Alzheimer: Lisa Genovas „Mein Leben ohne Gestern“

+
Lisa Genova ▪

Ihrem Mann sagt Alice erstmal nichts. Sie muss dem Verdacht allein nachgehen und wühlt in ihrer Vergangenheit. Wie war das damals mit Vater, als er sein Auto vor einen Baum setzte? War er besoffen? Alices Mutter und ihre jüngste Tochter starben bei dem Unfall. Oder hatte der Gewohnheitstrinker die Kontrolle verloren, weil ihn etwas anderes orientierungslos machte? Alzheimer. Alice kann ihn nicht mehr fragen. Er liegt auf dem Friedhof, sie ist 50 Jahre alt und die Hauptperson in Lisa Genovas Buch „Mein Leben ohne Gestern“. Von Achim Lettmann

Der Roman ist von Lisa Genova selbst veröffentlicht worden, bevor so viele Leser begeistert waren, dass auch große Verlage die Geschichte publizierten. Das liegt einmal an dem Thema Alzheimer/Demenz. Viele Menschen machen Erfahrungen mit der unheilbaren Krankheit. Weil es kein heilendes Mittel gibt, ist die Furcht groß, selbst ein Opfer zu werden – früher oder später. Die gute Resonanz auf „Mein Leben ohne Gestern“ liegt aber auch an der sachlichen Beschreibung: Wirkmechanismen der Medikamente, Vererbung, Neurologie, Molekularbiologie, Pflege und erste Krankheitsstadien. Wie fühlt sich das an, wenn man beim Joggen den Weg nach Hause vergisst? Wie empfindet die Kranke, wenn sie Angst hat, den Dielenboden im Flur zu betreten? Hier täuscht eine Halluzination den Abgrund vor. Und wie leidet Alice Howland, wenn sie als Professorin für Psychologie an der Harvard Universität schlechte Noten von ihren Studenten erhält? Es ist die von ihr phasenweise unbemerkte Seite des Verfalls.

Genovas Schreibstil versucht präzise die Tatsachen zu treffen. Sie bedient das Informationsinteresse an Alzheimer/Demenz. Und sie öffnet neben dem messbaren Gedächtnisverlust die emotionale Seite. Ihre Kinder Anna, Tom und Lydia sind potenziell Kandidaten für Alzheimer. Schnell retten sie sich in präsymptomatische Untersuchungen. Die Gefahr soll analysiert werden, um die Ängste zu kanalisieren.

Genova bietet auch Einblicke in den amerikanischen Alltag („Sie nahm ihren Blackberry aus einer Anna-Williams-Tasche.“) und die US-Intellektuellenfamilie. Vater John forscht über Krebs. Er strebt ein Versuchsprojekt in New York an. Lydia will Schauspielerin werden. Anna plant eine Schwangerschaft und lässt sich eine kontrollierte Eizelle einsetzen. Damit ist sie sicher, dass ihr Kind kein Alzheimer hat.

Alice nimmt nicht mehr Tee mit Zitrone, sondern Kaffee mit Zimtscones – wie John. Ihre Gewohnheiten verrutschen. Rechtschreibung wird ein Problem. Am Telefon kann sie auf Themenwechsel nicht mehr reagieren. Ihre Lebenskreise werden enger. Der Verfallsprozess ist bedrängend und erfahrbar.

Die chronologischen Aufzeichnungen in „Mein Leben ohne Gestern“ starten im Januar 2003. Der rapide Gesundheitsverlust wird als extreme Krankheitsform beschrieben. September 2005 ist der letzte Eintrag. Die Autorin erspart uns die Pflegestufe drei und was noch kommen wird. Sie schreibt in ihrem Romanende von Liebe, von einem Gefühl, das vermittelt werden kann, und tröstet damit. Das Ende der Krankheit kommt noch.

Lisa Genova: Mein Leben ohne Gestern. Roman. Übersetzt von Veronika Dünninger. Luebbe-Verlag, Bergisch Gladbach. 317 S. 16,99 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare