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„Am laufenden Band“ von Joseph Ponthus am Schauspielhaus Bochum

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Von: Achim Lettmann

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Karin Moog und Daniel Nerlich spielen „Am laufenden Band“ in Bochum.
Blutflitschen im Schlachthof: Karin Moog und Daniel Nerlich spielen „Am laufenden Band“ in Bochum. © Birgit Hupfeld Rottstr.5 44793 B

Die Fabrikarbeit in der Lebensmittelindustrie thematisiert der französische Autor Joseph Ponthus. In Bochum wird daraus ein bedrängendes und intensives Theaterstück, das einem die Augen öffnet. 

Bochum – Es fängt alles harmlos an. Ein Fingerschnipsen, das Quietschen einer Schuhsohle, Besengeräusche, zwei Schläge – Daniel Nerlich richtet das Aufnahmegerät, lässt jemanden im Publikum husten und schafft einen Endlos-Loop, den Alltagssound zum Stück „Am laufenden Band“. Vergessen Sie die launige Stimmung aus der TV-Show der 70er Jahre.

In den Bochumer Kammerspielen setzt Joseph Ponthus den Ton mit „Aufzeichnungen aus der Fabrik“. Der französische Autor und Sozialpädagoge war mit seiner Frau in die Bretagne gezogen und fand keine Stelle. Er vertraute sich einer Zeitarbeitsfirma an und lernte die Lebensmittelindustrie kennen. Seine Erfahrungen aus der anderen Welt, der „modernen Sklaverei“, wie er in seinem Versroman schreibt, sind der Stoff für eine intensive und bedrängende Inszenierung am Schauspielhaus Bochum.

„À la ligne“, so der originale Buchtitel, wurde mehrfach ausgezeichnet. Joseph Ponthus versuchte, die harten Bedingungen anzunehmen, spürte aber, wie sein Körper unter Zeitdruck, Kraftaufwand und Nachtschichten litt („Fegefeuer voller Schmerzen“). Frankreich verbraucht täglich 40 Tonnen Garnelen. Gepuhlt und tiefgefroren werden sie aus Fernost geliefert, dann ausgepackt, aufgeteilt, sortiert und weiterverarbeitet. Tag für Tag. Ein monströses Pensum.

Regisseur Tom Schneider gelingt es, eine Ahnung von dieser Fabrikmaloche fühlbar zu machen. Ponthus’ Prosatext wird in einem Stakkato hergesagt, das an getaktete Arbeitsverläufe erinnert. Das Ensemble spricht den Text, der über Ohrstöpsel eingeflüstert wird, taff und gradlinig. Gleichzeitig vermittelt sich eine Haltung, die es braucht, um in der Fabrik anzupacken. Daniel Nerlich steht trotzig und entschlossen da, Dominik Dos-Reis ist flink und rutscht immer wieder über einen Trittsteg, Michael Lippold zeigt nach Temposchritten auch seinen entseelten Gesichtsausdruck, und Karin Moog bietet der Nachtarbeit die Stirn, zieht mehrere Jacken, Hosen, Gummistiefel und Kapuze über. Den „Organismus verschieben“ für die Fabrik, heißt das. Es ist ein Alptraum voller Schweiß.

Das Ensemble steht für namenlose Fabrikarbeiter, die weltweit der Tortur einer globalisierten Wirtschaft ausgeliefert sind. Schellfisch, Seeteufel, Seelachs, Chimären – wer kennt das alles? Was würde Émile Zola über das 21. Jahrhundert schreiben? Das ganze Tofu aufschneiden, abtropfen lassen, in den Bottich – „Tofu-Tralala“ nur für Vegetarier?

Wut, Erschöpfung, Ohnmacht. In Bochum wird daraus eine Dramaturgie, die dem gnadenlosen Automatismus mit menschlichen Ausweichmanövern begegnet. Der Ton mehrerer Akkordeons durchströmt die weite Szenerie (Musik, Sound: Daniel Nerlich). Die kleine Musikmaschine erfüllt mit ihrer Melancholie das Theaterhaus. Sie erweist eine klangvolle Reverenz an das Musisch-Humane, das am Fließband keinen Platz hat.

Eisschränke, Kühltruhen und die Kettenaufzüge aus den Waschkauen des Bergbaus begrenzen die Halle. Nadja Sofie Eller hat eine Fläche geöffnet, der jedes menschliche Maß fehlt. Alle sind verloren. Vor allem im Schlachthof, Ponthus’ zweiter Arbeitsstätte. Zwei Tonnen Tierhälften schieben, Nierenzapfen rausreißen und noch Appetit auf Gegrilltes. Es wird bizarr. Die stille Arbeitspause wirkt wie ein böses Vakuum. Ein Wesen mit roter Schleppe erscheint. Karin Moog verkörpert diese träumerische Existenz. Daneben werden Fett und Blut mit der Flitsche bewegt.

Regisseur Tom Schneider erschreckt einen nicht, zu reflektiert ist der Text. In Bochum wird aber an eine Gewissheit erinnert, die wir nicht sehen (wollen) können. Kalkulierter Menschenverbrauch zur Kapitaloptimierung. Es gibt kein Ende.

29.3.; 16.4., 3., 6., 20.5.;

Tel. 0234/3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

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