Alexander Pechmann: „Die Nebelkrähe“

Alexander PechmannAutor und PublizistFoto: steidl verlag

Alexander Pechmann ist ein Spezialist für englische und amerikanische Literatur. Er übersetzt Mary Shelley („Frankenstein“), Mark Twain und Rudyard Kipling („Das Dschungelbuch“), um nur einige große Autoren zu nennen. Pechmann liebt es, wenig bekannte Texte des 19. Jahrhunderts zu bergen und zu publizieren. Sein Buch „Die Nebelkrähe“ ist Dorothy Wilde (1895–1941) gewidmet, eine jener Frauen, die mit ihrer taffen Art die Bastionen angelsächsischer Männlichkeit attackierte und im 1. Weltkrieg verwundete Soldaten von der Front abtransportierte. Pechmanns Romanheld Peter Vane trifft sie kurz im Schützengraben, als seinem Vorgesetzten mit zerschossener Hand die Heimreise und Lebensrettung bevorsteht. Zurück bleibt ein Foto von einem Mädchen mit Teddybär. Für Vane ist es die kleine Tochter des verletzten Finleys.

Pechmanns Roman spielt in den 1920er Jahren. Peter Vane studiert nun Mathematik und Logik. Da ihn die Fronterlebnisse nicht loslassen und in seinen Alpträumen immer wieder der Name „Lily“ ertönt, verbindet er die Vision mit dem Foto. Um sein Trauma zu ergründen, will er die Stimme aus dem Jenseits („Lily“) deuten. Vane schließt sich einer Gruppe an, die das Übersinnliche erkundet. Streng wissenschaftlich, versteht sich. Autor Pechmann greift hier auf Mitschriften von Seancen zurück, die die Spiritistin Hester Dowden 1924 in London veröffentlichte. Es kommt ein „Mr. V.“ zu Wort, dem Pechmann nun romanhaftes Leben einhaucht – Peter Vane.

Pechmann ist nicht ohne Ironie, wenn er das Für und Wider von Meditation, Trance und Spiritualismus diskutiert. Letztlich steuert er aber alle Versuche – auch automatisches Schreiben – mit dem Ziel, Vane zu helfen. Und könnte aus Peter und Dorothy, die wieder auftaucht, nicht ein Paar werden? So eine Liebelei gehört in jeden Roman, auch wenn sie hier einseitig bleibt und als literarischer Topos offensichtlich platziert wird.

Wichtiger ist dem Autor die Detektivgeschichte, die er entwickelt, um verwobene Verwandschaftsbeziehungen, illustre Typen (Drogenbosse) in einem London der Opiumhöhlen und Männerclubs vorzustellen – das war Zeitgeschichte. Letztlich unterhält „Die Nebelkrähe“ mehr, als die diffizil entwickelte Story tatsächlich fesseln kann.

Dorothy ist die Nichte des britischen Autors Oscar Wilde, der auf dem Foto wie ein Mädchen erscheint, weil seine Mutter ihn eben so kleidete – bis er 10 Jahre alt war. Und wer ist diese „Lily“?

Ein Verleger will ein unbekanntes Stück von Wilde vermarkten, ohne den Grund zu nennen, warum Wilde es schrieb. Hester Dowden hatte mit dem toten Wilde „Kontakt“ aufgenommen. Sie bricht nach einer Wilde-Theateraufführung zusammen. „Besessenheit“ nannte man diesen Zustand früher, nun heißt das paranoide Schizophrenie, sagt ein Mr. Blackwood, der als Okkultist gilt, weil er Geisterhäuser untersucht hat: „Vielleicht sind Geister nur die Schatten der Dinge, die wir am meisten lieben oder am meisten fürchten.“ Blackwood kannte auch Peters Mutter Sybil Vane, die starb, als der Junge erst vier Jahre alt war.

Pechmann hält alles gekonnt in der Schwebe und vermittelt einem, wie aus Wahrheit und Täuschung eine lebhafte Fiktion wird. Nicht für jede Fährte gibt es eine passende Erklärung.

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe. Roman. Steidl Verlag, Göttingen. 173 S., 18 Euro

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