TV-Kritik

Markus Lanz im ZDF: Ein Moderator verblüfft mit gewaltiger Ignoranz

Bei Markus Lanz zu Gast: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der Ökonom Gabriel Felbermayr, der Soziologe Prof. Harald Welzer und die "ZDF-Mittagsmagazin"-Moderatorin Jana Pareigis.
+
Bei Markus Lanz zu Gast: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der Ökonom Gabriel Felbermayr, der Soziologe Prof. Harald Welzer und die "ZDF-Mittagsmagazin"-Moderatorin Jana Pareigis.

Er unterbricht permanent, er hört nicht zu, er ignoriert Argumente. Hauptsache, er hat recht (hat er aber oft nicht) -  Markus Lanz.

  • Die Sendung: „Markus Lanz“* vom 11. Juni 2020 im ZDF*
  • Zu Gast bei Lanz war unter anderem Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD)
  • Der Moderator Markus Lanz zeigt alte Schwächen

Drei Dinge sollte mitbringen, wer als Gast zu einer Talkshow geht: Selbstbewusstsein, Kompetenz beim Thema und eine gewisse Dickfelligkeit. Wer sich von Markus Lanz einladen lässt, braucht allerdings noch etwas mehr: Ein gerüttelt Maß an Masochismus. Wobei: Das gilt vor allem für Menschen, die der Moderator (der keiner ist), verdächtigt, links zu sein. Rechtsausleger wie seine Lieblingsgäste Robin Alexander (Die Welt) oder Wolfram Weimer (Cicero) fasst er nur mit Samthandschuhen an.

Markus Lanz im ZDF: Permanent ins Wort fallen und falsche Behauptungen

Doch trägt einer das Kainsmal „Grüner“ oder „Sozi“, sollte er sich wappnen. Gegen permanentes Ins-Wort-Fallen, gegen Argumente Übertönen (wahlweise Überhören), gegen Verdrehungen und Beharren auf falschen Behauptungen. Das durfte jetzt Hubertus Heil erleben, Arbeits- und Sozialminister und zu seinem Pech Sozialdemokrat. Solchen Leuten zeigt Markus Lanz allemal, dass sie sagen können, was sie wollen: Er überfährt sie trotzdem.

Nun haben wir erst gestern eine TV-Kritik zu Lanz' Sendung gehabt, die ihn als dem Boulevard hörig schilderte. Und auch diese Besprechung war ja nicht der erste Verriss, und man muss schon fragen, ob Lanz ist, wie er ist, weil er durch seine pseudo-kritische Art das Erregungslevel schafft, das ihm dann die Quoten beschert. Und ob man also weiterhin berichten sollte über diese Mainzer Außenstelle der Inquisition.

ZDF: Markus Lanz ignoriert Fakten

Aber dann wieder scheint es wichtig zu zeigen, wie die Argumente von Lanz' Delinquenten lauten. Oder, dass er selbst Fakten ignoriert. Zum Beispiel beharrte er darauf, SPD-Chefin Saskia Esken habe einen Generalverdacht gegen Polizisten ausgesprochen, als sie auf den latenten Rassismus in Teilen der bundesdeutschen Polizei hinwies. Und er hatte die Aussage schriftlich, ließ aber einen Teil weg und sich auch nicht von Hubertus Heils Präzisierung stören.

Dass es die Aufgabe eines Moderators gewesen wäre, der unheilvollen Verkürzung von Eskens Aussage entgegenzuwirken in diesen Zeiten, da falsche Zitate im Netz Blüten treiben – geschenkt. Stattdessen ritt Lanz sein Steckenpferd: Ignoranz. Etwa beim Thema Autoindustrie. Dass die nicht erst durch Corona in die Krise geraten ist, wie Soziologe Harald Welzer erläuterte, kam nicht an beim Gastgeber. Dem ging es nur darum, seinen Punkt zu machen: Es werde viele Arbeitslose geben.

Markus Lanz: Differenzierung ist seine Sache nicht

In die gleiche Richtung von Katastrophen-Beschwörung ging Lanz' Hinweis auf China als fehlender Absatzmarkt für den deutschen Export. Der geht aber, wie Heil ihn korrigierte, vor allem in die EU. Der Minister wehrte sich gegen „diese Holzschnitt-artige Geschichte“, man müsse „differenzierter gucken.“ Das ist Lanz' Sache nun ganz und gar nicht.

Er wurde durch sein Denken aber der Repräsentant einer Haltung, die Welzer treffend beschrieb. Wir lebten hier gewissermaßen in der besten aller Welten. Doch die ändere sich dauernd. Erfolgreich zu sein aber habe die Tendenz, sich gegen Veränderung zu sträuben. Und während durch das Virus die Welt gerade für einen Augenblick „wie bei Dornröschen“ still stehe, haben wir, so der Wissenschaftler, kein „Zukunftsbild“.

Wer durchgehalten hatte bis zum Schluss, durfte dann noch das eloquente und kluge Plädoyer der Journalistin Jana Pareigis für einen genaueren Blick auf den bundesdeutschen Rassismus erleben. Sie forderte, das System des „Racial Profiling“ zu untersuchen, also die Haltung etwa von Polizisten, People of color schneller und häufiger zu verdächtigen und zu schikanieren. Und sie entlockte dem Minister, als sie den nicht aufgeklärten NSU-Komplex erwähnte, das Bekenntnis: Der NSU-Skandal sei „eine Schande für unser Land.“

Markus Lanz - Die Sendung im ZDF

Markus Lanz, ZDF, vom Donnerstag, 11. Juni, 23.15 Uhr. Die Sendung im Netz.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. 

Nervenzusammenbruch im TV: Der neue ARD-Krimi behandelt Nietzsche und die Bibel.

Die Öffentlich-Rechtlichen erhalten mehr Geld. Die Ministerpräsidenten haben einer Erhöhung des Rundfunkbeitrags zugestimmt. Drei Gäste haben sich bei Markus Lanz im ZDF eingefunden. Einer wurde zugeschaltet. Zwischen Friedrich Merz und Luisa Neubauer entsteht ein recht einseitiges Wortgefecht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare