Familien fühlen sich alleingelassen

Zwölf Schulbegleiter in drei Monaten: Wichtige Helfer für behinderte Kinder fehlen

Leys Feldeisen und seine Familie.
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Leys Feldeisen mit seiner Familie: Es gibt zu wenige Schulbegleiter, so dass der Junge immer wieder nicht zur Schule kann.

Leys ist ein freundlicher Junge - und mehrfachbehindert. Der Zwölfjährige kann deshalb nicht allein in die Schule gehen. Ihm steht eine Integrationskraft zu, die ihn zur Schule begleiten soll. Doch diese Kräfte fehlen, Leys kann oft nicht zur Schule gehen. So wie ihm geht es vielen. 

Hamm – Leys ist ein freundlicher Junge, groß, kräftig, lebhaft. Der Zwölfjährige hält seine gesamte Familie auf Trab: seinen jüngeren Bruder, seine ältere Schwester, vor allem aber seine Eltern, Gülay und Jan Feldeisen. Leys ist von Geburt an schwerst- und mehrfachbehindert. Seit rund viereinhalb Jahren besucht er die Hedwig-Dransfels-Förderschule in Werl. Da er dem Unterricht nicht alleine beiwohnen kann, wird ihm eine Schulbegleitung zur Seite gestellt.

Wird Leys unruhig, muss auf die Toilette oder benötigt andere Hilfe, ist während der Schulzeit immer jemand für ihn da. Die Kosten für die Schulbegleitung übernimmt – so will es das Teilhabe-Gesetz – der zuständige Sozialhilfeträger, in Leys Fall ist das die Stadt Hamm, die Familie lebt in Rhynern. So weit, so gut, könnte man glauben. Doch hält das hier geschilderte Verfahren der Realität nicht stand. Nicht nur Familie Feldeisen, sondern viele Eltern behinderter Kinder, die dringend auf Schulbegleiter angewiesen sind, beklagen, dass es zu wenige gibt, dass die Vermittlung nicht funktioniert, dass sie mit ihren Problemen alleine gelassen werden.

Der Hauptgrund für den Mangel: Geld. Die Schulbegleiter oder auch Integrationskräfte arbeiten für unterschiedliche Vereine, wie etwa den „Gemeinsam e.V.“ aus Werl, den „VeBu“ aus Hamm oder den ebenfalls in Hamm ansässigen Verein „Alltagshelden e.V.“. Diese Vereine haben Verträge mit der Stadt Hamm als Jugendhilfeträger, vermitteln ihre Integrationskräfte an die Eltern und rechnen ihre Leistungen später mit der Stadt ab. Haben junge Menschen keine oder eine seelische Behinderung, ist die Kinder- und Jugendhilfe zuständig, haben sie eine geistige und/oder körperliche Behinderung, ist es die Sozialhilfe.

Zustände wie bei einer Leiharbeitsfirma

Für eine Integrationskraft, die Erfahrung mit autistischen Kindern hat, zahlt die Stadt dem jeweiligen Verein beispielsweise einen Stundensatz von bis zu 26,89 Euro. Die Integrationskraft selbst erhält davon allerdings nur einen Bruchteil. In vielen Fällen entspricht die Bezahlung gerade dem Mindestlohn oder liegt leicht darüber. „Ich habe kürzlich den Verein gewechselt und meine Integrationskraft mitgenommen. Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, dass sie für eine so anspruchsvolle und anstrengende Arbeit so wenig Geld bekommt“, sagt die Mutter einer autistischen Tochter aus Hamm, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Verdienst: Gut 1000 Euro netto

Ein Schulbegleiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, berichtet, bei dem Verein, für den er tätig sei, gehe es zu wie in einer Leiharbeitsfirma. Sein Monatsverdienst für eine 32-Stunden-Stelle betrage 1060 Euro netto. „Zum Leben reicht das nicht. Um die Miete zu bezahlen, brauche ich einen Zweitjob“, berichtet der junge Mann, der nach einer Handwerksausbildung den Job wechselte. Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist Voraussetzung für die Arbeit als Integrationshelfer.

Inzwischen sind immer mehr ehemalige Maler, Bäcker oder Tischler in der Jugendhilfe tätig, pädagogische Fachkräfte sind Mangelware auf dem Arbeitsmarkt. Sozialverbände wie etwa der VdK prangern das Problem seit Jahren an.

Mutter bleibt oft keine Zeit, ihrer Arbeit nachzugehen

Diesen Mangel spürt auch Familie Feldeisen. Jan Feldeisen ist Geschäftsführer eines großen mittelständischen Unternehmens, Mutter Gülay ist selbstständig und organisiert zudem die Erziehung und Betreuung ihres Sohnes. Ihre Arbeit ist ihr sehr wichtig, doch oft ist es unmöglich, ihr nachzugehen. Denn immer wieder muss sie kurzfristig eine neue Schulbegleitung organisieren – mal aus Krankheitsgründen, mal, weil die bisherige Kraft wegen einer besseren Bezahlung plötzlich den Verein gewechselt hat.

Allein ist Gülay Feldeisen mit ihrem Problem nicht, zwei weitere Mütter behinderter Kinder bestätigten es gegenüber dem WA aus eigener, leidvoller Erfahrung. Und Gülay Feldeisen weiß von weiteren Fällen, in denen Kinder wegen fehlender Integrationskräfte zum Teil Monate nicht die Schule besuchen konnten und somit oft auch jegliche Förderung durch Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie ausblieb.

Zwölf Schulbegleiter in drei Monaten

Eine Schulbegleitung zu finden, ist trotz des vorhandenen Rechtsanspruchs leichter gesagt als getan. Die Stadt Hamm, die wie viele andere Kommunen einen erheblichen Teil ihrer Aufgaben in der Sozial- und Jugendhilfe an freie Träger ausgelagert hat, überlässt es den Eltern, sich um Integrationshelfer zu bemühen. Dieses „Wunsch- und Wahlrecht“ bei der Auswahl des Trägers für die Integrationskräfte ist für die Eltern in ihrem Alltag eine echte Bürde.

Immer wieder telefonieren sie alle Vereine in und um Hamm ab. Neulich, nachdem eine Schulbegleitung kurz nach den Ferien wieder einmal gekündigt hatte, hatte Gülay Feldeisen nach Stunden endlich Glück, denn der Bielefelder Verein „Frieda“, der eine Niederlassung in der Oststraße betreibt, konnte kurzfristig jemanden vermitteln. Doch der ständige Wechsel von Schulbegleitern ist nicht nur kraftraubend für die Eltern, sondern auch problematisch für die Kinder. „Leys hatte einmal in drei Monaten zwölf Integrationskräfte“, sagt Gülay Feldeisen. Für den Jungen sei die permanente Umgewöhnung emotional kaum zu bewältigen.

Verwaltung äußert sich nicht

Hamms Oberbürgermeister Marc Herter (SPD) kennt das Problem. Dennoch blieb eine Stellungnahme der Verwaltung hierzu trotz mehrerer Nachfragen unserer Redaktion aus. Immerhin arbeitet die Stadt seit 2016 an der Weiterentwicklung der schulischen Eingliederungshilfe. Seit 2017 wurde mit drei Grundschulen ein Modellprojekt durchgeführt, in dem der Prozess der Einzelanträge für Schulbegleitungen durch die Eltern in eine Pool-Lösung, also in einem festen Team an Schulbegleitern pro Schule, überführt werden soll. Die betroffenen Familien dürften eine solche Lösung sehnsüchtig erwarten.

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