„Die Füchsin – Im goldenen Käfig“

TV-Kritik „Die Füchsin“: Ein Glas auf die Revolution

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Die frühere DDR-Agentin Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) und ihr Kompagnon Youssef el Kilali (Karim Chérif) ermitteln. 

Gelungene Balance zwischen Tragik und Komik: In der Reihe „Die Füchsin“ des Ersten ermittelt eine einst in Ungnade gefallene Ex-DDR-Agentin.

Die donnerstäglichen Krimiproduktionen des ARD-Unternehmens Degeto sind meist am besten, wenn die Autoren im Inland bleiben und sich hiesigen Verhältnissen widmen. „Der Usedom-Krimi“ beispielsweise ragt heraus aus dem Krimi-Einerlei, dasselbe gilt für die Reihe „Die Füchsin“. Neuerdings indes mit kleinen Einschränkungen.

Zum vierten Mal ermitteln die frühere DDR-Agentin Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) und ihr marokkanischstämmiger Kompagnon Youssef el Kilali (Karim Chérif) Seite an Seite. Nach kratzbürstigen Anfängen ihrerseits sind die beiden mittlerweile ganz gut aufeinander eingestellt und haben gemeinsam eine Detektei gegründet, die von seinem Geschäftssinn und ihren Fertigkeiten, ihrer Kombinationsgabe und ihren alten Kontakten aus DDR-Zeiten profitiert.

Pro Folge klärt das ungleiche Duo ein Verbrechen. Ein weiteres zieht sich durch die bisherigen Episoden: Die DDR-Behörden hatten Anne Maries Sohn Florian geraubt und ihr später dessen Tod gemeldet. Eine Lüge, wie sie erfahren musste. Sie suchte nach dem inzwischen erwachsenen Sohn, fand ihn in der dritten Folge, nur um mitansehen zu müssen, dass er als Mörder verhaftet wurde. Nun steht er vor Gericht und sieht seiner Verurteilung entgegen.

Prügel für den Bräutigam

Damit ist überzeugend motiviert, dass nun auch Anne Marie Fuchs, die bislang materiellen Dingen desinteressiert gegenüberstand, aktiv in die Auftragsakquise einsteigt. Sie benötigt Geld für die Verteidigung Florians. Der Zufall spielt ihr in die Hände. Um sie aufzumuntern, nimmt Partner Kilali sie mit zu einem Henna-Abend, eine Feier im Vorfeld einer arabischen Hochzeit. Fuchs entgeht nicht, dass die Braut Jamila (Nagmeh Alaei) eher bedrückt wirkt. Plötzlich dringen Maskierte ein und molestieren den Bräutigam in spe, Tobias Frahm (Orestes Fiedler). Die Polizei soll herausgehalten werden, Fuchs bietet ihre Dienste an. In einer Art Rollentausch ist es zur Abwechslung Kilali, der bremst und über ihre exorbitanten Honorarforderungen den Kopf schüttelt. Schließlich handelt es sich bei den Klienten um Verwandte.

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Der Fall weitet sich aus. Eine Leiche fällt an. Fuchs und Kilali ermitteln verdeckt in der Lebensmittelbranche, erfahren von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und, einmal mehr, von alten Verbindungen in die DDR. Das nun ist ein Handlungszug, der zum wiederkehrenden Baustein zu werden scheint. In Anne Marie Fuchs’ Familiengeschichte sind die Bezüge zur DDR begründet, im Kriminalfall aber wirken sie an dieser Stelle aufgesetzt. Nicht mehr überraschend, dass Fuchs einen ihrer Gewährsmänner kontaktiert, der inzwischen in Düsseldorf einen hohen Posten bekleidet, die Offenbarung seiner Stasi-Vergangenheit fürchten muss und Fuchs deshalb zu Willen ist. So erlangt man schnell einen Ermittlungsfortschritt, jedoch auf Kosten der erzählerischen Dynamik.

„Eine kleine Lüge“: Eine kluge, bittere, manchmal komische und manchmal tragische Familienserie

„Die Füchsin“: Starke Schulter im schwachen Moment

Zu den Qualitäten der Reihe gehört weiterhin die Balance zwischen Tragik und Komik. Auf der Henna-Feier lernt Fuchs mit Kilalis Onkel Arif (Hasan Ali Mete) einen marokkanischen Alt-Linken kennen. Fuchs, eben noch betrübt, lebt merklich auf. „Youssef! Wir beide stammen aus einer Sozialistenfamilie! Auf die Revolution! Venceremos!“

Das sind doch mal Töne, die man im deutschen Fernsehkrimi selten hört. Lina Wendel wahrt als Anne Marie Fuchs die nötige Zurückhaltung, spielt bei aller gebotenen Dezenz immer präzise und charaktergerecht bis in kleinste Gesten. Beispielsweise rückt Fuchs im Besucherraum der Haftanstalt ihren Stuhl wieder zurück unter den Tisch, bevor sie geht. Weil sie es so gewohnt ist, weil es zu ihrem Wesen gehört. Diese haarfein nuancierte Genauigkeit in der Charakterdarstellung lassen viele deutsche Fernsehfilme vermissen.

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Ambivalent tritt die Figur des brummigen Kommissars Eisner in Erscheinung, die von der Anlage im Drehbuch her wie in der Darstellung durch Robert Dölle öfter als nötig zur Karikatur verkommt. Hoffnung gibt eine schöne Szene, in der der den Hobbykriminalisten wenig wohlgesonnene Eisner Mitgefühl für Fuchs entwickelt und ihr in einem für sie sehr untypischen schwachen Moment die starke Schulter bietet. Wenn Eisner nicht fortwährend auf den Part des augenrollenden Griesgrams reduziert würde, sondern individuelle Eigenschaften und vielfältigere Gefühle zugemessen bekäme, böte die Figur ergiebiges dramatisches Potenzial. Ob es im weiteren Geschehen irgendwann genutzt wird, wird sich zeigen. Die nächste Folge der Reihe läuft bereits in einer Woche am 17. Oktober.

„Die Füchsin – Im goldenen Käfig“, Donnerstag, 10.10., 20:15 Uhr, Das Erste

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