TV-Kritik

Bildung für alle? Wie Politik das zu verhindern weiß - Ein eindringlicher Doku-Film

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Dokumentation beschäftigt sich mit Chancengleichheit (Symbolbild)

Gleiche Bildungschancen für alle sind nicht die Realität. Das zeigt der Doku-Film "Chancen für alle? Schule im Brennpunkt" auf ZDF Info. Und er macht deutlich, dass dahinter ein Kalkül steht.

Eigentlich sollten wir das oft genug gehört haben: Dass Chancengleichheit im Bildungssystem in Deutschland nicht besteht, weil der Zugang zur Bildung viel stärker als in anderen Ländern von der Herkunft, also der sozialen Schicht abhängig ist; dass Armut und ein Leben in einem sozial problematischen Umfeld die Bildungs- und damit sozialen Aufstiegs-Chancen geradezu deprimierend mindert.

Anja Kollruß und Sebastian Heemann kommen in ihrem Film also nicht mit vielen neuen Fakten. Eindringlich aber sind die Geschichten, die sie erzählen, dennoch. Es geht konkret um zwei Schulen. Die eine liegt in Bremerhaven-Lehe, einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt, die andere im Norden der Ruhrgebiets-Stadt Essen, wo es auch nicht besser ist.

Doku auf ZDF Info: kleinbürgerliche Träume

Der Zuschauer lernt junge Leute kennen, die zur Unterschicht in unserem Land gehören, in jeweils verschiedener Ausprägung und mit jeweils unterschiedlichen Geschichten. Alle träumen erstaunlich kleinbürgerliche Zukunfts-Träume: ein Haus, eine nette Familie, ein ordentlicher Beruf, ein Auto oder ein Boot. Und sie alle werden ihre Schwierigkeiten haben, die Träume real werden zu lassen.

Warum das so ist, erfährt man in statistischen Anmerkungen und in klugen Einlassungen von dem Soziologen Aladin El-Mafaalani und dem OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher.

Chancengleichheit ist nicht im Interesse alle Gesellschaftsgruppen

El-Mafaalani zum Beispiel äußert einprägsam: „Chancengleichheit ist ein tolles Wort. Keiner kann dagegen sein, solange das Wort so abstrakt im Raum steht. Wenn es dann konkret in die Umsetzung geht, haben da ganz viele etwas gegen. Und das müssen wir ehrlich und offen ansprechen.“

Es gibt also politische und gesellschaftliche Interessengruppen, die sich aktiv gegen Chancengleichheit im Bildungssektor stellen. Ergänzen wir freihändig: Sie sind dafür nachdrücklich für eine schwarze Null im Staatshaushalt. Zwei engagierte Schulleiterinnen sagen recht präzise, woran sie mit ihren Ansprüchen scheitern und was alles besser laufen müsste.

Debakel des deutschen Bildungsnotstandes

Schleicher trägt einige internationale Vergleiche bei, die blamabel sind und eigentlich genügen sollten, die Kultus- und Bildungsminister*innen der Länder sowie die oberste Bundesbildungstante vor Scham erröten zu lassen. Nun ja, die Bundesbildungstante Anja Karliczek hat sich ja sogar schon klar für eine Benachteiligung ländlicher Lebensräume in Sachen Internet-Versorgung ausgesprochen, wie sollte sie da für Chancengleichheit in der Schule eintreten.

Aber das Debakel des deutschen Bildungsnotstandes ist eine Angelegenheit, die auf einem erstaunlichen Konsens innerhalb der so genannten Großen Koalition zu beruhen scheint. Oder wurden in jüngster Zeit irgendwelche Ideen, daran etwas zu ändern, ruchbar?

Chancen für alle? Schule im Brennpunkt, ZDF info, 19. Oktober, 20.15 Uhr.

Das fesselnde Dokudrama rekonstruiert die Ereignisse vom 4. September 2015, als Angela Merkel in Ungarn gestrandeten Flüchtlingen die Einreise ermöglichte, wie fr.de* berichtet.

Von Hans-Jürgen Linke

fr.de* ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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