„Das andere 68“ beim Historikertag in Münster

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Anna von der Goltz forscht über CDU-Studenten in der kulturelle Revolte von 1968.

Münster - War da noch was? Fehlt irgendwas an diesem Bild von „1968“? Protestierende Studenten, Rudi Dutschke oder Daniel Cohn-Bendit mit Flüstertüte, Debatten über eine Räte- statt der Bonner Republik, Anti-Vietnamkriegs-Demos und Polizei mit Wasserwerfern, die nackte Rückansicht der Kommune 1. War da sonst noch was?

Beim Historikertag in Münster wurde diese Frage am Freitag mehrfach mit „Ja“ beantwortet. In der Sektion „Zerreißprobe ,68’ – Andere Perspektiven auf die westdeutsche Revolte“ zum Beispiel von Christina von Hodenberg. Die Historikerin, die in London lehrt, kratzt mit ihrem Buch „Das andere Achtundsechzig“ an der „klassischen Erzählung“ von 1968. Deren Bilanz lautet in etwa: Linke Studenten und Intellektuelle scheiterten zwar politisch – die Besitz- und Herrschaftsverhältnissche wurden nicht umgestürzt –, prägten aber die weitere Entwicklung des Landes, das liberaler, pluralistischer, demokratischer wurde.

Wie groß dieser Einfluss tatsächlich war, darüber streiten Historiker und Zeitzeugen zu jedem runden Gedenkjahr. Von Hodenberg interessiert das weniger. Sie lässt die Matadoren der ersten Reihe links liegen, vermag in den Auseinandersetzungen kaum einen Vater-Sohn-Konflikt über das Beschweigen der NS-Vergangenheit erkennen. Und sie fragt nach den Frauen: Ihr Anteil an der Revolte sei von den Chronisten kleingeredet worden, der Beginn der Frauenbewegung werde ignoriert. Dabei hätten Frauengruppen und Kinderläden (anders als die meisten anderen 68er-Themen) schnell und breit Anklang gefunden, weit über die Universitäten hinaus.

Widerspruch kam prompt. Die Frauenbewegung sei nicht Teil von 1968, sondern erst als Folge mit dem „Stern“-Titel vom 6. Juni 1971 erkennbar („Ich habe abgetrieben“), hielten ihr diverse Kollegen vor (Götz Aly, Wolfgang Kraushaar, dazu Alice Schwarzer als Initiatorin der „Stern“-Geschichte). Die heftigen Reaktionen sieht von Hodenberg als „typische Blindstelle in den Meistererzählungen der deutschen Zeitgeschichte“, die Frauen- und Geschlechterthemen abdrängten: „68 soll den Männern vorbehalten bleiben.“

Anna von der Goltz (Washington, DC) will hingegen wissen, wie rechte und CDU-nahe Studierende eigentlich die Revolte um 1968 erlebten. Sie stellten an den Universitäten die Mehrheit – eine schweigende Mehrheit, wenn man auf die Forschungslage schaut.

Mit Blick auf 1968 erwartet man eine der „gespaltenen Gesellschaften“, die das Thema dieses 52. Historikertages waren. Aber der kulturelle Aufbruch mit längeren Haaren und kürzeren Röcken, Beatmusik und sexueller Liberalisierung wurde auch unter den Anhängern des RCDS (Ring christlich-demokratischer Studenten) gelebt. Sie waren für die Pille und wollten das System verändern – allerdings mit Reformen statt mit einer Revolution wie der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS).

1988 tagten alte RCDS’ler in Bonn – ein Veteranentreffen selbsternannter „alternativen 68er“. Die klopften sich als Sieger der Geschichte auf die Schultern, die die CDU modernisiert und die Republik vor dem Extremismus bewahrt hätten. Diese nachträgliche Abschottung sei falsch, meint von der Goltz, es habe „Verflechtungen und Abgrenzungen“ zwischen den Lagern gegeben.

Sie hat rund 30 ehemalige RCDSler interviewt, die in der CDU Karriere machten, darunter Eberhard Diepgen (Regierender Bürgermeister in Berlin), Peter Radunski (Wahlkampfmanager) oder Ursula Männle (Vorsitzende der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung). Die ärgerte sich über den Sexismus in ihrer Partei, wo bei Frauen vor allem das Aussehen interessierte: „Hat eigentlich schon jemand die Frauen gefragt, ob ihnen die Ansammlung von mehr oder weniger dicken Bäuchen, von Halbglatzen usw. gefällt?“ Ähnliches kritisierten auch die Frauen im SDS. Allenfalls sahen hier die Typen besser aus.

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