TV-Kritik

„37 Grad: Die Beginner“: Was die Enkel aus ihrem Leben machen

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Faourouz bereitet ihre Kollektion für die Abschlussprüfung vor

Für die interessante zweiteilige Reportage hat „37 Grad“ drei junge Menschen zwei Jahre lang auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet.

Von Tilmann P. Gangloff

Die Anzahl junger Menschen, die sich diese Reportage anschauen, wird sich vermutlich in Grenzen halten. Das ist schade, denn gerade für sie könnte die zweiteilige „37 Grad“-Ausgabe „Die Beginner“ viele interessante Erkenntnisse bereithalten. Womöglich hatten Ulf Eberle und Katharina Gugel bei der Konzeptionierung ihres insgesamt neunzig Minuten langen Films tatsächlich Jugendliche vor Augen; das Publikum des ZDF tendiert jedoch eher in Richtung Großelternalter. Immerhin erfahren die Zuschauer auf diese Weise, was ihren Enkeln blüht, wenn sie das heimische Nest verlassen und in die weite Welt hinausziehen.

Das Autorenduo hat für „37 Grad“ bereits zwei Filme über Jungen und Mädchen in der Pubertät gedreht („Jungs unter Strom“, „Zickenalarm“); „Die Beginner“ ist also die logische Fortsetzung. Einer der Protagonisten, Dennis, hat schon damals mitgewirkt, was die entsprechenden Sequenzen als Langzeitbeobachtung natürlich doppelt reizvoll macht. Dennis war ein Problemkind, das in der Schule gemobbt wurde und auf keinen grünen Zweig kam; die Eltern fürchteten das Schlimmste. Zur Verblüffung aller hat der Junge aus einem Dorf in der Nähe von Aachen irgendwann die Kurve gekriegt, ein richtig gutes Abitur gemacht und jener Statistik getrotzt, laut der vor allem Kinder von Akademikern eine Hochschule besuchen: Dennis will in Kiel Jura studieren.

Von Togo nach Europa mit dem Traumberuf Modedesignerin

Noch interessanter ist der Weg von Faourouz. Sie ist in Togo zur Welt gekommen, ihre politisch verfolgten Eltern sind vor 26 Jahren nach Europa geflohen. Auf deren Wunsch hat die junge Frau zunächst eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin gemacht und erst danach die Realisierung ihres Traums in Auge gefasst: Sie will Mode-Designerin werden. Eberle und Gugel führen sie kurz vor der Präsentation ihrer Abschlusskollektion an einer Düsseldorfer Mode-Akademie ein. Ihre Entwürfe sind ausgefallen, die Umsetzung hat dagegen Schwächen. Kein Problem, sagt die Lehrerin: Erfolgreiche Designer sitzen ohnehin nicht selbst an die Nähmaschine.

Dritter im Bunde ist Pao. Der 24 Jahre alte Sohn eines Sozialarbeiters ohne Studium – der buddhistische Vater entspricht mit seinen langen Haaren und den selbstgedrehten Zigaretten perfekt dem Berufsklischee – wartet seinerseits wegen seines mittelprächtigen Abiturs seit fast vier Jahren auf einen Studienplatz für Soziale Arbeit. Schließlich gibt er die Hoffnung auf und bewirbt sich um eine Ausbildung zur Heilerziehungspflege. Obwohl er am entsprechenden Berufskolleg bei einer früheren Stippvisite keinen guten Eindruck hinterlassen hat, bekommt er den Platz, aber vorher will er für drei Monate nach Portugal.

Spannend wird es, wenn es nicht mehr geradeaus geht

Wie alle Biografien sind auch die Lebenswege der drei Protagonisten immer dann am spannendsten, wenn die Reise nicht mehr geradeaus geht, weil sich im Guten wie im Schlechten unerwartete Abzweigungen ergeben. Darum geht es im zweiten Teil: Pao findet in Portugal den Ort seiner Bestimmung und außerdem die Liebe; plötzlich sind Deutschland und die Ausbildung ganz weit weg. Dennis muss erkennen, dass ihn das Studium vor neue Herausforderungen stellt, und das nicht nur, weil er durch die ersten Prüfungen fällt; Freundin Tamara hat keine Lust auf eine Fernbeziehung. 

Am verblüffendsten ist jedoch der Wandel von Faourouz: Aus der glücklich liierten und wildgelockten Afrikanerin ist unversehens nicht nur ein Single, sondern auch eine gesittete Flugbegleiterin mit geglätteten Haaren geworden; dabei stand sie doch dank einer erfolgreichen Modenschau in Paris kurz vor dem Durchbruch.

Sehens- und bemerkenswert ist „Die Beginner“ nicht zuletzt wegen der Bereitschaft des Trios und ihrer Angehörigen, das Filmteam in ihr Leben zu lassen. Offenbar ist es Eberle und Gugel gelungen, eine enge Beziehung zu ihnen herzustellen. Das entsprechende Vertrauen haben die Filmemacher nicht enttäuscht; soweit sich das von außen beurteilen lässt, ist der Film den Protagonisten gerecht geworden. Darüber hinaus haben die drei offenbar zwischendurch eine Art Videotagebuch geführt, was ihre Ausführungen noch unmittelbarer erscheinen lässt. Bei einer Auswertung des Zweiteiler bei funk, dem Online-Angebot von ARD und ZDF für Jugendliche, wäre dieser Stil bestimmt ein probates Mittel gewesen, um die junge Zielgruppe anzusprechen. Leider besteht funk ausschließlich aus langlaufenden Formaten, Einzelstücke haben dort kaum eine Chance, weshalb eine Zweitverwertung nicht in Frage kommt.

Tiefe Einblicke, kleine Irritationen

Angesichts der tiefen Einblicke sind kleinere Irritationen auch nicht weiter störend. Hin und wieder wirken einige Gespräche inszeniert, wenn beispielsweise Dennis seine Freundin fragt, warum sie eigentlich Konditorin werden will, und mitunter mischen sich Eberle und Gugel an den falschen Stellen ein: Als Dennis mit seinen Eltern das erste Mal nach Kiel fährt, gesteht seine Mutter, ihr werde gerade „komisch im Bauch“. Der Grund liegt auf der Hand, eine Frage nach dem Warum ist völlig überflüssig. Auf der anderen Seite erklärt das Autorenpaar nicht, warum die Pariser Modenschau ausgerechnet in einer Kirche stattfindet. Stattdessen heißt es im Kommentar, es rieche in der als Garderobe dienenden Sakristei „nach Haarlack und Angst“. Ängstlich wirkt hier allerdings niemand, selbst wenn Faourouz ein bisschen hektisch wird, als sie feststellt, dass ihren dunkelhäutigen Models das passende Schuhwerk fehlt.

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