Alexander Melnikov im Konzerthaus Dortmund

Alexander Melnikovrussischer PianistFoto: Julien Mignot

Dortmund – Als Schubert seine Fantasien schrieb und Chopin seine Etüden – für welchen Klang schrieben die Komponisten? Am Konzerthaus Dortmund vollzieht ein Konzert des russischen Pianisten Alexander Melnikov Flügel-Klang von den 1820er Jahren bis heute nach. Melnikov geht es nicht um eine historisch informierte Aufführungspraxis, sondern er untersucht, welche Auswirkungen das Klangbild der Instrumente auf Kompositionen ihrer Epoche hatte.

Vier Flügel stehen auf dem Podium, von einem Instrument von Conrad Graf, 1826 in Wien gebaut, bis zum modernen Steinway. Mit den Konzerträumen wurden im 19. Jahrhundert die Instrumente größer, der Klang raumgreifender. Es veränderten sich die technischen Möglichkeiten, die Effekte und das Klangerlebnis. Auf dem ältesten der in Dortmund aufgestellten Klaviere, dem goldfarbenen Conrad-Graf-Flügel, klingt Schuberts Wanderer-Fantasie (1822) intimer, warm und singend, mit einem Klang, der im Vergleich zu den üblichen Hörgewohnheiten unkörperlich wirkt. Im Bass vernimmt man ein leises Klirren, die Arpeggien klingen, je höher sie auf der Skala angesiedelt sind, zerbrechlicher.

Die Etüden opus 10 von Chopin (1832) spielt Melnikov auf einem Flügel von Erard, gebaut 1837 in Paris. Er klingt schon voller, wenn auch noch etwas gedämpft für heutige Ohren. Dabei ist der Klang durchsichtig, der Bass erhält damit eine besondere Wirkung. Die Etüden, ursprünglich Übungsstücke, sind technische Feuerwerks-Miniaturen. Melnikov spielt sie als kleine Verwandte der zuvor gehörten Fantasie – in dem Sinne, dass ihr technischer Einfallsreichtum die Tür öffnet in zwölf kleine Welten. Die Nr. 3 beginnt als intimes Flüstern, im Bravoursturm des Mittelteils steckt ein Gutteil Auflehnung, im Schlussteil, in dem die erste Idee tröstlich zurückkehrt, erzählt die Musik von Resignation und Sich-Ergeben: eine Reflexion über Vergänglichkeit. Die Nr. 5 öffnet eine kontrollierte Spielwiese für aufgestaute Energie. Die Wasserspiele der Nummern 8 und folgende klingen spielerisch, mit einer Ahnung von Gefahr darunter, als dürfe man mit diesen Miniaturwelten nicht zu lange spielen, man könnte sich dran verlieren. Melnikov formt sie mit perfekter Virtuosität und einem Gefühl für Gegensätzlichkeiten und Unterströmungen, die seine Etuden herausragend machen.

Mächtiger und saalfüllender als der Erard klingt ein Blüthner von 1867, ein prächtiges rotbraunes Instrument, auf dem Melnikov mit Liszt einen der Showstopper des 19. Jahrhunderts präsentiert. Für möglichst viel wechselnden Ausdruck in möglichst knapper Zeit gibt es die „Réminiscences de Don Juan“ (1841) nach Mozarts Oper „Don Giovanni“. Sie beginnt mit dem Schicksalsdrohen der Ouvertüre und lässt kurz die Höllengeister aus dem Finale der Oper auftreten, dann folgt eine – von Melnikov lässig-ironisch vorgeführte – Überleitung zu dem Thema der Verführungsszene, „Reich mir die Hand, mein Leben“. Man möchte mitsingen, doch die schlagerhafte Artigkeit der Melodie wird sofort verfremdet und bloßgestellt. So wird die Verführungsexpertise des Don als fade Routine entlarvt. Darum perlt unter Melnikovs Händen die Aufforderung „Andiam‘“, „gehen wir“, lässig weg, beinahe desinteressiert. Aus den glitzernden, doch eigensinnigen Variationen des Themas schält sich ein hochmütiger Charakter heraus, die Höllengeister tauchen noch einmal auf, aber ihre Drohung bleibt leer: In der Bearbeitung der Champagnerarie feiert der Don seine Freiheit. Auch das ein Bravourstück.

Auf dem modernen Steinway spielt Melnikov Skrjabins h-moll-Fantasie dicht, konzentriert, mit einer berührenden Verbindung von Aplomb und Insichversunkensein, und stellt in den „Petruschka“-Stücken von Strawinsky vor, was der Steinway kann: Brillanz, Fülle und technische Möglichkeiten. Die Musik drängt sich fast schon in Klangcluster und abstrahiert sich damit entschieden von ihrem Vorbild, dem Petruschka-Ballett.

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