„25 von 78“: Video-Auswahl im Hartware Medienkunstverein

Statt Rassismus Lebensfreude: Szene aus Chris Altons Video „English Disco Lovers (EDL): Let The Machines Do The Work – Let Me Be The One“, zu sehen im Dortmunder U. FotoS: Hartware Medienkunstverein

Dortmund – Die Kamera begleitet einen jungen Glatzenträger mit aggressivem Blick. Anscheinend ist er auf dem Weg zu Krawall, er hüllt sich in die englische Nationalflagge, das rote Kreuz auf weißem Grund. Offensichtlich gehört er der English Defence League an. Doch dann stolpert er über ein Schild, das eine ganz andere Lesart von EDL bietet: English Disco Lovers. Und Sekunden später sehen wir den Rassisten als Star einer Straßenchoreografie zu fetziger Disco-Musik.

Der britische Künstler Chris Alton hat 2012 die „English Disco Lovers“ gegründet als Zeichen gegen Rassenhass und Nationalismus. Es war eine breit angelegte Polit-Kunst-Aktion, um der English Defence League die Präsenz im öffentlichen Raum zu nehmen. Die identische Abkürzung wurde nun mit Aktionen, Videos und Statements umgewertet. Ziel war, mehr Facebook-Likes und Twitter-Follower zu bekommen und im Google-Ranking vor den Rechten zu landen. Zu der Aktion gehört ein knapp vierminütiges Video, ebenso lustig wie schmissig, das der Dortmunder Hartware Medienkunstverein in seiner aktuellen Ausstellung „25 von 78“ zeigt.

Es ist eine niedrigschwellige, leichte Schau, ein idealer Wiedereinstieg nach der Corona-Zwangspause mit kurzen Filmen, abwechslungsreich in den Themen und Stilformen, unterhaltsam. Vor jedem Video ist der Besucher allein, Abstände sind in den Räumen kein Problem. Der Verein bittet darum, eigeneKopfhörer mitzubringen. Aber es stehen auch Ausleihgeräte zur Verfügung.

In den Räumen im Dortmunder U hat HMKV-Direktorin Inke Arns 25 Videos aus der seit 2014 laufenden Reihe der Videos des Monats ausgewählt. Es ist eine Art Best-of, das zugleich die Themen vorstellt, die der HMKV bearbeitet. Eine Linie ist zum Beispiel die der politisch-aufklärenden Medienkunst. Da ist Altons subversive Arbeit prototypisch.

Silke Schönfelds Spurensuche in Ostdeutschland nach der rechten Gruppe „Ein Prozent für unser Land“ ist in einem ruhigen Ton gehalten. Sie filmt die Orte, an denen die Propagandafilme entstanden sind zum Beispiel die Gaststätte „Zum Schäfchen“ in Schnellroda, wo der rechte Vordenker und Vereinsgründer Götz Kubitschek Veralstaltungen zu Themen wie „Heimat“, „Mythos“, „Krieg“ abhält. Und wenn auch keine Hakenkreuze an der Wand prangen, so weist das Design mit Holzbalken, Sense und Besen als Wanddeko, ganz in die Ära von Blut und Boden.

Clemens von Wedemeyer wiederum zeigt in „70 001“ die Leipziger Montagsdemonstrationen der Wendejahre als Computeranimation. In einer Stadtszenerie schwillt der Strom der Demonstrierenden an, und die kantigen Bewegungen, der leblose Ausdruck lässt an einen ZombieApokalypse-Film denken. Im Hintergrund lösen sich Bauwerke in Pixeltrümmer auf.

Ein wunderbares Erklärvideo über die Strategien rechter Internet-Trolle liefern Matt Gerzen und Ed Fornieles mit „Baitwatch: Controlled Opposition“ (2018). Ein animierter Wurm am Haken eines Anglers fungiert als Erzähler, der Wahrheit und Klarheit verbreitet, während unter ihm schon die gierigen Fische kreisen.

In die Welt des „Foodporn“ führt das Video „Love Goes Through The Stomach“ (2017) des deutsch-französischen Künstlerinnen-Kollektivs Neozoon. Selfie-Videos aus dem Internet sind zu einem entlarvenden Blick auf Konsum und Kommunikation montiert. Immer wieder halten Frauen verzückt eingeschweißte Packungen mit Fleisch vor die Kamera. Ein deutlich Übergewichtiger beißt in einen Monster-Burger. Geich in Serie trinken Machos rohe Eier aus einem Glas. Man weiß nicht, ist es eher faszinierend oder eher eklig?

Es gibt verspielte Stücke wie Magdalena von Rudys „Air (BSP)“ (2014), in dem eine Performerin in einem Anzug aus Ballons tanzt, was ihren Körper grotesk verändert. Es gibt hoch ästhetische Arbeiten wie den Musikfilm „My lifetime (Malaika)“ (2012) von Katarina Zdjelar , in dem das Nationale Symphonieorchester Ghanas das Stück „Malaika“ interpretiert, ein Volkslied, das zum internationalen Pophit avancierte. Man sieht nie das Ensemble, sondern nur Detailaufnahmen einzelner Musiker oder Instrumente.

Ein Musikvideo ganz anderer Art ist „Divine Memory“ (2019) der senegalesischen Regisseurin Monira al Qadiri, die zu einem religiösen Gedicht schwimmende Tintenfische zeigt, die zu tanzen scheinen. Hier wird auf einzigartige Weise die Schöpfung gefeiert. Der Filmemacher Ulu Braun zeigt Vögel in grandiosen Nahaufnahmen, aber auch in der Landschaft, wobei dies nicht die freie Natur ist, sondern der Stadtraum („Birds“, 2014).

Eine grandiose Aneignung eines historischen Vorbilds ist „Angst essen/Eat Fear“ (2008) des Singapurer Künstlers Ming Wong. Er kondensiert Rainer Werner Fassbinders Spielfilm „Angst essen Seele auf“ zu einer knapp halbstündigen Performance, in der er Schlüsselszenen nachspielt, wobei er alle Rollen übernimmt. Die Erzählung über die Liebe einer älteren Putzfrau zu einem marokkanischen Gastarbeiter, in der 1973 Alltagsrassismus thematisiert wurde, bekommt hier einen zusätzlichen Dreh. Ming Wong zeigt auf eine irritierende, berührende Weise, was Fremdheit ausmacht.

Bis 20.9., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 1373 2155, www.hmkv.de

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