und Anni Fleischmann (Marie Hacke) bleiben als Charaktere und Künstlerinnen einseitig. Die Dokumentation „Bauhausfrauen“ gibt im Anschluss an den TV-Film mehr Einblicke.

Das TV-Drama hechelt vor allem der Entwicklung am Bauhaus hinterher. Die Diskussion um Esoteriker Johannes Itten – Lottes malerische Begabung wird erkannt – schäumt im Richtungsstreit mit Gropius nur kurz auf. Die Bauhaus-Kritik von Theo van Doesburg ist Paul in den Mund gelegt: „Nicht dem Handwerk sondern der Industrie gehört die Zukunft.“

Wohl wahr, aber mit den Merksätzen wird das Bauhaus nicht entschlüsselt. Es bleibt ein Staunen, wenn es heißt: „Stahlskelettbau“ und „Glasfassade davor“. Das sind Stichworte. Und so sucht sich jeder sein Bauhaus-Bild zusammen. Ein paar Design-Ikonen wie die Kinderwiege von Peter Keler oder die Wagenfeld-Leuchte im Direktorenzimmer helfen dabei. Vor allem in Dessau wird die Moderne mit hohen Fensterfronten und Balkonfassaden ausgestellt, die das Bauhaus zur Marke gemacht hat. Sogar der Niederländer „Rietveld“ wird erwähnt, was vielleicht schon eine Rechtefrage abdeckt. Denn das Bauhaus wollte „schöne Dinge für alle herstellen und nicht nur für reiche Säcke“, wie Paul einmal sagt. Was daraus geworden ist, ist ein andere Geschichte.

Am Ende emigriert Lotte mit Paul und Tochter nach Tel Aviv, um an der weißen Stadt zu bauen. Sie resümiert aus dem Off. Und trotz ihres zeitweiligen Erfolgs in der TV-Fiktion gibt sie zu: „Frauen blieb die Anerkennung für ihre Leistungen verwehrt.“ So war es wirklich am Bauhaus. Man sollte die Dokumentation nicht versäumen.

ARD, 20.15 Uhr; im Anschluss um 22 Uhr ist die Dokumentation „Bauhausfrauen“ zu sehen.

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