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„Adel an Rhein und Ruhr“ bietet historischen Überblick zu einer Gesellschaftsschicht

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Von: Achim Lettmann

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Prunkrüstung und Statue des Erzbischofs Engelbert II. von Köln (um 1235) im Ruhr Museum.
Blick in die Ausstellung „Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr“ in Essen © Foto: DEIMEL+WITTMAR

Über 800 Objektgruppen bietet die Ausstellung „Eine Klasse für sich“ in Essen. Erstmals gibt es einen Überblick zum Thema „Adel an Rhein und Ruhr“.

Essen – Schwungvoll schwebt Christus von Wolken umkränzt in einem überirdischen Freiraum. Die Lichtgestalt wirkt erhaben und sinnlich zugleich in dem Gemälde von Bartholomäus Bruyn d.Ä., das um 1530/40 entstanden ist. Der Maler aus Köln legitimierte mit dem kühnen Gottessohn und seinen himmlischen Heerscharen die Weltordnung, die im 16. Jahrhundert bereits eine andere war. Neben Kardinälen und Bischöfen zeigen Monarchen und Fürsten ihre Insignien der Macht in dem Bild „Die drei Stände der Christenheit“. Zwischen Klerus und Adel sind ganz klein zwei Bauern abgebildet, die ein Loch ausheben: der dritte Stand – politisch unbedeutend. Bruyns Auftragsarbeit lässt sich als Appell lesen, die mittelalterliche Ständeordnung wieder einzusetzen. Doch Stadtbürger, Kaufleute und Gewerbetreibende haben in der frühen Neuzeit an gesellschaftlicher Macht bereits partizipiert.

In Essen ist Bruyns Gemälde ein Hauptwerk der Ausstellung „Eine Klasse für sich: Adel an Rhein und Ruhr“. Welche Rolle nehmen die Fürstenhäuser in der Industrieregion ein? Hochwohlgeborene passen nicht zum Image von Kohle und Stahl. Die Ausstellung erinnert daran, dass die Essener Fürstäbtissin Maria Cunegunda 1793 die erste Eisenhütte des Reviers, St. Antony in Oberhausen, erwarb und zusammen mit Neu-Essen zwei Hüttenwerke in den Besitz des Klosters brachte. Gegründet hatte St. Antony 1758 ein Geistlicher aus dem Domkapitel in Münster, Ferdinand von Wenge. Ein Stahl-Hüttenwerk ließ Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode 1857 in Hattingen errichten, das nach ihm benannt wurde: die Henrichshütte. Nur der adeligen Herrscherschicht waren die Pionierleistungen möglich, weil sie die Ländereien erwerben konnten und die Werksgenehmigungen vom preußischen Staat erhielten.

Der Adel zählte bis 1918 zur Führungsschicht in Deutschland. Erst danach fielen die Privilegien, enteignet wurden die Grafen und Fürsten nicht. Landbesitz bildete oft die Grundlage ihrer neuen Existenz. Heute leben hierzulande rund 80 000 Menschen adeliger Abstammung. Meist in bürgerlichen Berufen, als Unternehmer und Leiter ihrer Familiensitze und Parks. Zum Beispiel legte Egon Reichsgraf von und zu Westerholt und Gysenberg (1910–2002) im familieneigenen Waldstück 1968 einen Löwenpark an. Auf dem Stadtgebiet Gelsenkirchens gingen Besucher auf Safari. Wilde Tiere, aber auch Lamas und Bergziegen konnten aus dem Auto heraus bewundert werden. Bis 1988, dann gab „Graf Löwenherz“ das Geschäftsmodell auf. Ein Löwenfell, Plakate und Fotos mit Max Schmeling und Willy Millowitsch zeugen von der Popularität des Parks.

Die Ausstellung gibt mit 800 Objektgruppen einen bildstarken Eindruck zur Geschichte des Adels vom frühen 6./7. Jahrhundert bis in unsere Zeit. Eine ehrgeizige und groß angelegte Schau.

Das Ruhr Museum wirkt mit viel Licht und Glas wie neu erschlossen. Ausstellungsarchitekt Bernhard Denkinger hat Leuchtkörper vor die Pfeiler auf der Ebene 12 des Museums platziert. Da alle Glasvitrinen lichtdurchflutet sind, erstrahlt der fensterlose Raum im ehemaligen Kohlebunker in einer kristallinen Helligkeit – wie nie zuvor. Direktor Theodor Grütter spricht von einem „Glaspalast“. Jedes Objekt wirkt in seiner Einzigartigkeit besonders herausgestellt.

Wichtige Schaustücke sind das Kettenbuch des Stifts Essen. Die Handschrift auf Pergament (um 1410) zeigt, wie der Grundbesitz in einem Heberegister geführt wurde. Das Frauenstift verfügte über 3000 Bauernhöfe bis zum Mittelrhein. Ein strahlender Hingucker ist der Porträtkopf von Friedrich I. Barbarossa aus dem Prämonstratenser-Chorherrenstift Cappenberg (1156/71). Nach den Gesichtszügen des Kaisers gefertigt, ist die vergoldete und versilberte Bronze eins der bedeutsamsten Bildwerke des Hochmittelalters. Barbarossa schenke sie 1156 an Graf Otto von Cappenberg, seinen Taufpaten aus dem Jahr 1122.

Insgesamt sind 160 Leihgeber an „Eine Klasse für sich“ beteiligt. Aus dem NRW-Landesarchiv kommt das „Gelöbnis der märkischen Städte Hamm, Unna, Iserlohn, Kamen, Schwerte und Lünen“ – ein Pergament von 1417. Die Städte erkennen die alleinige Erbfolge des Erstgeborenen gegenüber Adolf I., Herrscher der Grafschaften Kleve und Mark, an. So blieb das territoriale Erbe fortan ungeteilt und der Besitz wurde trotz Nachkommen gewahrt.

Mit der Statue des Erzbischofs Engelbert II. von Köln ist eine der ersten großen Holzplastiken des Mittelalters (um 1235) überhaupt zu sehen. Die Ermordung des Erzbischofs 1225 bei Gevelsberg war der Höhepunkt im Machtkampf zwischen Köln und dem Adel an der Ruhr, zu dem die Grafen von der Mark zählten. Letztlich wurde Friedrich von Isenberg hingerichtet und seine Burg Isenberg in Hattingen zerstört, obwohl er nicht allein hinter dem Mordkomplott stand.

An Rhein und Ruhr gab es 400 Burgen und Schlösser des mittleren und niederen Landadels. Einzigartig in Deutschland, aber auch ein Indiz für die Kleinteiligkeit der Region, die nie autonom regiert wurde. Noch heute sind 200 Herrensitze zu finden, einige nur noch als Ruine.

Die hohe Zeit des Westens lag im frühen Mittelalter, als Karl der Große von Aachen aus sein Reich entwickelte. Die karolingische Pfalz Paderborn (777) war ein Missionsbezirk, Klöster (Werden 799) und Stifte (Essen 850/52) zählten zur Glaubens- und Machtstruktur im Reich. Städte wie Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund gehen auf die Ernennung als Reichshof am Hellweg zurück. Nach den Franken und Karolingern verlagerte sich allerdings die Macht des Hochadels, der Könige und Kaiser stellte, in den Süden: Zeit der Ottonen, Salier und Staufer (930 – 1250).

Neben der hoheitlichen Stellung des Adels entwickelten sich die Städte weiter. Die Hansestadt Soest behauptete sich mithilfe des Herzogs von Kleve gegenüber dem Kölner Erzbischof (Soester Fehde 1444–1449). Ihr Stadtpatron, der heilige Patroklus, wird anschließend als Krieger mit Schild und Schwert ausstaffiert. Das Standbild erinnert an den Bremer Roland und soll wehrhaft wie ritterlich wirken. Die Stadt bekräftigte ihre Freiheit durch Symbole adeliger Macht.

Die Industrialisierung brachte neue Wirtschaftskraft. Die „Schlotbarone“ heirateten adelige Damen, um sich neben dem ökonomischen Erfolg mit dem Image der Herrscherschicht zu schmücken: Krupp von Bohlen und Halbach, Thyssen-Bornemisza. Vorbild war die Heiratspolitik des Adels, der über Jahrhunderte Stand und Besitz sicherte, wie es zahlreiche Porträtbilder in der Ausstellung belegen. Zum Beispiel brachte Maria Josepha Gräfin von Merveldt, geb. von Westerholt zu Lembeck, ein Wasserschloss mit in die Ehe und stand dem Sternkreuzorden vor, dem höchsten adeligen Damenorden im 18. Jahrhundert.

Die Ausstellung basiert auf drei Jahren Forschungsarbeit von Magdalena Drexl, Reinhild Stephan-Maaser und Axel Heimsoth, Wissenschaftler am Ruhr Museum. Um eine vertrauensvolle Kooperation zu entwickeln und über historische Objekte zu sprechen, war ein Beirat aus der rheinischen Adelsvereinigung gebildet worden. Letztlich seien die Adeligen froh gewesen, dass man ihre Geschichte im Ruhrgebiet so erzählt habe, sagte Museumsdirektor Grütter. Zur Eröffnung kamen alle adeligen Leihgeber ins Ruhr Museum.

Bis 24.4.2022; 24., 25., 31.12. geschlossen; tägl. 10 – 18 Uhr; Tel. 0201/24681 444;

www.ruhrmuseum.de

Katalog, Klartext-Verlag Essen, 29,95 Euro

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